Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong Auf Erden sind wir kurz grandios Rezension

Ein sprachlich beeindruckendes Debüt, das seinen Titel nur allzu wörtlich nimmt: Ocean Vuongs Auf Erden sind wir kurz grandios ist genau das, wirklich ganz schön grandios.

Do you remember the happiest day of your life? What about the saddest? Do you ever wonder if sadness and happiness can be combined, to make a deep purple feeling, not good, not bad, but remarkable simply because you didn’t have to live on one side or the other?

Das Buch ist zwar als Roman benannt, ist formell gesehen aber ein Brief, den Vuong an seine Mutter schreibt, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil, diese ihn als Analphabetin mit spärlichen Englischkenntnissen nicht lesen kann. Fragmentarisch und assoziativ folgt der junge vietnamesisch-amerikanische Schriftsteller seinen Erinnerungen an seine Kindheit, entfremdet und von anderen Schülern ausgegrenzt, sprach- und machtlos, während seine Mutter Rose sich in den Nagelstudios körperlich zugrunde schuftet und seine Großmutter, Lan, versucht mit ihrem Kriegstrauma zu leben, zu überleben.

I didn’t know that the war was still inside you, that there was a war to begin with, that once it enters you it never leaves – but merely echoes, a sound forming the face of your own son. Boom.

Sprunghaft begleiten wir Vuong zurück zu seiner ersten großen Liebe, einem amerikanischen Jungen mit einem unberechenbaren, trinkenden Vater, aber auch an den Küchentisch, an dem seine Großmutter Lan ihm Geschichten aus Vietnam erzählt, vom Krieg, von Soldaten, die Affenhirne verspeisen, von ihrer Flucht ihren Töchtern Rose und Mai. Gewalt und Liebe liegen hier immer eng beieinander, genauso wie Schrecken und Schönheit. Rose schlägt ihren Sohn, doch sie opfert sich auch für ihn auf, versucht, ihm das bestmögliche Leben zu bieten. Der Ich-Erzähler, der von allen Little Dog genannt wird, ist nicht in den USA Zuhause, hat aber auch keinen spürbaren Bezug zu seinem Geburtsland Vietnam. Er lebt in einem heruntergekommenen Vorort, in dem lilafarben leuchtende Blumen der einzige Klecks Schönheit zwischen Beton und Stacheldrahtzäunen darstellen. Er wird von anderen ausgelacht und verprügelt, weil er sich nicht traut, Englisch zu sprechen, weil er ein rosa Fahrrad fährt und weil er auf Jungs steht. Er verliert seine Freunde, die er irgendwann findet, nach und nach an die Drogen. Und dennoch ist da irgendetwas, das ihn antreibt, weiterzumachen, zu leben, und den Blick weg von den toxischen Beziehungen, weg vom Rassismus zu wenden: denn wo Gewalt ist, ist auch Liebe, wo Dunkelheit ist, ist auch Licht.

Es ist gleichzeitig zutiefst berührend und eine unglaubliche Freude, Vuongs Spiel mit der Sprache und seine Erfindung von kreativen Sprachbildern zu beobachten: „We were exchanging truths, I realized, which is to say, we were cutting one another“, „Sometimes, when I’m careless, I believe the wound is also the place where the skin reencounters itself, asking of each end, where have you been?“, „When the rain starts, the glass warps them, so that only their shades, colors, like impressionist paintings, remain“, „[…]where the house sits, so grey the rain almost claims it, rubbing its edges into weather“, „A person beside a person inside a life. That’s called a parataxis. That’s called the future.“ Wer vergessen haben sollte, warum er Literatur liebt, warum er Sprache liebt, wird auf so gut wie jeder Seite von Vuong daran erinnert.

Hier sei ganz ausdrücklich empfohlen, das Buch im englischsprachigen Original zu lesen, sofern möglich. Die deutsche Übersetzung scheint auch gelungen zu sein, aber gerade bei Romanen, die sprachlich überzeugen und so lyrisch sind wie dieser hier, fühlt sich die Lektüre des Originals noch einmal anders an. An manchen Stellen lakonisch, an anderen roh und verletzlich, oftmals imposant-poetisch und kraftvoll lässt Vuong seine Wurzeln als Dichter durchscheinen.

Auf Erden sind wir kurz grandios ist experimentell, ist berührend, ist eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte, gleichsam aber auch ein kritisches Abbild unserer Gesellschaft und nicht zuletzt die Suche nach der eigenen Stimme, der eigenen Identität.

I remember studying my father’s letter and seeing a scatter of tiny black dots: the periods left untouched. A vernacular of silence. I remember thinking everyone I loved was a singe black dot on a bright page. I remember drawing a line from one dot to another with a name on each one until I ended with a family tree that looked more like a barbed-wire fence. I remember tearing it to shreds.

Ocean Vuong, der schon für seine Lyrik mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde, hat mit seinem Debütroman Auf Erden sind wir kurz grandios ein, wie der Titel schon verrät, grandioses Werk über Identität, Heimat, Familie, Gewalt, Erinnerungen und Liebe geschaffen. Am liebsten möchte man sich in seine poetische Prosa einwickeln wie in eine Decke. Und nie mehr darunter hervorkommen.

Weitere Rezensionen findet ihr bei literaturleuchtet, Buch-Haltung, Buzzaldrins sowie Poesierausch.

5 comments

Add Yours

Schreibe eine Antwort zu marinabuettner Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.