Rainald Goetz – Irre

Rezension Rainald Goetz Irre Roman

Irre erzählt von einem „Helden unserer Tage“. Bis heute ist Rainald Goetz‘ Debütroman ein mehr als verdienter Klassiker der jüngeren deutschen Literatur.

Rainald Goetz‘ Debütroman Irre wurde 1983, also vor 26 Jahren, veröffentlicht. An Aktualität und Klasse hat das Buch bis heute nichts eingebüßt. Im selben Jahr machte der Autor von sich reden, als er sich beim Klagenfurter Bachmannpreis zu den Worten „Ihr könnts mein Hirn haben“ mit einer Rasierklinge selbst verletzte.

Raspe, so der Name des Protagonisten, steht zu Beginn des Textes, ähnlich wie der Autor damals selbst, vor einer Laufbahn als Mediziner. Doch auf das, was ihn in der psychiatrischen Klinik erwartet, hätte Raspes Studium ihn nicht vorbereiten können. Aber der Reihe nach. Irre ist in drei Teile gegliedert, wovon der erste mit einer Art Stimmengewirr anfängt, das sich zunächst nur schwer zuordnen lässt. Dieses Gewirr löst sich dafür im zweiten Teil immer weiter auf, wenn Raspe als Mediziner zu erkennen ist und die Stimmen den Patienten zugeordnet werden können. Goetz‘ Thema ist unter anderem die Psychiatrie und Raspe wird zu einem „Helden unserer Tage.“

Und während ihr Mut sammelt, sage ich es noch einmal pointiert und schön langsam zum Mitschreiben: In einer von falschem Bewußtsein bestimmten Praxis seines durchaus freien Willens hat der Irre den Wahn gewählt, er will also den Wahnsinn, um sich den Geboten von Kapital und Staat fügen zu können, indem er von den Ansprüchen der bürgerlichen Welt auf Tauglichkeit ihrer Mitglieder einfach sich dispensiert.

Als Leser hatte ich immer wieder den Eindruck, als würde Goetz tief in die Köpfe seiner Irren und Ärzte hineinblicken. Raspe erscheint zu Beginn motiviert in der Klinik, mit dem unbedingten Willen, die ihm anvertrauten Menschen zu heilen und ihnen zu helfen. Am Ende bleibt davon nichts mehr übrig. Die jeden Tag wiederkehrende Konfrontation mit den psychisch Kranken bricht Raspe. Und so ist es kein Wunder, dass der dritte Teil mit den Sätzen „NEU ANFANGEN. Ja!, nocheinmal anfangen, ganz anders. Endlich möchte ich anfangen. Ich hätte so gerne ein Leben.“ beginnt. Der dritte Teil präsentiert Raspe mal mit Gewaltfantasien, mal mit Anklagen an das, was als gehobene Kultur bezeichnet wird, und zeigt ihn mit seinem Bier, bei dem er Zuflucht sucht. Die Trennlinie zwischen Arzt und Irrem wird bewusst immer unschärfer. Gleichzeitig wird hier wohl auch der Autor selbst im Ich erkennbar, der versucht Leben, Arbeit und Wirklichkeit miteinander zu verbinden.

Jetzt kommt es, nämlich die Gewöhnung. Sie ist das Notwendige in der Medizin, insbesondere in der Psychiatrie. Die Gewöhnung ist schon da, wenn dem jungen Arzt unmerklich mit der TodesInjektion die anfangs ebenso unmerkliche Anfälligkeit für das Kranke in den Körper hinein injiziert worden ist. Mit der Schwäche wächst im Arzt die Gewöhnung zu einer HaltKrücke. So tritt anstelle der Unsterblichkeit das Leben.

Bereits in seinem Debüt zeigt Goetz, dass er über eine große Bandbreite von literarischen Fertigkeiten verfügt und diese auch gekonnt einzusetzen weiß. In jedem der drei Teile bedient er unterschiedliche Formen und Möglichkeiten der Darstellung. Aber auch innerhalb der Kapitel wechselt Goetz unerwartet die Tonalität und Erzählweise. Die intensiven Verhaltensbeschreibungen der Patienten gelingen ebenso wie Anklagen gegen die Hochkultur, überraschende Wutausbrüche und leise sowie poetische Passagen. Dasselbe gilt für den akademischen Ton der Ärzte genau wie für die assoziativ erscheinenden Gedankenströme der Patienten. Die Wörter und Sätze entwickeln dabei einen sehr eigenen Rhythmus, der lange in Erinnerung bleibt.

Für mich war der erste Teil der intensivste. Goetz lässt zwar Raspe an verschiedenen Stellen in Form eines Ichs auftauchen, aber ansonsten erscheint das mit „Sich entfernen“ überschriebene Kapitel durch die vielen Perspektivwechsel und Sprünge chaotisch. Gleichzeitig könnte es fast schon als dokumentarisch bezeichnet werden. Es arbeitet mit mehreren Fallgeschichten von an Schizophrenie oder an Depressionen erkrankten Figuren, deren Stimmen, Gefühle und Erlebnisse durcheinanderlaufen. Daneben stehen Therapiemethoden und das Leben der Ärzte.

Ich bin nicht geisteskrank, krank ist meine Seele. Ich habe große Angst. Der Sog dieser Gedanken wird immer wilder. Ich werde alles zerstören. Nicht wie früher: auslöschen, Wegdämmern, für immer Schlafen. Ich muß ihn zerschmettern und zerstückeln. Von meinem Körper soll nichts heil übrig bleiben. Mein Körper ist die Lüge. In mir, innen, ist alles zerstört. Von innen her bin ich zerfressen und zerstückelt. Nur Angst und Versagen, nie war etwas anderes in mir. Die Lüge ist unerträglich. Ich werde sie beseitigen. Ich werde ihn vernichten und zerstückeln.

Auch so viele Jahre nach seiner Veröffentlichung ist Irre von Rainald Goetz immer noch ein Erlebnis und konsequent anders als gewöhnliche Leseerfahrungen. Schonungslos und offen beschreibt Goetz den Klinik-Alltag sowohl aus Sicht der Patienten als auch der Ärzte. Die stilistische Qualität hält problemlos das inhaltliche Niveau. Goetz zeigt, dass er viele Möglichkeiten der Ausarbeitung nicht nur beherrscht, sondern diese auch sinnvoll miteinander verbinden kann. So ist Irre auch heute noch ein herausragender Roman.

 

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