Patrícia Melo – Gestapelte Frauen

Patricia Melo Gestapelte Frauen Rezension

Patrícia Melo hat mit Gestapelte Frauen einen wichtigen brasilianischen Roman geschrieben – sprachlich und inhaltlich eine Wucht.

„Sind das Einzelfälle?“, fragte die Frau der Grünen Steine.
„Nein“, antwortete ich. „Das Gemetzel hat System.“
„Dann ist es ein Krieg“, sagte die Frau der Grünen Steine.
„Eine Epidemie“, behauptete eine schwangere Frau.
Ich sagte: „Tatsache ist, dass die Männer töten und wir sterben.“

Nachdem unsere Protagonistin, eine Anwältin, von ihrem Freund geohrfeigt wurde, ist sie froh, ans andere Ende des Landes zu reisen, um dort an mehreren Gerichtsverhandlungen teilzunehmen. Denn im Bundesstaat Acre mehren sich die Femizide wie sonst nirgends in Brasilien. Auf den Spuren der Mörder eines indigenen Mädchens schließt die Protagonistin neue Freundschaften, überdenkt ihre Beziehung und erinnert sich mithilfe traditioneller Rituale im Urwald an die Geheimnisse ihrer erschütternden Familiengeschichte.

Direkt einmal vorneweg: Dieser Roman ist wirklich harte Kost und hat gleich mehrere Triggerwarnungen verdient (Gewalt, Gewalt gegen Frauen, Mord, Vergewaltigung). Patrícia Melo erzählt zwar von fiktiven Femiziden im Bundesstaat Acre, dennoch ist es auch das wahre Porträt einer misogynen Gesellschaft, deren gesamte Strukturen Frauen und Indigene Völker schon seit langer Zeit benachteiligen und tagtäglich in Gefahr bringen.

Der Begriff „Femicido“ bedeutet laut dem Wörterbuch der spanischen Sprache die „Ermordung einer Frau durch einen Mann wegen Machismo oder Frauenfeindlichkeit“. Femizide sind überall auf der Welt ein schrecklicher Teil unseres Alltags, auch in Deutschland, wo rund alle 3 Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet wird. Brasilien und besonders die Amazonasregion Acre zeigen trotz strengerer Gesetze traurige Tendenzen: Hier steigt die Anzahl der Femizide weiter an, im Jahr 2019 waren es 1.326 registrierte Frauenmorde – die Dunkelziffer kann man nur erahnen – und damit rund 8% mehr als im Vorjahr. Alle 7 Stunden wird in Brasilien ein Femizid begangen.

Ich überlegte, die Fotos Denise, meiner Chefin, mitzubringen. Ihr Cauás niedliches Gesicht zu zeigen, der immer noch aus Sehnsucht nach seiner Mutter weinte. Aber die Kinder der toten Frauen hatten keinerlei Wert für das Statistikbuch meiner Chefin. Also klebte ich sie in mein Heft, in das Heft, in dem ich jeden Tag stapelweise meine toten Frauen sammelte. Die aus dem Gericht und die, die ich in der Zeitung fand. Mein Heft quoll bereits über vor ermordeten Frauen[.]

In Gestapelte Frauen begleiten wir unsere namenlose Protagonistin nach Acre, wo sie Gerichtsverhandlungen beobachten soll. Alle von ihnen beschäftigen sich mit Femiziden, der Fall, der im Fokus steht, ist der des indigenen 14-jährigen Mädchens Txupira, das von drei reichen männlichen Studenten vergewaltigt, gefoltert und ermordet wurde. Wenig überraschend werden die jungen Männer freigesprochen – denn Femizide sind hier ein systemisches Problem – und stattdessen beginnt eine regelrechte Hetzjagd auf alle beteiligten Anwältinnen und berichtenden Journalistinnen. Femizide haben in Melos Roman selten Konsequenzen für die Täter, erst recht nicht, wenn die Mädchen oder Frauen Schwarz oder brasilianische Ureinwohnerinnen sind. Während die Protagonistin versucht, Abstand zwischen sich und ihren gewalttätigen Freund zu bringen und ihre eigene von Gewalt geprägte Familiengeschichte aufzuarbeiten, wird die Situation vor Ort immer gefährlicher für sie.

