Victor Jestin – Hitze

Victor Jestin Hitze Rezension

Hitze von Victor Jestin führt unmittelbar in die tosende Gefühlswelt eines 17-Jährigen.

Der 17-jährige Léonard ist mit seiner Familie im Urlaub auf einem Campingplatz am Meer. In den zwei Wochen hat er kaum Anschluss gefunden, ist genervt von den Fragen der Eltern und der Rekordhitze. In einer der Nächte kurz vor seiner Abreise beobachtet er einen anderen Jungen, Oscar, dabei, wie er sich auf dem Spielplatz selbst stranguliert. Kurz zuvor hatte Oscar Luce geküsst, das Mädchen, das auch Léonard nicht aus dem Kopf geht. Statt zu helfen, schaut Léonard Oscar beim Sterben zu und vergräbt ihn in einem Loch in den Dünen.

Die noch verbleibende Zeit im Urlaub verbringt Léonard taumelnd, benommen und gefangen im Spiel von Luce, die sich ihm nähert, nur um wieder auf Distanz zu gehen. Es sind nur wenige Seiten, die Victor Jestin benötigt, um die Handlung seines Debüts Hitze zu verdichten. Darauf folgen knapp 150 weitere Seiten voller Intensität und den letzten Stunden von Léonards Campingurlaub.

In siebzehn Jahren kaum Dummheiten. Keine wirklich große Dummheit. Ich hatte nie betrogen, geklaut, geschlagen. Nur selten beleidigt. Hass und Wut hatte ich brav in mir angesammelt. Es war kein Unfall. Ich hatte Oscar sterben lassen. Ich hätte ihn retten können und hatte es nicht getan. Danach hatte ich seinen Körper versteckt. Ich wusste nicht einmal mehr, warum.

Schuld und Scham sind die bestimmenden Gefühle in Léonard nach dieser Nacht. Er ist gezwungen andere anzulügen, wie Oscars Mutter, seine eigenen Eltern oder Luce. Und gerade Luce ist es, die in ihm noch ganz andere Emotionen wie Verlangen auslöst. Sie zieht ihn an und stößt ihn kurz darauf zurück und lässt ihn alleine mit seiner Hoffnung auf mehr Nähe und der Angst vor Zurückweisung. Seine Ferienbekanntschaft Louis, der auf Tinder nach Mädchen und der Gelegenheit für Sex sucht, ist ihm auch keine Hilfe.

Jestins Ich-Erzähler nimmt seine Leser mit in diese Welt von widerstreitenden Gefühlen und großer Verunsicherung. Aufgrund seiner Unmittelbarkeit ist es nur schwer, sich dem Sog von Hitze zu entziehen. Denn Léonard ist der einzige, der vom Tod Oscars weiß, während alle um ihn herum weiter nach Urlaubsvergnügen suchen und unter der Rekordhitze leiden. Dabei setzt Jestin sowohl in der stilistischen Ausarbeitung als auch bei der Wahl des Settings auf Reduziertheit. Aus der Ich-Perspektive schildert er die intensiven Emotionen des Jugendlichen, der als Einziger weiß, dass die heile Welt des Campingplatzes gerade nicht in Ordnung ist. Nur traut er sich nicht, jemandem von dem Tod zu erzählen und macht alles mit sich allein aus.

Oscar ist tot wegen denen, die ihn nicht verstanden haben. Oscar ist tot wegen mir, der sich nicht gerührt hat, und ich habe mich nicht gerührt, weil ich in dem Moment nicht konnte, ich wollte lieber sterben, so wie er, und wir sahen uns gegenseitig beim Sterben zu, während die anderen tanzten.

Hitze von Victor Jestin beweist einmal mehr, dass es nicht vieler Seiten bedarf, um einen intensiven Roman zu schreiben. In dem kleinen Kosmos des Campingplatzes entfaltet er eine eigene Welt, in der Léonard seine ganz persönliche Tragödie erlebt. Die Tage nach dem Tod vergehen wie im Rausch. Voller widerstreitender Emotionen führt Hitze direkt in die aufgewühlte innere Welt von Léonard und ist nur schwer aus der Hand zu legen.

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