Tomas Espedal – Das Jahr

Tomas Espedal Das Jahr Rezension

Mit seinem neuen Buch Das Jahr kann Tomas Espedal nicht seine gewohnte Klasse erreichen.

In Form eines epischen Gedichts kreist der norwegische Autor in Das Jahr um die Themen Tod, Altern und Liebe. Wer seine anderen Texte kennt, weiß, dass diese Felder im Werk Espedals immer wiederkehren und er sie in verschiedenen Formen wie Tagebüchern, Essays, Briefen und Romanen variiert und bearbeitet. Ebenfalls ein starker Wiedererkennungswert ist der poetische und oftmals knappe Stil, der sich auf das Nötigste beschränkt, dabei aber die zentralen Themen in den Fokus rückt und diese eng umkreist.

Das Jahr beschäftigt sich in einem ersten Teil mit dem Liebeskummer des lyrischen Ichs, das über den Verlust von Janne nicht hinwegkommt, die ihn für einen seiner Freunde verlassen hat. Im späteren Verlauf steigert sich der Text in Rachefantasien. Zunächst wird aber auf den Spuren Petrarcas in Frankreich, genauer Avignon, gewandelt, wo der Dichter alleine lebte und über seine große Liebe Laura schrieb.

Die Liebe
was weißt du über sie
bevor du die Geliebte verloren hast
bevor du begriffen hast dass du ohne sie nicht leben kannst
und dennoch musst du leben
ohne sie.

Die Kapitel richten sich nach den Jahreszeiten und Petrarca verschwindet aus dem Buch. Dafür spielt nun Espedals Beziehung zu seinem Vater eine größere Rolle. Während einer gemeinsamen Kreuzfahrt setzt sich das lyrische Ich mit dem Prozess des Älterwerdens und dem Tod auseinander. Der Vater ist für ihn ein Symbol des Verfalls und er ärgert sich über dessen scheinbare Selbstaufgabe. Zurück in der Heimat Norwegen steht wieder der Liebeskummer im Vordergrund – neben dem durchgehend hohen Alkoholkonsum.

Jeder Tag
jeder einzelne Tag
ist eine Veränderung
und wir müssen lernen
den Tag zu sehen
als das was er ist
einen neuen Tag
anders als der gestrige.

Obwohl ich es immer schön finde, wenn Autoren von der gewöhnlichen Prosaform abweichen und versuchen, ihre Texte anders zu gestalten, sagt mir das Experiment von Espedal nicht durchgängig zu. Während er sich inhaltlich mit Petrarca auseinandersetzt, passt die Form noch zum Inhalt und Espedal findet in seinen gewohnten lyrischen Stil und reduziert mit der Sprache gleichzeitig die Welt um sich herum, die seinen immer wieder aufgegriffenen Themen entspricht. Obwohl er auf Reime und Versmaß verzichtet, vermag er es, seine Leser tief in den Text zu ziehen. Dasselbe gilt allerdings nicht für den letzten Teil des Buches. Im Zusammenhang mit dem biographischen Erzählen und dem Reflektieren über sein Leben und das seines Vaters, passt die Form für mich nicht mehr zum Inhalt, zumal es nicht mehr so poetisch ist.

Ebenfalls schwierig ist das Umkreisen der Themen. Hier bietet Epedal wenig Neues und kann nicht mehr das sehr hohe Niveau seiner anderen Bücher erreichen, wobei für mich hier Wider die Kunst und Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen zu den Highlights gehören.

Jemanden verlieren
der nicht gestorben ist
ist fast schlimmer
als jemanden zu verlieren der
richtig
weg ist.

Als großer Fan des Autors muss ich eingestehen, dass Tomas Espedals Das Jahr im Vergleich eine kleine Enttäuschung war, wenn auch auf hohem Niveau. Vor allem im zweiten Teil des Buches will die Form für mich nicht mehr zum Inhalt passen und die bearbeiteten Themen hat Espedal bereits stärker aufbereitet. Für Leser die sich neu mit dem Werk des Autors auseinandersetzen wollen, würde ich Wider die Kunst oder Gehen empfehlen.

Zum einem ähnlichen Urteil kommt Marina Büttner auf literaturleuchtet. Eine weitere Rezension findet ihr auch bei Literaturreich.

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