Mary Shelley – Frankenstein

Mary Shelleys Frankenstein ist eine zutiefst menschliche, traurige und überraschend moderne Geschichte über Einsamkeit, Verantwortung und die Folgen unserer Entscheidungen.

Der junge Wissenschaftler Victor Frankenstein ist besessen von der Idee, die Grenzen der Natur zu überwinden. In einem fieberhaften Schaffensprozess gelingt es ihm schließlich, künstlich Leben zu erschaffen. Doch als die Kreatur vor ihm steht, ergreift ihn Entsetzen. Statt Verantwortung für sein Werk zu übernehmen, flieht er. Was folgt, ist die Geschichte zweier Figuren, die auf unterschiedliche Weise an Isolation, Schuld und gesellschaftlicher Ausgrenzung zerbrechen.

Ich sammelte Knochen in Beinhäusern und entweihte mit gottlosen Händen die ungeheuerlichen Geheimnisse des menschlichen Körpers. Anatomiesaal und Schlachthof lieferten mir viele meiner Zutaten; und oft wandte ich mich voll innerem Abscheu von meiner Arbeit ab, bis mich die ständig wachsende Unrast zwang, mein Werk der Vollendung entgegen zu treiben.

Was mich an Frankenstein besonders fasziniert hat, ist die enorme Diskrepanz zwischen dem Roman und seinem kulturellen Nachleben. Das grünhäutige, stumme Monster aus zahllosen Verfilmungen und Halloween-Dekorationen hat mit Shelleys Kreatur erstaunlich wenig gemeinsam. Im Roman begegnen wir einer hochintelligenten, sensiblen Figur, die lesen, denken und reflektieren kann. Einer Figur, die sich nach Nähe sehnt und deren größte Tragödie nicht ihre Existenz, sondern ihre Zurückweisung ist.

Gerade die Passagen aus der Perspektive der Kreatur gehören für mich zu den stärksten des gesamten Buches. Ihre Beobachtungen der Menschen, ihr Wunsch nach Zugehörigkeit und ihr zunehmender Schmerz über die eigene Ausgeschlossenheit haben mich deutlich mehr berührt als die Handlung um Victor Frankenstein selbst. Shelley stellt dabei eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren hat: Wird ein Wesen zum Monster geboren oder wird es erst dazu gemacht?

Überhaupt wirkt vieles an diesem Roman erstaunlich modern. Zahlreiche Literaturwissenschaftler lesen Frankenstein heute als Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Hybris, technologischen Grenzüberschreitungen und der Verantwortung von Schöpfern gegenüber ihrem Werk. Angesichts aktueller Debatten über künstliche Intelligenz, Gentechnik oder technologische Entwicklungen erscheint ein Roman von 1818 plötzlich bemerkenswert gegenwärtig. Shelley interessiert sich dabei weniger für die technische Möglichkeit des Lebenserschaffens als für die moralischen Konsequenzen.

Gleichzeitig ist Frankenstein auch ein Roman der Romantik, und das merkt man auf fast jeder Seite. Die Natur spielt eine zentrale Rolle: gewaltige Berglandschaften, eisige Polarregionen, stürmische Nächte und einsame Seen prägen die Atmosphäre. Manchmal nehmen diese Beschreibungen erstaunlich viel Raum ein, deutlich mehr, als ich erwartet hatte. Für manche Leser:innen mag das eine Herausforderung sein, für mich verstärkte es jedoch die melancholische Grundstimmung des Romans. Die Landschaften spiegeln immer wieder die inneren Zustände der Figuren wider und verleihen der Geschichte eine fast mythische Dimension.

Aber ich bin ein zerschmetterter Baum; der Blitz hat meine Seele getroffen, und mir wurde nun bewusst, dass ich überleben müsse, um als Beispiel für das zu wirken, was ich bald zu sein aufhören werde – das elende Schauspiel eines menschlichen Wracks, mitleiderregend für andere und mir selbst unerträglich.

Besonders beeindruckt hat mich außerdem, wie wenig eindeutig Shelley ihre Figuren zeichnet. Victor Frankenstein ist weder Held noch klassischer Bösewicht. Seine Kreatur ist weder unschuldig noch monströs. Beide handeln nachvollziehbar und gleichzeitig fatal. Beide sehnen sich nach Anerkennung. Beide scheitern daran, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Gerade diese Ambivalenz macht den Roman auch mehr als zweihundert Jahre nach seinem Erscheinen noch so lesenswert.

Frankenstein ist also gleichzeitig ein Horrorroman wie auch ein Buch über Einsamkeit, Ablehnung, Verantwortung und das zutiefst menschliche Bedürfnis, gesehen und geliebt zu werden. Düster, melancholisch und stellenweise überraschend berührend. Kein Wunder, dass es bis heute zu den einflussreichsten Werken der Literaturgeschichte gehört. Ich habe es sehr, sehr gerne gelesen – und verstehe jetzt deutlich besser, warum er seit über zweihundert Jahren nicht aus unserem kulturellen Gedächtnis verschwunden ist.

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