Anna Burns – Milchmann

Rezension Anna Burns Milchmann Roman

Zwischen Emanzipationsgeschichte und politischem Roman: Milchmann von Anna Burns wurde völlig verdient ausgezeichnet.

Im vergangenen Jahr erhielt der nordirische Autorin Anna Burns den Man Booker Prize für ihren Roman Milkman, der nun endlich unter dem Titel Milchmann in deutscher Übersetzung erschienen ist. Angesiedelt zur Zeit der „Troubles“ in einem namenlosen Vorort, wird die 18-jährige Erzählerin von einem älteren verheirateten Mann bedrängt, der unter dem Spitznamen „Milkman“ bekannt ist. Als Teil einer paramilitärischen Gruppe nutzt er seine Position aus, um sich ihr zu nähern, wobei er keine Gewalt anwendet.

People always said you’d better be careful. Though how, when things are out of your hands, when things were never really in your hands, when things are stacked against you, does a person – the little person down here on the earth – be that?

Scheinbar weiß er fast alles über sie und ihren Alltag, wartet im Park, wo sie spazieren geht auf sie, oder stalkt die junge Frau aus seinem weißen Van. Obwohl er ihr unangenehm ist und zwischen den beiden nichts passiert, geht ihr soziales Umfeld vom Gegenteil aus und so wird sie zum Gegenstand zahlreicher Gerüchte. Eines der wesentlichen Konzepte des Romans ist die Namenlosigkeit. Weder die Erzählerin, der Ort noch die anderen Figuren erhalten Namen. Sie heißen nur Somebody McSomebody, maybe boyfriend, milkmann, third brother-in-law oder ähnlich. Die Protagonistin lehnt sich gegen die soziale Kontrolle auf, liest etwa klassische Romane im Gehen, was sie automatisch verdächtig macht und verteidigt sich mit einem sehr eigenen Humor. Sie verweigert die allgemein herrschende Aufmerksamkeit und folgt lieber ihrer Zerstreuung. Ihre Jugend ist geprägt vom Nordirlandkonflikt. Spaltung und Misstrauen sind überall zu finden. Der Konflikt wird zwar ebenfalls nicht genau benannt, ist aber im Handeln der Figuren und Beschreibungen klar erkennbar. Überall verlaufen nicht nur geografische Linien, sondern ebenfalls soziale, die nur selten überschritten werden. Wer nicht die richtige Einstellung und Haltung vorweisen kann, sollte lieber den Mund halten, oder besser gleich verschwinden.

The truth was dawning on me of how terrifying it was not to be numb, but to be aware, to have facts, retain facts, be adult.

Im nordirischen Stil gehalten und fast ohne Absätze geschrieben ist der Einstieg zunächst gewöhnungsbedürftig und der Roman insgesamt durchaus eine Herausforderung. Aber unter der Oberfläche verbindet die Autorin gekonnt persönliche und gesellschaftliche Themen miteinander und entwickelt einen klaren Ton, der sowohl für bedrückende als auch fast schon humorvolle Szenen sorgen kann. Dabei wechselt sie ohne Vorwarnung vom Umgangston in den gehobenen Sprachgebrauch und verweigert typische epische Beschreibungen.

So schafft die Autorin eine hervorragende Verbindung aus einer emanzipatorischen Geschichte, in der sich die 18-Jährige gegen die herkömmlichen (patriarchalen) Strukturen auflehnt, sich nicht mehr aus dem Haus traut und sich dafür auch noch Vorwürfe von ihrer Mutter und ihren Schwestern anhören muss und einem gesellschaftlichen Panorama, in dem die Gewalt allgegenwärtig ist.

At the time, age eighteen, having been brought up in a hair-trigger society where the ground rules were – if no physically violent touch was being laid upon you, and no outright verbal insults were being levelled at you, and no taunting looks in the vicinity either, then nothing was happening, so how could you be under attack from something that wasn’t there? At eighteen I had no proper understanding of the ways that constituted encroachment.

Milchmann von Anna Burns ist ein sehr eigener und gleichzeitig teilweise auch anstrengender Roman. Das liegt zum einen an der Thematik und gleichzeitig an dem ungewohnten Stil und den fehlenden Namen, die nur wenig Raum für Identifikation erlauben. Wer sich darauf einlassen kann, erhält dafür einen Roman, der neue Wege geht und sowohl stilistisch als auch inhaltlich auf sehr hohem Niveau angesiedelt ist.

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