Beard, Gay & Stokowski: Texte zum Thema Feminismus

Mary Beard Roxane Gay Margarete Stokowski Bücher zum Thema Feminismus

Mary Beard – Frauen & Macht

Mary Beard ist Historikerin und unterrichtet Alte Geschichte an der Cambridge University. Dieses Buch besteht aus zwei Vorträgen, die zeigen, dass sich die patriarchalen Machtstrukturen, in denen wir heute noch leben, schon in der Antike etablierten, indem Frauen zum Schweigen gebracht wurden. So wurden und werden sie nicht nur nicht gehört, sondern auch nicht ernst genommen und aus dem Machtdiskurs ausgeschlossen.

Beginnend bei Homers Odyssee, in welcher Odysseus‘ Sohn Telemachos seiner Mutter den Mund verbietet, bis hin zum Kleidungsstil von Angela Merkel und Hillary Clinton, zeigt Beard an verschiedenen Beispielen der Geschichte und Politik, wie Frauen seit jeher versuchen, am Weltgeschehen teilzunehmen und nicht als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen und behandelt zu werden.

Beards Texte lesen sich wie eine Geschichtsvorlesung, sie sind interessant und bieten eine Fülle von Informationen, jedoch ohne trocken zu werden. Sie ermöglichen einen spannenden Einblick in die historische Entwicklung der westlichen Machtverhältnisse. Frauen & Macht ist eine kurze, aber lesenswerte Hintergrundlektüre für all diejenigen, die sich mit dem Thema Feminismus befassen wollen.

Wir müssen intensiver nachdenken über das Wesen der Macht, wozu sie dient und wie sie gemessen wird. Anders gesagt: Wenn Frauen nicht innerhalb der Machtstrukturen wahrgenommen werden, müsste dann nicht statt der Frauen die Macht neu definiert werden?

Roxane Gay Bad Feminist Rezension

Roxane Gay – Bad Feminist

Roxane Gay, Autorin (u.a. Hunger) und Professorin für Literatur, versammelt in Bad Feminist persönliche und politische Essays zu den Themen Feminismus, Sexismus, Gender, Sexualität, sexuelle Gewalt sowie Race und Rassismus.

Als Individuen können wir vielleicht nur wenig tun[.] Es gibt große und kleine Ungerechtigkeiten, und auch wenn wir nur gegen die kleinen kämpfen, kämpfen wir wenigstens.

Sie erzählt aus ihrem Alltag an der Uni, wo sie regelmäßig Diskriminierung erfährt (sowohl als Frau als auch als Person of Color), von der Gruppenvergewaltigung als sie jugendlich war, aber auch von Scrabble-Turnieren (letzteres ist meiner Meinung nach ein eher uninteressanter Teil des Buchs). Sie thematisiert Rape Culture und falsche Frauen- und Männerbilder in den Medien, in Popsongs und in der Literatur, führt hierzu viele bekannte Beispiele wie Fifty Shades of Grey, Twilight oder Robin Thickes Hitsong Blurred Lines heran.

Ihre Texte sind interessant und eröffnen mir, als heterosexuelle weiße junge Frau, die in Deutschland und nicht in den USA lebt, völlig neue Perspektiven und zeigt aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen in Amerika und in der Welt. Sympathisch ist vor allem, dass Gay sich selbst nicht als Über-Feministin präsentiert, sondern im Gegenteil: sie sagt, sie sei eine schlechte Feministin, weil sie eben, trotz der Tatsache, dass sie Gleichberechtigung für alle Menschen fordert, auch Bücher, Filme und Songs mag, von denen sie weiß, dass sie eigentlich nicht mit feministischen Idealen vereinbar sind. Und dass es okay ist, wenn man nicht völlig radikal dahintersteht. Dass man sich nicht schlecht fühlen muss, wenn man selbst eine andere Definition von Feminismus hat als diejenigen, die sich in den Medien äußern, diejenigen, die Kolumnen und Bücher schreiben, diejenigen, die zu Demonstrationen gehen. Es gibt so viele verschiedene Arten des Feminismus und wir dürfen nicht zwischen richtigem und falschem unterscheiden. Die Hauptsache ist, dass wir Feminist*innen sind.

Egal, welche Probleme ich mit dem Feminismus habe, ich bin und bleibe Feministin. Ich kann und werde die Bedeutung und die absolute Notwendigkeit des Feminismus nicht bestreiten. Wie die meisten Menschen bin ich voller Widersprüche, aber ich lehne es ab, mich mies behandeln zu lassen, weil ich eine Frau bin. I am a bad feminist. Ich bin eine schlechte Feministin. Ich bin lieber eine schlechte Feministin als gar keine Feministin.

