Karina Sainz Borgo – Nacht in Caracas

Karina Sainz Brogo Nacht in Caracas Rezension

Karina Sainz Borgo siedelt ihren gelungenen Debütroman Nacht in Caracas in ihrer alten Heimat Venezuela an.

Nachdem Adelaida ihre Mutter beerdigt hat, gibt es nichts mehr, das sie in dem Land hält. Gewalt, Misswirtschaft und schlechte Versorgung prägen den Alltag. Kurz nach der Beerdigung wird sie aus ihrer Wohnung vertrieben. Zuflucht findet sie in der Nachbarswohnung, deren Bewohnerin tot auf dem Boden liegt. Den einzigen Ausweg sieht Adelaida in der Annahme einer anderen Identität, um dem Schrecken zu entkommen.

Die Bestattungsinstitute der Stadt waren wie Öfen. Die Leute wurden hinein- und hinausgeschoben wie die Brote, die in den Läden knapp wurden und als steinharte Erinnerung an den Hunger auf unser Gedächtnis niederregneten.

Voller Wut berichtet Adelaida von ihren Erfahrungen, ihrer Verzweiflung und der sich immer mehr ausbreitenden Gewalt. Aus der Ich-Perspektive erzählt sie neben der Gegenwart von der Vergangenheit, vor allem von ihren Tanten, in einem kleinen Dorf, wo sie als Kind viel Zeit verbracht hat. Borgo schreibt sehr explizit und direkt. Dabei sind gerade die Beschreibungen der Auseinandersetzungen und ihrer Folgen hart und schonungslos dargestellt. Anhand des Einzelschicksals ihrer Protagonistin erschließt sie das Panorama der venezolanischen Hauptstadt voller Banden, Armut und Kämpfen zwischen den verschiedenen Fraktionen. Auch die Inflation und Mangelversorgung wird thematisiert. So entsteht ein eindrucksvolles Bild der politischen und gesellschaftlichen Situation, die anschaulich anhand von Adelaidas Eindrücken geschildert wird. Sie erlebt Terror, Willkür, Repression und staatlich angeordnete Gewalt direkt mit und sieht dabei zu, wie diese sich immer mehr im Alltag der Menschen ausbreiten und das Leben bestimmen. Hier werden diese Mechanismen aufgedeckt und benannt. Auch Adelaida verliert das Vertrauen in Personen, die sie bereits länger kennt.

Der Junge stellte sich beim Posten der nationalen Kommandantur ein und fragte nach dem Befehlshaber. Und vor dem Militärstaatsanwalt erzählte er in unzusammenhängenden Sätzen von dem Mord, den zu erzählen man ihm aufgetragen hatte. Sie schickten jemanden, der nicht begriff, was er da gesehen hatte: eine weiße Stimme für den dunklen Fleck des Todes.

Die Erinnerungen stehen teilweise im starken Kontrast zur Gegenwart. So erinnert sich Adelaida an Nachbarn oder Bekannte, die aus Europa nach Südamerika kamen, um hier ihr Glück zu suchen und sich eine neue Existenz aufbauten. Auch ihre Besuche im Dorf der Tanten verbindet sie mit besonderem Essen – das in ihrer Gegenwart nur noch zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist. In Adelaida spiegelt sich so die gesamte Krise des Landes.

Was dabei allerdings auf der Strecke bleibt ist ihr Identitätswechsel, der schnell und oberflächlich vollzogen wird. Dafür stehen die Umstände, die Adelaida zu diesem zwingen, zu sehr im Vordergrund und erlauben nicht genug Raum. Dennoch wird ihr ganzer Schmerz, nicht nur um den Verlust ihrer Mutter, sondern auch ihr Verlust der Heimat, greifbar und in teils sehr bildreichen Beschreibungen deutlich. In knapp gehaltenen Sätzen schafft die Autorin eine dichte Atmosphäre und eindrückliche Bilder, in denen sich die ganze Wut, Angst und Verlorenheit der Erzählerin entladen.

Karina Sainz Borgos Nacht in Caracas besticht vor allem durch seine Direktheit und Klarheit. Anhand ihrer Protagonistin zeigt die Autorin die Situation in ihrem Heimatland auf und erzählt schonungslos von der Gewalt. Auf der Strecke bleibt dabei der Wechsel der Identität von Adelaida. Dafür legt sie offen, wie Repression und Willkür immer stärker das Leben der Menschen bestimmen und sie dazu zwingen, bis zum Äußersten zu gehen.

 

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  1. Rückblick: Lesemonat November – Letusredsomebooks

    […] In einem von Gewalt, Willkür, Repression und Unterversorgung geprägten Venezuela weiß Adelaida keinen Ausweg mehr, außer, die Identität der toten Nachbarin anzunehmen, um das Land zu verlassen. Sainz Borgo schreibt mit viel Wut und die Verzweiflung ihrer Protagonistin und Ich-Erzählerin ist auf jeder Seite spürbar. Dabei entsteht ein atmosphärischer Roman, dessen Abgründe den Leser unvorbereitet treffen. Die ausführliche Rezension findet ihr hier. […]

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