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Nichts ist einfacher zu erlernen als Frauenhass. An Lehrern herrscht kein Mangel. Der Vater macht es vor. Der Staat macht es vor. Das Rechtssystem macht es vor. Der Markt. Die Kultur. Die Werbung.

Teilweise haben wir es hier mit sehr direkten und ekelerregenden Beschreibungen zu tun. Melo stellt die Ereignisse roh und unbeschönigt dar, sodass es beim Lesen geradezu schmerzt. Die Protagonistin wirkt zwar eher abgeklärt und abgestumpft als schockiert, als Leser*in jedoch trifft einen der Inhalt des Romans gerade dank der stilistischen Entscheidungen mit der vollen Wucht. Wut, Fassungslosigkeit und Schmerz finden sich zwischen den Zeilen. Beim Schreiben dieser Rezension muss ich bestürzt feststellen, dass die zwischen den Kapiteln eingestreuten, News-artigen Informationen über ermordete Frauen tatsächlich reale Fälle sind – nicht nur repräsentative, fiktive Namen auf einer Seite Papier.

In den Kapiteln, in denen die Protagonistin im brasilianischen Urwald an den Ritualen teilnimmt und Ayahuasca zu sich nimmt, stehen mit ihrer reichen Sprache in einem krassen Kontrast zu den nüchternen Berichten der Femizide. Hier, in dieser Anderswelt im Dschungel, im Rausch, ist alles möglich: Die Lebenden sitzen neben den Toten, Menschen verwandeln sich in Tiere und die Frauen können sich endlich für das rächen, was ihnen oder anderen angetan wurde. Für die Protagonistin erweist sich das Dorf als Rückzugsort vor der Gewalt und Gefahr der Städte. Sie lernt die indigene Kultur näher kennen, aber auch mehr über die Hintergründe des Dorfes, deren Bewohner von Drogenschmuggel, Sklaverei und Armut geprägt sind und lange Zeit ausgebeutet wurden.

„Ich mag Männer. Besser gesagt: Mir gefällt die Idee. Nicht die Männer als solche“, erklärte die Dritte.
„Die Idee ist gut. Hat aber nicht funktioniert“, sagte die Erste.
„Ich mag gute Männer. Aus der Ferne. Wenn sie weit weg sind“, sagte die Zweite.
„Gegrillt sind sie gut“, warf eine ein.
„Ich mag lieber Gürteltierfleisch“, erklärte eine andere.

In vieler Hinsicht hat mich Gestapelte Frauen an Fernanda Melchors Saison der Wirbelstürme erinnert – ein Roman über Misogynie, Armut, Gewalt und Aberglaube in einem mexikanischen Dorf. Wer eines von beiden gerne gelesen hat (wenn man das bei solchen Themen denn so sagen kann), wird auch das andere großartig finden. Ihr kennt beide noch nicht? Dann habt ihr eindeutig etwas verpasst!

Patrícia Melos Roman Gestapelte Frauen ist ein aufwühlendes und beeindruckendes, ja, geradezu virtuoses Werk über fiktive und reale Femizide in Brasilien. Es ist nicht einfach zu lesen und doch ein enorm wichtiges Buch im Kampf gegen die systemische Gewalt an Frauen.

Regina hatte Wendeson geärgert, sie hatte ihn mit diesem verdammten Radio auf die Palme gebracht, und Ermício hatte auf Silvanas Handy ein Foto von ihr im Bikini entdeckt, und Daniela wollte mit Alberto Schluss machen, und Rusyleid wollte sich von Tadeu trennen, und Degmar hatte von Ádila bereits die Scheidung verlangt, und Iza starb in Wirklichkeit, weil sie sich geweigert hatte, für Heroilsons Zuckerrohrschnaps aufzukommen. So war Iza, erklärte Heroilson dem Richter, eine schwierige Frau. wirklich schwierig. […] Das Problem war die Mischung aus meinem Schnaps und ihrer Ungehorsamkeit, Herr Doktor, behauptete einer. Tadeu handelte aus Notwehr, das muss unbedingt unterstrichen werden. Aus Notwehr hat Tadeu Rusyleid den Kopf abgetrennt.

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