Margarete Stokowski Die letzten Tage des Patriarchats Rezension

Margarete Stokowski – Die letzten Tage des Patriarchats

Die letzten Tage des Patriarchats der Autorin (Untenrum frei) und Kolumnistin Margarete Stokowski beinhaltet 75 ihrer Texte, davon alle Kolumnen oder Essays aus den Jahren 2011 bis 2018. Nicht alle von ihnen – aber dennoch viele – drehen sich um das Thema Feminismus. Ebenfalls bespricht sie Gerechtigkeit, Privilegien, Schönheitsideale, Rechtspopulismus oder Sprache in der Politik und den Medien.

Irgendwann als Kind lernt man, hoffentlich, dass man Schwächere nicht verprügelt, aber niemand kann ewig ein Kind bleiben, außer Peter Pan, und so wird man dann älter und erfahrener und erlebt allerlei verrücktes Zeug, und irgendwann hat man Schuhgröße 49 und redet Bullshit. Traurigste Metamorphose ever. Zum Beispiel bei Jens Spahn von der CDU.

Einige der Texte kannte ich schon von Spiegel Online, dort schaue ich aber nicht regelmäßig rein, sodass mir die meisten hier noch nicht vertraut waren. Fast alle Ereignisse, die sie anspricht, habe ich über die Jahre mitverfolgt, doch ich merke, wie mich die erneute Lektüre, trotz des lockeren, bissigen und unterhaltsamen Schreibstils, unfassbar wütend macht. Manche Aktionen und Reaktionen von Politiker*innen oder Journalist*innen sind völlig an mir vorbeigegangen und lassen mich nun kopfschüttelnd bis verzweifelt lachend zurück. Die meisten von Stokowskis Überlegungen sind für mich so… normal, logisch und selbstverständlich, dass es mich wahnsinnig macht, dass solche Themen überhaupt diskutiert werden müssen.

Insgesamt hat mir das Buch noch deutlich besser gefallen als Bad Feminist – vielleicht weil ich viel mehr persönlich betroffen bin und die Bezüge zu meinem eigenen Leben spürbar sind, aber auch, weil Stokowski mich emotional mehr abgeholt hat als Gay. All diese Kolumnen am Stück hintereinander weglesen zu können macht mich zornig, traurig, erschüttert.

Spannend fand ich auch den Einblick hinter die Kulissen. Stokowski zeigt Kommentare und Mails, die sie als Reaktionen auf ihre Texte erhalten hat. Dass nicht alle freundlich sind, war mir durchaus bewusst, aber welche Abgründe sich auftun, nur weil eine junge Frau über Vergewaltigung und Femizid schreibt, ist wirklich schockierend.

Das allein zeigt schon, dass wir, als Gesellschaft, noch viel Arbeit vor uns haben – Mary Beard, Roxane Gay und Margarete Stokowski machen aber einen guten Anfang und sprechen über das, was angesprochen werden muss.

7 comments

Add Yours
  1. stadtlandlesen

    Tolle Rezensionen! Stokowski und Gay hatte ich schon auf meiner Wunschliste, Frauen & Macht habe ich hier entdeckt. Das passt so vollkommen in meinen Lesegeschmack und ist direkt auf meine Wunschliste gewandert.
    Von Stokowski lies ich schon „Untenrum frei“. Sehr zu empfehlen sind auch „Alte weiße Männer“ von Sophie Passmann und „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez.
    Liebe Grüße Alexandra

    Gefällt 1 Person

    • letusreadsomebooks

      Danke dir, Alexandra! :)
      Schön, dass wir dir da direkt noch mehr Inspiration liefern konnten!
      „Untenrum frei“ werde ich auch irgendwann noch lesen, „Alte weiße Männer“ ist gestern hier eingezogen und „Unsichtbare Frauen“ wurde mir (neben unzähligen anderen interessant klingenden Büchern) auch schon auf Instagram empfohlen. Der Lesestoff in Sachen feministischer und gesellschaftlicher Themen wird mir demnächst wohl nicht ausgehen. :D
      Lieben Gruß,
      Nadine

      Liken

  2. johannaschreibtwas

    Tolle Übersicht, die mir sehr gefallen hat. Ich bin in Sachen feministische Literatur ein absoluter Einsteiger, daher fand ich deine Rezensionen und Vorstellungen sehr hilfreich. „Die letzten Tage des Patriarchats“ werde ich mir demnächst wohl mal holen. Danke für die Inspiration. <3 :)

    Gefällt 1 Person

    • letusreadsomebooks

      Danke dir! :) Ich befasse mich auch ehrlich gesagt eher mit aktuelleren Werken als mit den älteren, das möchte ich irgendwann unbedingt noch ändern. Aber die jüngeren Feministinnen, die momentan Bücher veröffentlichen, sind eben doch näher an meiner Realität und meinem Alltag und lesen sich leicht verständlich, überhaupt nicht dröge und trotz ernster Themen durchaus witzig und bissig.

      Gefällt 1 Person

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