
…für lange Abende und das Gefühl, irgendwo anders zu sein.
Manchmal ist es die Hitze, die über einer Landschaft liegt und alles ein wenig langsamer, schwerer und intensiver macht. Manchmal sind es die Ferien, die plötzlich alle Regeln außer Kraft setzen. Ein Haus am Meer, ein Campingplatz, eine fremde Stadt, ein Nachmittag am Pool: Orte, an denen man für ein paar Wochen jemand anderes sein kann. Oder zumindest glaubt, es zu können.
Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz von Sommerbüchern. Im Sommer scheint immer etwas möglich. Begegnungen bekommen eine andere Bedeutung, Beziehungen geraten in Bewegung, alte Erinnerungen tauchen wieder auf. Und unter der hellen Oberfläche kann es jederzeit kippen.
Die folgenden Bücher könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie erzählen von erster Liebe und alten Wunden, von Begehren und Zugehörigkeit, von Freundschaft, Familie und dem Versuch, mit der eigenen Vergangenheit zurechtzukommen. Was sie verbindet, ist diese besondere sommerliche Atmosphäre – manchmal leicht und sehnsüchtig, manchmal drückend und beinahe bedrohlich.
Philippe Besson – Lie With Me
Philippe ist Schriftsteller und längst erwachsen, als er in Bordeaux einem jungen Mann begegnet, der ihn auf verblüffende Weise an seine erste große Liebe erinnert. Die Begegnung führt ihn zurück ins Jahr 1984 und zu Thomas, seinem Mitschüler, mit dem ihn damals eine heimliche, intensive Liebesbeziehung verband.
Thomas ist der Sohn eines Bauern, Philippe der Sohn eines Schuldirektors. In der Schule tun beide so, als würden sie sich kaum kennen. Außerhalb der Schule treffen sie sich heimlich und erleben einen Sommer beziehungsweise ein letztes Schuljahr, in dem ihre Liebe zwar alles bedeutet, aber keine wirkliche Zukunft zu haben scheint.
Besson erzählt von einer ersten Liebe, die Jahrzehnte später noch immer nachwirkt – und von der Frage, was aus einem Leben wird, wenn man eine Liebe nicht leben konnte. Ein schmales, melancholisches Buch über Begehren, Erinnerung und die Zeit, die zwischen einem selbst und dem Menschen liegt, der man einmal war.
Eva Pramschüfer – Weißer Sommer
Alma und Théo lieben sich. Und trotzdem ist ihre Beziehung an einem Punkt angekommen, an dem nicht mehr klar ist, ob diese Liebe für ein gemeinsames Leben reicht.
Für einen letzten gemeinsamen Sommer fahren die beiden nach Südfrankreich, in das Haus von Almas Eltern. Sie wollen dort herausfinden, ob sie an ihrer Beziehung festhalten oder sich voneinander lösen sollen. Die Hitze des Südens, Erinnerungen und die Nähe, der sie eigentlich entkommen wollten, lassen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart immer weiter verschwimmen.
Weißer Sommer ist ein leiser Roman über eine Beziehung im Zwischenraum: Noch ist nichts endgültig vorbei, aber längst auch nichts mehr so, wie es einmal war. Besonders schön ist die Sprache, mit der Eva Pramschüfer diesen Schwebezustand einfängt – tastend, sinnlich und voller Zwischentöne.
Oisín McKenna – Hitzetage
London an einem drückend heißen Juniwochenende. Maggie ist schwanger und muss sich eingestehen, dass ihr bisheriger Lebensentwurf nicht mehr so selbstverständlich funktioniert. Ed arbeitet als Fahrradkurier und versucht, mit seiner Bisexualität und seinen eigenen Vorstellungen von einem guten Leben zurechtzukommen. Phil ist unglücklich verliebt und lebt mit Freunden in einer leerstehenden Lagerhalle.
Während sich ihre Geschichten miteinander verbinden, geht es immer wieder um die Frage, wie man Anfang dreißig eigentlich leben möchte – zwischen prekären Jobs, queerer Identität, Freundschaft, Liebe und dem Wunsch nach Sicherheit.
Oisín McKenna zeichnet in Hitzetage das Porträt einer Generation, deren Freiheitsversprechen zunehmend mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Realitäten kollidiert. Der Roman ist gleichzeitig warmherzig und sozialkritisch und fängt die Energie einer Stadt ein, in der an diesem Wochenende alles möglich scheint und doch für viele kaum noch etwas selbstverständlich ist.
Chloe Michelle Howarth – Sunburn
1990er-Jahre, eine kleine irische Stadt: Lucy wächst in einem streng katholischen Umfeld auf und fühlt sich schon lange ein wenig fremd in ihrer eigenen Welt. Als sich ihre Beziehung zu ihrer besten Freundin Susannah verändert, wird aus Freundschaft langsam etwas anderes. Und Lucy muss sich zum ersten Mal mit ihren eigenen Gefühlen und ihrem Begehren auseinandersetzen.
Doch die Liebe zwischen den beiden steht unter keinem guten Stern. Religiöse Vorstellungen, Scham und die Erwartungen ihres Umfelds machen es Lucy schwer, ihre Gefühle überhaupt als etwas zu akzeptieren, das sein darf.
