Matt Haig – The Midnight Library

Matt Haig The Midnight Library Rezension

Matt Haig gehen seine kreativen Ideen anscheinend nie aus: The Midnight Library ist ein weiterer melancholischer, amüsanter und herzerwärmender Roman über das Leben.

„Sometimes the only way to learn is to live.“

Was wäre, wenn du kurz bevor du stirbst in ein Zwischenreich kommst? Und wenn dies eine große Bibliothek ist, voller ungelesener Bücher? Und jedes dieser Bücher eines deiner potenziellen Leben enthält? In einem bist du Rockstar, in einem anderen bist du deiner besten Freundin nach Australien gefolgt. In einem weiteren erforschst du die Gletscher in der Arktis. Genau das passiert Nora Seed, als sie versucht, sich nach langer Depression das Leben zu nehmen. Plötzlich hat sie die Wahl: Was wäre, wenn…? Doch Nora muss feststellen, dass nicht alle Möglichkeiten auch ein besseres Leben versprechen – und herausfinden, was es eigentlich ist, das sie sucht.

„Between life and death there is a library. And within that library, the shelves go on for ever. Every book provides a chance to try another life you could have lived. To see how things would be different if you had made other choices… Would you have done anything different, if you had the chance to undo your regrets?“

Matt Haig kann es einfach. Mit jedem weiteren Roman, den ich von ihm lese, bin ich erneut davon beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit er absolut kreative und kluge Szenarien entwirft. The Midnight Libraby ist hier keine Ausnahme. Obwohl ich gestehen muss, dass ich anfangs nicht ganz überzeugt war von dem Konzept und nach den ersten zwei Leben, die Nora ausprobierte, fand, dass der Roman einem Vergleich mit Ich und die Menschen sowie Wie man die Zeit anhält wohl nicht standhalten kann – konnte mich das Buch nach und nach immer mehr überzeugen.

Nora ist unglücklich in ihrem Leben: Sie ist Anfang 30, ihre Eltern sind tot, zu ihrem Bruder hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Sie lebt immer noch in Bedford, wo sie aufgewachsen ist, weil ihre beste Freundin Lizzy ohne sie nach Australien gegangen ist. Nora arbeitet in einem Musikgeschäft, doch dort wird ihr gekündigt – und ihr geliebter Kater Volts wird überfahren.

Ihr Leben ist voller Reue. Nora bereut es, aus der Band ausgestiegen zu sein, die sie mit ihrem Bruder hatte. Sie bereut, nicht mit ihrem Freund Dan gemeinsam einen Pub eröffnet zu haben. Nicht mit Lizzy nach Australien gegangen zu sein. Nicht gut genug auf ihren Kater aufgepasst zu haben. Dass ihre Eltern nicht mehr leben. Es sind große und kleine Dinge, ihre eigenen Entscheidungen und Tatsachen, auf die sie keinerlei Einfluss hatte. Genau genommen bereut sie so viel, dass sie damit in der Midnight Library ein ganzes Buch füllt: The Book of Regrets.

Matt Haig The Midnight Library Roman

„Pressure makes us, though. You start off as coal and the pressure makes you a diamond.“
She didn’t correct his knowledge of diamonds. She didn’t tell him that while coal and diamonds are both carbon, coal is too impure to be able, under whatever pressure, to become a diamond. According to science, you start off as coal and you end up as coal. Maybe that was the real-life lesson.

Nach und nach arbeitet Nora dieses Buch ab. Die Bibliothekarin Mrs. Elm hilft ihr dabei, immer wieder in andere Bücher und damit in andere Leben einzutauchen. Jede noch so kleine Entscheidung, die Nora je getroffen hat, führte zu einem völlig anderen Leben. So versucht sie, herauszufinden, welches Leben das richtige für sie wäre. In welchem Leben ist sie hundertprozentig glücklich, wo würde sie gerne für immer bleiben? Doch Nora muss erkennen, dass all die Möglichkeiten, die ihr so spannend und glamourös vorkamen, gar nicht unbedingt besser sind als das Leben, das sie vorher hatte. Und wie soll sie jemals für immer in einem der Leben bleiben, wenn es sich so verdammt fremd und unverdient anfühlt?

Es dauert etwas, bis Nora und ich lernen, dass alle Entscheidungen, die wir bereuen, uns erst zu dem Menschen machen, der wir sind – und das ist auch gut so. Matt Haig, der selbst seit Jahrzehnten an Depressionen leidet und einmal kurz davor stand, sich das Leben zu nehmen, weiß genau, wovon er schreibt. Und das spürt man auf jeder einzelnen Seite. Bisher habe ich bei jedem von Haigs Romanen weinen müssen – und auch The Midnight Library hat es am Ende noch geschafft.

Dies ist ein magisches Buch, das einen irgendwann nicht mehr loslässt. Es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Wie man die Zeit anhält, und dennoch sind beide so grundlegend verschieden. Ebenfalls hat es mich auch ein wenig an David Mitchells Romane erinnert – Chaos, Der Wolkenatlas und Die Knochenuhren.

„It’s not what you look at that matters, it’s what you see.“

Matt Haigs neuer Roman The Midnight Library mag mich vielleicht nicht von der allerersten Seite an überzeugt haben, doch ich habe schnell meine Meinung geändert. Er ist herzerwärmend, aber nicht kitschig, amüsant, aber nie albern. Er ist intelligent, ohne je zu belehren und zeigt uns, was das Leben lebenswert macht und warum wir dafür eigentlich schon alles in uns haben, was wir brauchen. Trotz der ernsten Thematik ist es erneut ein absolutes Wohlfühlbuch aus Haigs Feder – ein Buch, das jeden Leser und jede Leserin berühren dürfte.

Die deutsche Übersetzung von The Midnight Library erscheint am 01. Februar 2021 bei Droemer.

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