Thomas Pynchon – Bleeding Edge

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Mit Bleeding Edge legt Thoma Pynchon einen New York-Roman vor, der sich mit dem Platzen der Dotcom-Blase und 9/11 auseinandersetzt.

Manhattan kurz vor und kurz nach 9/11. Nachdem die Dotcom-Blase geplatzt ist, entwickeln einige Programme ein Eigenleben im Internet. Eines davon trägt den Namen DeepArcher. Dahinter verbirgt sich eine verbesserte Version von Second Life, nur scheint hier wirklich alles möglich zu sein. Problemlos ist hier Geldwäsche und auch die Planung von Terroranschlägen machbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Kein Wunder also, dass sich sowohl Geheimdienste als auch Verbrecher dafür interessieren. Auch die Wirtschaftsdetektivin Maxine Tarnow, jüdisch, geschieden, Mutter zweier Jungs wird aufmerksam auf das Programm.

Bleeding Edge ist der zuletzt veröffentliche Roman von Thomas Pynchon. Im Gegensatz zu den anderen Werken des Autors, die ich bis jetzt gelesen habe, verzichtet er hier auf die vielen Perspektivwechsel und verfolgt auch nicht zahllose Handlungsstränge. Ein Trend, der sich wohl schon in dem zuvor veröffentlichten Buch Natürliche Mängel gezeigt hatte. Das Tempo von Bleeding Edge ist ziemlich hoch. Nachdem viele Internet-Unternehmen durch das Platzen der Blase Pleite gegangen sind, befinden sich auf dem Markt nur noch wenige Firmen. Diese arbeiten häufig mit unlauteren Mitteln. Vor allem die Softwarefirma hashlingrz sticht hier hervor und lässt „Microsoft wie Greenpeace aussehen“. Maxine Tarnow kommt in Berührung mit dem Unternehmen, als sie einem Auftrag nachgeht. Zunächst ahnt sie nicht, worin sie sich hier verstricken lässt, bis sie in einem Chaos aus Betrügereien und Finanzspekulationen landet. Drum herum geht es um Verschwörungstheorien rund um die Anschläge vom 11. September, die teilweise unmittelbar mit der Handlung verknüpft werden.

Es gibt Geschichten von Familienmitgliedern, die zur Arbeit gefahren sind, von Freunden und Freunden von Freunden, es gibt Telefongespräche, Gerüchte und Folklore, und unterdessen kommen die Mächte ins Spiel, in deren zwingendem Interesse es liegt, das Narrativ so schnell wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen, sodass der verlässliche historische Horizont   rasch auf einen trostlosen kleinen Kreis um den „Ground Zero“ schrumpft – eine Bezeichnung aus dem kalten Krieg, aus den in den frühen Sechzigern so beliebten Atomkriegsszenarien. Was geschehen ist, war etwas gänzlich anderes als ein sowjetischer Atomangriff auf Manhattan, doch diejenigen, die ständig von „Ground Zero“ reden, tun das ohne Scham oder Gespür für Etymologie. Es dient nur dazu, die Menschen in eine bestimmte Richtung zu treiben. Getrieben, verängstigt und hilflos sollen sie sein.

Die Figur, welche die ganzen Bezugspunkte miteinander verknüpft, ist Maxine Tarnow. Im Verlaufe der Handlung begegnet sie einer Vielzahl an skurrilen Persönlichkeiten: Verschwörungstheoretiker, Fuß-Fetischisten, Killern, einem freiberuflicher Riecher, der entdeckt hat, dass Hitler und Kennedy dasselbe Eau de Cologne benutzt haben und vielen mehr. Trotz der eigentlich ernsten Themen ist der Roman zudem an vielen Stellen auch wirklich witzig. Typisch für Pynchon sind die vielen Anspielungen auf popkulturelle Phänomene. Vor allem die Dialoge sind sehr schlagfertig und humorvoll gestaltet. Aus den Seiten scheint der Sprachwitz teilweise nur so zu sprühen.

Ein weiteres großes Thema des Romans ist die Rolle, welche die Technologie und ihre Entwicklung für die Menschen spielt. Das betrifft vor allem die Digitalisierung. Bleeding edge technologies besitzen ungemeine Möglichkeiten. Allerdings ist gleichzeitig die zukünftige Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht kalkulierbar. Aus dem Mund von Maxines Vater Ernie gibt es zudem mehr als deutliche Kritik an der Kommerzialisierung des Internets und den damit verbundenen Möglichkeiten.

Von mir aus nenn es Freiheit, aber es basiert auf Kontrolle. Alle sind miteinander verbunden, keiner kann mehr verlorengehen, nie mehr. Tu den nächsten Schritt und verbinde das Internet mit diesen Handys und du hast die totale Überwachung, kein Entkommen. Kannst du dich an die Comics in der Daily News erinnern? An Dick Tracys Armbandfunkgerät? Die Dinger werden überall sein, alle Trottel werden darum betteln, eins tragen zu dürfen, die Handschellen der Zukunft. Großartig. Davon träumen die im Pentagon: weltweites Kriegsrecht.

Ich hatte mit Bleeding Edge jede Menge Spaß, würde es aber nicht unbedingt als 9/11-Roman bezeichnen, auch wenn die Terroranschläge eine Rolle spielen. Aber es macht viel Freude mit Maxine durch New-York zu schlendern, die zahlreichen Restaurants mit ihr zu besuchen und all den verrückten Menschen zu begegnen. Die Balance zwischen ernster und düsterer Geschichte auf der einen Seite und witzigen und skurrilen Personen, Dialogen, Orten und Gegebenheiten auf der anderen Seite stimmt absolut. Typisch für Pynchon gibt es natürlich unzählige Verweise und Anspielungen, denen die Leser dabei wieder nachgehen können. Auch sein immer wiederkehrendes Thema Paranoia kommt in Bleeding Edge nicht zu kurz. Verschwörungstheorien an allen Ecken und Enden.

Empfehlenswert ist Bleeding Edge somit allemal. Außerdem finde ich es einfacher und kurzweiliger als andere Romane des Autors, was aber nicht bedeuten soll, dass es besser als diese ist. Wer Pynchon bereits kennt, weiß vermutlich vorher worauf er sich einlässt und diejenigen, die ihn noch nicht kennen, oder bis jetzt eher einen Bogen um seine Werke gemacht haben, finden hier einen guten Einstieg, der im Vergleich zu anderen Romanen nicht so umfangreich und kompliziert ist, dabei aber immer noch ein gutes Buch ist, das sowohl anspruchsvoll als auch unterhaltsam ist.

„Nein, ich meine, der ganze Spätkapitalismus ist ein einziges globales Pyramidensystem – die Art von Pyramide, auf der man Menschenopfer darbringt, und es kommt nur darauf an, den armen Trotteln weiszumachen, dass es immer so weitergeht.“

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