Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

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Ein Okapi als Todesbote: Was schon der Klappentext an Skurrilität verspricht, kann Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann mühelos entfalten. Ein eigenartiges Buch über das Leben und den Tod, über Beständigkeit und verpasste Gelegenheiten, voller Charme, Witz und rührenden Momenten.

Wenn Selma von einem Okapi träumt, nimmt sich das ganze Dorf im Westerwald in Acht: Innerhalb der nächsten 28 Stunden stirbt ein Mensch. Grund genug für alle Bewohner, schnell noch einmal alles zu sagen, was noch gesagt werden muss, oder auch alle gefährlichen Wahrheiten für immer zu beseitigen. Ob der Optiker sich im Angesicht des Todes nun endlich traut, Selma seine Liebe zu gestehen? Oder die abergläubische Elsbeth vielleicht noch ein Hausmittelchen zur Vertreibung des Sensenmanns an die Leute bringen kann?

Als in aller Frühe der Postbote kam, um den Briefkasten zu leeren, warteten da bereits ein paar Leute, um ihre hastig eingeworfenen Briefe wieder zurückzuholen,weil sie ihnen jetzt unangenehm waren, weil sie fanden, dass die Worte darin unangemessen groß waren für ein weitergehendes Leben, es stand zu viel ‚immer‘, zu viel ’niemals‘ darin.

Mariana Lekys Roman ist seltsam, äußerst seltsam, und das auf eine ungemein liebenswürdige Art. War ich anfangs noch skeptisch, als die alte Selma mit Rudi Carrell verglichen wurde, musste ich schnell feststellen, dass dies wohl mein einziger Kritikpunkt bleiben würde. Von der ersten Seite an begeistert der Roman mit seinem Schreibstil, seinem eigenartigen Humor und vor allem mit seinem Charme. Von seiner Erzählstimme und Verschrobenheit – im besten Sinne des Wortes – hat er mich an Bücher wie Reif Larsens Die Karte meiner Träume, aber vor allen Dingen an Einzlkinds Romane (Harold, Gretchen, Billy) erinnert.

Die Charaktere des Romans könnten einer best-of-Sammlung der merkwürdigsten Protagonisten entstammen: Marlies, die stets nur Norwegerpullover und Unterhose trägt, Palm, der vom Alkoholiker zum Bibelpassagen-zitierenden Anhängsel mutiert, Luise, die weniger verstockt sein möchte und findet, dass Abenteuer nichts für sie sind, Luises Vater, der beschließt, endlich „mehr Welt in sich hinein zu lassen“ und gleichermaßen in die Welt hinauszieht, Friedhelm, der dank einer Spritze des Arztes „O du schöner Westerwald“ singend durchs Dorf zieht. Sie sind schrullig, witzig und unglaublich liebenswürdig und vermitteln dem Leser das Gefühl, in ihrem Dorf zuhause zu sein.

„Diese Kränze nicht“, hatte sie zuerst gesagt, „ich weigere mich, diese Kränze zu machen“, und dann hatte sie sie doch gemacht, in der Nacht vor der Beerdigung, und es hatte bis zum Morgen im ganzen Dorf, im ganzen umstehenden Wald kein einziges Geräusch gegeben außer dem Schluckauf meiner Mutter und dem Knistern der Kranzschleifen in ihren Händen.

Das kleine Dorf im Westerwald sträubt sich dagegen, ein wenig Welt hereinzulassen, wie Luises Vater immer so schön sagt. Man mag hier die Beständigkeit, die Ruhe, das Gewohnte, und fürchtete das Unbekannte sowie das Abenteuer – und natürlich den Tod, der glücklicherweise meist vorher von Selmas Okapi angekündigt wird. Trotz dieser Beständigkeit des Dorfes kommt keinerlei Langeweile beim Lesen auf, vermutlich, weil man sich emotional mit den Charakteren verbunden fühlt.

Gleichzeitig zeigt der Roman auf, wie wichtig es ist, Dinge auszusprechen, die Hindernisse zu überwinden, die Verstockung zu bezwingen: immer, wenn Luise ob ihrer Gefühle lügt, kracht ein Gegenstand lautstark von der Wand, als wolle er sagen: „Lügnerin! Ertappt!“. Trotz des berüchtigten Wink mit dem Zaunpfahl schafft sie es nicht, ihre Gefühle zu offenbaren und steht sich und ihrem Glück damit selbst im Weg. Auch der Optiker schafft es Jahre, Jahrzehnte lang nicht, Selma seine Liebe zu gestehen, obgleich er ihr schon tausende Briefe geschrieben hat – oder sie zumindest angefangen hat, aber nie beenden konnte. Das Gespür für den richtigen Augenblick fehlt beiden, und macht den Roman dadurch stellenweise tragikomisch, aber immer wunderschön, ohne ins Kitschige abzudriften.

Die Liebe ereilt einen, dachte ich, sie tritt ein wie der Gerichtsvollzieher, der vor Kurzem bei Bauer Leidig im Nachbardorf erschienen war. Die eintretende Liebe, dachte ich, klebt einen Kuckuck auf alles, was man hat, und sagt: „Das gehört dir jetzt alles nicht mehr.“
„Du verwechselst da was, Luise,“ sagte Selma, „das ist nicht die Liebe, das ist der Tod. Und es gibt da einen feinen Unterschied,“ sagte sie und lächelte, „aus dem Reich der Liebe sind schon welche zurückgekommen.“

Mariana Lekys Roman Was man von hier aus sehen kann ist eigenartig, einzigartig und wahrscheinlich nicht für jeden Leser gemacht. Man muss schon eine gewisse Neigung für ‚charmante‘ Bücher empfinden, solche die witzig, rührend und grotesk zugleich sein können. Lekys Sprache und Protagonisten saugen einen von Anfang an ein in das kleine Dorf im Westerwald und wollen einen auch nach der letzten Seite nicht so schnell wieder ausspucken. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, und ich finde es sehr schade, dass es nicht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist.

5 Antworten auf „Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

  1. Also ich habe es auch gelesen und bin gerade dabei meine Rezension unserer Redaktion vorzulegen. Ich war aber auch angetan, nachdem ich mich auf die etwas schrägen Figuren eingelassen habe. :) Bin mal gespannt, ob es bei uns in der Redaktion auch gut ankommt.

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