Juan Gabriel Vásquez – Die geheime Geschichte Costaguanas

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Zwischen historischem Roman und Familiengeschichte: In seinem wunderbar erzählten Buch Die geheime Geschichte Costaguanas berichtet Juan Gabriel Vásquez vom Bau des Panamakanals, der Geschichte seiner Heimat Kolumbien und macht den Leser zum Richter.

Ende des 19. Jahrhunderts wird in Panama ein Kanal gebaut, der die Weltmeere verbinden soll. Der Ort, der vorher im politischen Weltgeschehen kaum eine Rolle gespielt hat, rückt plötzlich in den Fokus der USA und einiger europäischer Länder. Auch der bekannte Autor Joseph Conrad interessiert sich für die Provinz. Hat ihn diese zu seinem Roman Nostromo inspiriert? José Altamarino behauptet, Conrad hätte ihm die Geschichte geklaut, nachdem er sie ihm in London leichtfertigerweise erzählt hat. Und so berichtet José von seinem eigenen Leben, inmitten von politischen Umbrüchen.

Der Roman erzählt die Familiengeschichte von José Altamarino, der ohne Vater bei seiner Mutter aufwächst. Lange weigert sie sich, ihm von seinem Vater zu erzählen. So macht sich José selbst auf die Suche nach ihm und findet ihn schließlich in Panama, wo er maßgeblich an einem Projekt beteiligt ist, das die Welt für immer verändern soll und verschiedene Großmächte in die Provinz lockt: der Panamakanal. Eine außergewöhnliche und spannende Erzählkonstruktion, die Juan Gabriel Vásquez nutzt, um einen interessanten und stilistisch durchkomponierten Roman zu schreiben. Der Vorwurf von José an Conrad lautet, dass dieser die Erzählung nur lückenhaft und teilweise verdreht wiedergegeben hätte. Sein Bericht soll nun die wahre Geschichte seiner Heimat erzählen. Über den Wahrheitsgehalt kann dann der Leser selber richten.

Panamas Wirklichkeit tauchte in seinen Augen ein wie ein Ellenmaß in das Wasser am Uferrand. Sie brach sich dort, änderte ihre Richtung, brach sich zuerst, wurde dann abgelenkt oder umgekehrt. Brechung oder Refraktion nennt sich das Phänomen, wie mir Fachleute erklärt haben. Die Feder meines Vaters war also die stärkste Brechungslinse des Bundesstaats Panama.

Aber José ist nicht nur die Hauptfigur der Geschichte, sondern gleichzeitig ihr Erzähler. Zum Zeitpunkt des Erzählens befindet er sich im Londoner-Exil und hegt einen tiefen Groll gegen Joseph Conrad, der ihm seine Lebensgeschichte geklaut hat und daraus seinen erfolgreichen Roman Nostromo gemacht hat. José bittet den „richtenden Leser“, sich ein eigenes Bild zu machen und beginnt nun, seine Lebensgesichte vor dem Leser auszubreiten. Es gelingt ihm sehr gut, historische Ereignisse mit der fiktiven Familiensaga zu verbinden. So wird ein wichtiger Teil der kolumbianischen Geschichte erzählt, die von Kriegen, Revolutionen und Gegenrevolutionen handelt. Ein Kampf zwischen Konservativen und Liberalen, in der mal die eine und mal die andere Seite die Oberhand erringt. Der Roman legt hier ein unglaubliches Tempo vor, Name folgt auf Name und die Ereignisse folgen Schlag auf Schlag. Es gibt kaum Zeit, mal durchzuatmen und den wundervollen Stil, der vor Sprachbildern nur so strotzt, zu genießen. Ein Blick in die Geschichte Kolumbiens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann vor der Lektüre sicherlich nicht schaden. Ohne einige Kenntnisse bezüglich Joseph Conrads Leben sowie den Umständen zum Bau des Kanals ist vieles nicht zu verstehen und bleibt nur eine Abfolge von Namen, Daten und Orten, deren Hintergründe kaum oder auch gar nicht erklärt werden.

José erzählt seine Geschichte stilistisch abwechslungsreich, mit einem gewissen Augenzwinkern und kann dabei auch verschiedene Stimmungen bedienen. Trotz eines ironischen Untertons gelingen so auch traurige und nachdenkliche Augenblicke ohne Probleme. Einzig die sich wiederholende Ansprache an den Leser wirkt auf Dauer repetitiv. José ist ständig damit beschäftigt, sein Leben besser zu erzählen als der vermeintliche Dieb Joseph Conrad und so schafft er es, seine Heimat für den Leser lebendig werden zu lassen und berichtet wie nebenbei von historischen Ereignissen und Auseinandersetzungen mit großer politischer Bedeutung.

Der Schmerz hat keine Geschichte oder liegt vielmehr außerhalb der Geschichte, weil er seine Opfer in einer Parallelwirklichkeit ansiedelt, in der nur er existiert. Der Schmerz kennt keine politischen Lager, der Schmerz ist nicht konservativ, nicht liberal, ist nicht katholisch, föderalistisch, zentralistisch oder freimaurerisch. Der Schmerz löscht alles aus.

Die geheime Geschichte Costaguanas ist ein außergewöhnlicher Roman, der den Leser ans Ende des 19. Jahrhunderts und zur Entstehung des geschichtsträchtigen Panamakanals führt. In einer gut konstruierten Erzählsituation und Rahmenhandlung berichtet José von seiner Familiengeschichte, die eng mit den historischen Ereignissen verbunden ist. Das Buch ist sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr ausgefeilt, aber ohne Hintergrundwissen aufgrund des hohen Tempos und der Sprunghaftigkeit des Erzählers nur schwer zu verstehen.

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