Sunburn erzählt von erster Liebe und dem schmerzhaften Erwachsenwerden in einer Zeit, in der Homosexualität in Irland noch stark von gesellschaftlicher und religiöser Ächtung geprägt war. Chloe Michelle Howarth verbindet diese Coming-of-Age-Geschichte mit einer sehr intensiven, nostalgischen Atmosphäre und einer Sprache, die das Begehren und die Verwirrung der Jugend unmittelbar spürbar macht.

William Rayfet Hunter – Sunstruck
Ein junger Mann verbringt den Sommer mit der wohlhabenden Familie Blake in Südfrankreich. Tage am Pool, Partys, Luxus und die scheinbar mühelose Welt der Familie bilden die Kulisse für einen Sommer, in dem er sich in Felix, den ältesten Sohn der Familie, verliebt.
Felix ist charismatisch, schön und reich – und plötzlich scheint für den jungen Mann eine Welt erreichbar, die ihm bisher verschlossen war. Doch als der Sommer vorbei ist und beide nach London zurückkehren, bekommt die glänzende Fassade erste Risse.
Sunstruck ist ein atmosphärischer Sommerroman über Begehren, Klasse, Rassismus und Zugehörigkeit. Das südfranzösische Setting sorgt für die perfekte Sommerkulisse, gleichzeitig wächst unter der Oberfläche ein immer stärkeres Unbehagen. Nicht ganz zufällig wurde der Roman mehrfach mit Saltburn verglichen. Hunter interessiert sich allerdings stärker für die Fragen nach Identität und sozialer Zugehörigkeit, die hinter der luxuriösen Oberfläche liegen.
Kat Eryn Rubik – Furye
Als ein Cabrio an den Klippen einer Küste in die Tiefe stürzt, spricht die Presse von einem Unfall. Die namenlose Erzählerin weiß jedoch, dass die Geschichte eine andere ist.
Sie ist Ende dreißig, erfolgreiche Musikmanagerin und führt ein Leben, das von außen ziemlich perfekt aussieht. Innerlich fühlt sie sich dagegen leer. Ein Anruf bringt dieses sorgfältig aufgebaute Leben endgültig ins Wanken und führt sie zurück an den Ort ihrer Jugend – in eine Küstenstadt, die sie vor zwanzig Jahren hinter sich gelassen hat.
Dort war sie Alec, eine von drei Freundinnen, die sich nach den griechischen Furien Alekto, Tisiphone und Megaira benannt hatten. Dort war auch Romain, ihre erste große Liebe. Und dort liegt eine Entscheidung aus jenem Sommer, deren Folgen sie bis in die Gegenwart verfolgen.
Furye erzählt auf zwei Zeitebenen von Freundschaft, erster Liebe, Herkunft, Wut und den Entscheidungen, die man als junger Mensch trifft und die einen vielleicht sehr viel länger begleiten, als man damals ahnen konnte.
Rachel Cusk – The Last Supper
Rachel Cusk verbringt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern einen Sommer in Italien. Sie reist nicht einfach nur durch das Land, sondern folgt dabei einer der berühmtesten Kunstlandschaften Europas: Kirchen, Fresken, Renaissancekünstler, Museen und italienische Städte werden zu Stationen einer Familienreise.
Doch wie so oft bei Cusk ist das eigentliche Thema nicht allein der Ort. Sie beobachtet Menschen, Kunst, Familie und die eigene Wahrnehmung mit einer Mischung aus Scharfsinn und Distanz. Aus Begegnungen und Reiseerlebnissen entstehen Überlegungen über Kunst, Schönheit, Besitz, Familie und darüber, was wir eigentlich suchen, wenn wir reisen.
The Last Supper ist deshalb weniger klassischer Reisebericht als literarische Auseinandersetzung mit Italien und dem Reisen selbst. Ein Buch für alle, die im Sommer nicht nur eine Geschichte, sondern auch ein wenig Zeit zum Denken suchen.
Victor Jestin – Hitze
Léonard ist siebzehn und verbringt die letzten Tage seines Sommerurlaubs mit seinen Eltern auf einem Campingplatz in den Landes. Während um ihn herum die Ferienwelt aus Sonne, Musik, Alkohol und Partys ihren gewohnten Lauf nimmt, fühlt er sich wie ein Fremdkörper.
Dann stirbt Oscar.
Léonard hat ihn beobachtet, ohne einzugreifen, als dieser sich an den Seilen einer Schaukel stranguliert. In Panik vergräbt er die Leiche am Strand. Am nächsten Tag wartet er darauf, dass jemand entdeckt, was geschehen ist – und begegnet gleichzeitig einem Mädchen.
Hitze ist ein kurzer, intensiver Roman über Schuld, Einsamkeit und das Gefühl, nicht in die Welt der anderen zu passen. Die sommerliche Ferienidylle wird dabei zunehmend beklemmend: Während auf dem Campingplatz die Aufforderung zum Glücklichsein allgegenwärtig ist, wird Léonards inneres Unbehagen immer größer.
Sommer ist nicht gleich Sommer
Vielleicht ist das das Schönste an Sommerbüchern: Sie müssen gar nicht leicht sein.
Man kann sich in ihnen an einen Pool legen, an die französische Atlantikküste fahren oder durch italienische Städte streifen. Man kann sich verlieben, alte Freunde wiederfinden, eine vergangene Version seiner selbst treffen. Und manchmal wird aus der flirrenden Sommerhitze etwas Unheimliches.
Denn kaum eine Jahreszeit eignet sich besser dafür, dass Dinge aus dem Gleichgewicht geraten.
