David Guterson – Schnee, der auf Zedern fällt

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In seinem 1994 erschienen Debütroman Schnee, der auf Zedern fällt erzählt David Guterson von Ressentiments auf einer kleinen amerikanischen Insel.

1954 wird auf der kleinen Insel San Piedro an der Nordwestküste der USA der Lachsfischer Carl Hein tot in seinem Netz aufgefunden. Angeklagt wegen Mordes wird sein japanischstämmiger Kollege Babuo Miyamoto. Die beiden kannten sich seit ihrer Kindheit und waren bis zum Ausbruch des Krieges befreundet. Der Redakteur der lokalen Zeitung Ishmael Chambers versucht, die Hintergründe aufzudecken. Die Recherche wird für ihn auch zu einer Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, denn der Angeklagte ist mit seiner Jugendliebe verheiratet. Doch bei der Arbeit stößt er auch auf die Vorurteile zwischen Amerikanern und Japanern, die durch den Krieg weiter verstärkt wurden und tiefe Spuren hinterlassen haben.

Der Fund der Leiche des Lachsfischers Carl Heine stört die scheinbare Ruhe auf der (fiktiven) Insel San Piedro, wo der Sheriff normalerweise nie mit solch schweren Fällen konfrontiert wird. Der Verdacht fällt schnell auf den Kollegen Kabuo, der sich durch sein Verhalten zusätzlich verdächtig macht. Außerdem ist er ein „Japs“. Doch was David Guterson in Schnee, der auf Zedern erzählt, ist viel mehr als eine einfache Krimihandlung, in der es darum geht, einen Mord aufzuklären. Ruhig, fast schon poetisch, beschreibt er den harten Alltag auf der Insel zu Beginn der 50er Jahre, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Doch dieser hat tiefe Risse in der Bevölkerung hinterlassen. Die japanischen Einwanderer wurden bereits vorher mit Misstrauen beobachtet und für die Feldarbeit ausgebeutet. Mit dem Angriff auf Pearl Harbour schlägt die Stimmung in offenen Hass um, auch gegenüber denjenigen, die sich freiwillig als Soldat für die amerikanische Armee melden. Während des Krieges werden die verbliebenen Japaner gezwungen, in Lagern auf dem Festland zu leben und zu arbeiten. Nach ihrer Rückkehr begegnen ihnen die anderen Bewohner weiterhin mit Ablehnung. Da scheint es schnell klar zu sein, das Kabuo der Mörder ist. Aber auch die Japaner ziehen sich in ihre eigenen Gemeinschaften zurück und verbieten ihren Kindern Kontakt mit den „Weißen“, damit die Familienehre nicht beschmutzt wird.

„Siehst du, die Weißen werden von ihrem Ich in Versuchung geführt und können nicht widerstehen. Wir Japaner dagegen wissen, daß unser Ich nichts ist. Wir beugen unser Ich, immer, und darin sind wir anders. Das ist der grundsätzliche Unterschied. Wir neigen den Kopf, wir verbeugen uns und sind still, weil wir verstehen, daß wir für uns allein nichts sind, nur Staub im Wind, während ein hakujin meint, sein Alleinsein sei alles, sein Besonderssein sei die Grundlage seiner Existenz.“

Der eigentliche Prozess spielt in der Handlung nur eine untergeordnete Rolle. Viel mehr Raum nehmen die zahlreichen Rückblicke ein, in denen die Geschichte der Insel und das Leben einzelner Bewohner geschildert werden. Guterson erzählt mit vielen Details von der Lachsfischerei, von den Erdbeer- und Himbeerbauern und schafft so eine stimmungsvolle kleine Welt, in der er seine Geschichte einbettet. Dabei gelingt es ihm glaubwürdig, die inneren Kämpfe der Figuren und die daraus resultierenden Konflikte darzustellen. Mit ebenso viel Aufmerksamkeit wird die körperliche Verfassung der Menschen dargestellt, die nicht nur einen Mord zu verhandeln haben, sondern auch mit Arthrose, Atemproblemen und weiteren Krankheiten kämpfen. All diesen körperlichen Zuständen wird viel Zeit gewidmet, genauso wie ihren Auswirkungen auf die Protagonisten. Dazu kommen atmosphärische Beschreibungen der Natur, die hier rau und unkontrollierbar erscheint. So muss das Verfahren teilweise verschoben werden, weil die Insel von einem Schneesturm getroffen wird und der Strom ausfällt. Zudem schildert der Autor die verschiedenen Beziehungen der Protagonisten. Während seiner Recherche erinnert sich Ishmael an seine japanische Jugendliebe Hatsue, die später den Angeklagten geheiratet hat. Ausführlich werden die Begegnungen der beiden dargestellt und schließlich das Zerbrechen der geheimen Liebe. Letztlich sind alle Beteiligten von den Ereignissen des Krieges geprägt, sei es durch Erlebnisse in den Internierungslagern, den vorangegangen Denunziationen und Zwangsenteignungen, oder durch die Kämpfe im Pazifik.

Zum ersten Mal in seinem Leben ging Ishmael auf, daß Zerstörung etwas Schönes sein konnte. Das reißende Wasser, der wütende Wind, der Schnee, die umgestürzten Bäume, die gegen die überschwemmten Piers geworfene Bäume – es war rauh und schön und wild. Einen Augenblick lang hatte er wieder das Tarawa-Atoll und den Deich vor Augen, die Palmen, die, von der Druckwelle der Bordkanonen umgeknickt, reihenweise am Boden lagen. Daran erinnerte er sich nur zu oft. Die Bilder stießen ihn ab und zogen ihn zugleich an. Er wollte sich nicht erinnern, und wollte sich doch erinnern.

Schnee, der auf Zedern fällt erzählt ohne viel Tempo, dafür aber mit viel Einfühlungsvermögen und kenntnisreichen Darstellungen von einem Mordprozess auf einer fiktiven Insel. David Guterson schildert die Gesellschaft von San Piedro mit vielen Details und zeigt eine Gemeinschaft, die von Vorurteilen und Rassismus geprägt ist, die durch den Krieg weiter vertieft wurden. Der eigentliche Prozess rückt dadurch zwar in den Hintergrund, dafür entsteht aber ein durchdachtes und gelungenes Bild einer kleinen, abgeschlossenen Gruppe von Menschen, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Kultur misstrauen.

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