Smith Henderson – Montana

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Verloren im nirgendwo von Montana

Im abgeschiedenen Nordwesten von Montana, zwischen abgeschiedenen Tälern und dichten Wäldern, ist Pete Snow unterwegs. Er arbeitet als Sozialarbeiter und versucht, den Kindern der Region zu helfen. Neben der alltäglichen Armut gibt es drogensüchtige Mütter sowie Bibel- und Waffennarren. Eines Tages lernt Pete Benjamin kennen, einen wilden Jungen, der plötzlich in einer Schule auftaucht. Sein Vater Jeremiah Pearl lebt zusammen mit Benjamin in der Wildnis und glaubt an den baldigen Untergang der Welt. Doch damit nicht genug, verschwindet auch noch Petes eigene Tochter.

Montana ist der Debütroman des Amerikaners Smith Henderson, der selbst als Sozialarbeiter in Montana arbeitete. Angesiedelt ist sein Roman zu Beginn der 80er Jahre, während des Wahlkampfes zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan um das Amt des Präsidenten. Etwas missglückt finde ich die deutsche Übersetzung des Originaltitels Fourth of July Creek. Der Titel spielt auf den amerikanischen Nationalfeiertag an, an dem die Errungenschaften des vergleichsweise jungen Landes gefeiert werden. Im seinem Roman zeigt Smith Henderson deutlich, dass diese Errungenschaften und der amerikanische Traum längst nicht überall angekommen sind und widmet sich in dem Buch den Abgehängten der Gesellschaft, die ihr Leben selbst kaum regeln können, oder alles Staatliche am liebsten ganz abschaffen würden.

Es gab Familien, denen man half, weil es Teil des Jobs war; man half ihnen, in Arbeitsprogramme zu kommen, stellte Maßnahmenpakete für sie zusammen, sah nach ihnen oder fuhr sie in die gottverdammte Arztpraxis, damit ihre Infektion endlich behandelt wurde. Man machte es eben. Weil es sonst niemand machte.

Dieses Zitat beschreibt Petes anfänglichen Arbeitsalltag eigentlich ziemlich gut. Als 31- jähriger Sozialarbeiter macht er das, was sonst keiner machen will. Besonders beliebt macht er sich damit nicht immer bei denjenigen, denen er helfen will. Dabei ist sein eigenes Privatleben alles andere als harmonisch. Er lebt von seiner Frau und Tochter getrennt, hat selber ein ziemlich großes Alkoholproblem und hat Freunde, die ihre Probleme gerne mal mit Gewalt lösen. Dazu kommt eine harte Kindheit mit einem Vater, der ihm kaum Anerkennung und Aufmerksamkeit schenkte, sowie dem Bruder Luke, der selber untertaucht, um seinem Bewährungshelfer zu entkommen. Und als wäre das alles nicht genug hat er mit Benjamin Pearl zu tun und sucht nach der eigenen Tochter. Zu Beginn erscheint Jeremiah Pearl wie der Gegenspieler von Pete. Er lehnt jegliche staatliche Institutionen ab, glaub daran von Gott auserwählt zu sein und bringt bearbeitete Münzen in den Umlauf, um zu zeigen, wie falsch das Geldsystem ist. Außerdem fühlt er sich verfolgt und glaubt an biblische Untergangsfantasien.

„Die Münzen sind ein Wimmern, aber was nottäte, ist ein Aufschrei aus voller Kehle. Die Situation hat sich von Grund auf verändert. Der Herr stellt mich über Völker, auf dass ich sie niederreiße und zu Boden werfe und vernichte. Ich glaube der Pfandleiher hat recht. Mein Name wird mit Unfasslichem verbunden sein. Ich befürchte nur, eines Tages könnte man mich für einen Heiligen ansehen.“

Insgesamt verwundert es bei der Thematik des Buches nicht, dass die meisten der Figuren von Gewalt und Drogen geprägt sind. Der Kern des Buches ist vor allem das langsame Annähern zwischen Pete und Jeremiah, wobei der Leser immer mehr von Jeremiahs „Visionen“ kennenlernt, sowie Petes ganz eigene Hölle, nämlich die Suche nach seiner Tochter. So schildert Smith Henderson nicht nur den Kampf gegen das soziale Elend und den Abstieg, sondern gleichzeitig auch den Kampf von zwei Männern um ihre Kinder. Auf der einen Seite Pete, der versucht, mithilfe der Behörden seine Tochter ausfindig zu machen und auf der anderen Seite Pearl, der mit seinem Sohn in der Wildnis lebt und jegliche staatliche Einmischung ablehnt. Erzählt wird ein Großteil aus der Sicht von Pete, womit die geschilderten Ereignisse und Umstände ungefiltert auf den Leser Wirken können. Neben dieser Perspektive gibt es einen Dialog, der das Schicksal von Petes Tochter Rachel darstellt, die selbst immer mehr in einen Drogen- und Alkoholsumpf abrutscht und schließlich von zu Hause wegläuft. Unklar bleibt allerdings, wer sich hier über Rachel unterhält.

Die Geschichte, die Henderson erzählt ist spannend, hat zwischendurch aber auch leichte Längen. Vor allem die Schilderungen um Cecil, einen weiteren Härtefall von Pete, fand ich manchmal etwas langatmig. Die größte Stärke des Romans ist für mich eindeutig Pete, der Protagonist und Ich-Erzähler. Eindrucksvoll stellt er sein Leben dar und verschweigt auch nicht die dunklen Seiten, ebenso gesteht er seine Fehler klar ein und wird so wandelbar. Für etwas Auflockerung zwischen den ganzen harten Themen sorgen die Landschaftsbeschreibungen von Montana. Diese Beschreibungen sind bildhaft und detailliert, so wird zum Beispiel häufig die genaue Bezeichnung für bestimmte Pflanzen und Bäume genannt.

Die Blätter wie zitternde Blechdeckel, Rasiermesserblitze, und wie konnte an alldem irgendetwas in Ordnung sein, die Welt war eine Klinge und Verzweiflung die Kehrseite der Hoffnung, aufgeschlitzt und von innen nach außen gestülpt.

Eindrucksvolles Zeugnis von gesellschaftlichen Außenseitern

Mit Montana thematisiert Henderson die Probleme und das alltägliche Leben von gesellschaftlichen Außenseitern, bis hin zu Menschen, die sich völlig von der Gesellschaft lossagen und radikal werden. Pete Snow, der Hauptcharakter, ist eine der größten Stärken des Buches aufgrund seiner klaren Ecken und Kanten. Die beiden Haupthandlungsstränge um die Familie Pearl sowie die Suche nach Petes Tochter sind spannend und es kommt nur manchmal zu leichten Längen. Für alle Interessierten an der Thematik eine klare Empfehlung.

4,5sterne

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