Lucy Rose – The Lamb

Lucy Rose The Lamb

The Lamb von Lucy Rose ist Folk Horror, Coming-of-Age und feministische Familiengeschichte und schafft es dabei, gleichzeitig ziemlich brutal und überraschend zärtlich zu sein.

Margot lebt mit ihrer Mutter, „Mama“, abgeschieden in einem Haus im Wald in Cumbria. Viel weiß sie nicht von der Welt außerhalb ihres Zuhauses. Sie geht zur Schule, soll dort aber möglichst nicht auffallen und vor allem keine Freundschaften schließen. Denn Mama hat Margot beigebracht, dass sie anders sind als die Menschen draußen. Die Fremden, die sich in den Wald verirren, nennt sie „Strays“. Sie lädt sie ins Haus ein, gibt ihnen etwas zu trinken, wärmt sie auf – und bringt sie anschließend um. Gegessen werden sie natürlich auch. Für Margot ist das lange einfach ihr Leben. Sie kennt es nicht anders.

Das ändert sich, als Eden auftaucht. Sie ist zunächst selbst ein möglicher „Stray“, wird dann aber schnell zu Mamas neuer Partnerin und damit zu jemandem, der Margots ohnehin schon komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter noch einmal komplett verändert. Plötzlich ist da Eifersucht, aber auch Neugier. Margot beginnt zu merken, dass es andere Arten gibt zu leben, zu lieben und miteinander umzugehen. Und je mehr sie darüber lernt, desto schwieriger wird es, an der Welt festzuhalten, die Mama für sie gebaut hat.

Ich fand genau diese Entwicklung viel interessanter als den eigentlichen Horror. Ja, Lucy Rose schreibt über Kannibalismus, Gewalt und ziemlich eklige Dinge. Teilweise wirklich sehr explizit. Aber The Lamb ist kein Roman, der sich darauf beschränkt, möglichst viel Blut und Körperteile auf die Seite zu bringen. Der Horror entsteht vor allem aus der Beziehung zwischen Margot und ihrer Mutter. Mama liebt ihre Tochter, aber diese Liebe ist besitzergreifend, kontrollierend und abhängig davon, dass Margot in ihrer Welt bleibt. Für Margot ist ihre Mutter gleichzeitig ihr Zuhause, ihre Familie und die Person, vor der sie sich am meisten fürchten muss.

Dadurch funktioniert der Kannibalismus auch als ziemlich offensichtliches, aber trotzdem wirkungsvolles Bild für diese Beziehung. Mama verschlingt Menschen und erwartet gleichzeitig, dass Margot ihr Leben, ihre Vorstellungen und ihre ganze Welt übernimmt. Auch deshalb fand ich den Titel The Lamb so passend. Margot ist nicht einfach nur das Kind in dieser Geschichte. Sie ist jemand, der langsam versteht, dass sie selbst irgendwann zur Beute werden könnte.

Besonders gut funktioniert dabei die Perspektive. Margot erzählt vieles mit einer kindlichen Selbstverständlichkeit, die manche der brutalsten Szenen überhaupt erst so unangenehm macht. Sie beschreibt Dinge, die für uns völlig absurd und verstörend sind, als wären sie Teil eines ganz normalen Familienalltags. Gleichzeitig beginnt sie immer mehr zu hinterfragen, was Mama ihr beigebracht hat. Das Erwachsenwerden bedeutet für Margot deshalb nicht nur, ihren eigenen Körper und ihre Sexualität zu entdecken, sondern überhaupt erst einmal herauszufinden, dass ihre Mutter nicht automatisch recht hat.

Auch die Atmosphäre fand ich richtig stark. Der Roman hat etwas Märchenhaftes, aber eben eher im Sinne der alten Märchen, in denen Kinder im Wald verschwinden, Eltern nicht unbedingt nett sind und man sich ziemlich sicher sein kann, dass am Ende nicht alle glücklich nach Hause gehen. Dazu kommt diese seltsame Mischung aus Schönheit und Ekel. Rose kann sehr atmosphärisch schreiben, ohne dass die Sprache dabei unnötig kompliziert wird. Gerade der Kontrast zwischen der fast märchenhaften Perspektive und den teilweise wirklich brutalen Bildern funktioniert erstaunlich gut.

Thematisch steckt ziemlich viel in diesem relativ schmalen Roman: Mutterschaft, weibliche Wut und Begehren, Abhängigkeit, queere Liebe, Einsamkeit und die Frage, wie viel Freiheit man überhaupt haben kann, wenn einem von klein auf beigebracht wurde, dass außerhalb der eigenen kleinen Welt nur Gefahr wartet. Männer spielen dabei fast keine Rolle. Die eigentliche Machtverschiebung findet zwischen den Frauen statt – und genau das macht die Beziehungen im Roman so interessant.

Ganz neu ist das alles natürlich nicht. Gerade feministische Horrorromane haben in den letzten Jahren sehr viel mit weiblichem Körper, Hunger, Mutterschaft und Kontrolle gearbeitet. Auch The Lamb erfindet das Genre nicht neu. Ich fand aber, dass Lucy Rose diese bekannten Themen sehr konsequent mit ihrer Märchenstruktur verbindet. Und vor allem hat der Roman einen eigenen Ton: gleichzeitig brutal, melancholisch und stellenweise fast zärtlich.

The Lamb ist definitiv nichts für Zartbesaitete. Wer bei Kannibalismus schnell raus ist, wird hier vermutlich keine große Freude haben. Ich mochte aber gerade, dass die Gewalt nicht das einzige ist, was von diesem Buch hängen bleibt. Am Ende ist es viel mehr die Geschichte eines Mädchens, das langsam begreift, dass Liebe und Besitz nicht dasselbe sind. Und dass Erwachsenwerden manchmal eben auch bedeutet, die Person zu hinterfragen, von der man bisher alles über die Welt gelernt hat.

Wer A Certain Hunger, Tender Is the Flesh, Our Wives Under the Sea oder die Bücher von Carmen Maria Machado mochte und mit explizitem Horror etwas anfangen kann, sollte sich The Lamb definitiv anschauen. Ein düsteres, verstörendes und überraschendes Debüt.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..