Michael Ende – Die unendliche Geschichte

Michael Ende Die unendliche Geschichte Rezension

Michael Endes Die unendliche Geschichte, zurecht ein moderner phantastischer Klassiker, wird in der Jubiläumsausgabe durch wunderschöne Illustrationen von Sebastian Meschenmoser ergänzt.

Wer niemals offen oder im Geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen musste von den Gestalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien – Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat.

Bastian Balthasar Bux, der nach dem Tod seiner Mutter nur mit seinem Vater aufwächst, welcher nur noch ein Schatten seiner selbst ist, ist ein einsamer Junge. Er hat keine Freunde, mit seinem Vater spricht er kaum und die einzige Freude in seinem jungen Leben bereiten ihm die Bücher. Er liebt es, in ihnen zu versinken und seine traurige Realität für ein paar Stunden zu vergessen – genauso liebt er es aber auch, eigene Geschichten zu erfinden und seine Fantasie für großartige Neuschöpfungen zu nutzen. Als er in einem Antiquariat ein mysteriöses Buch von großer Anziehungskraft sieht, kann er nicht anders, als es heimlich einzustecken und sich damit auf dem Speicher seiner Schule zu verstecken. Dort liest er völlig gebannt von dem grünhäutigen Jungen Atréju, der in Phantásien lebt und versuchen muss, ein Heilmittel für die kranke Kindliche Kaiserin zu finden, während sich das gefährliche Nichts immer weiter im Reich ausbreitet. Doch irgendwann verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Buch, zwischen Wirklichkeit und Fantasie: Bastian wird gerufen, um Phantásien zu retten.

Die unendliche Geschichte illustriert von Sebastian Meschenmoser

Ich muss peinlicherweise gestehen, dass ich Die unendliche Geschichte als Kind oder Jugendliche nie gelesen habe. Den Film habe ich, glaube ich, einmal gesehen, aber das ist schon so lange her, dass ich mich an nichts mehr erinnern kann. Aber auch mit fast 30 war es definitiv nicht zu spät, diese Lektüre noch nachzuholen, denn der Zauber des Buchs wirkt auf Erwachsene kein Stückchen weniger als auf jüngere Leser.

„Weißt du nicht, dass Phantásien das Reich der Geschichten ist? Eine Geschichte kann neu sein und doch von uralten Zeiten erzählen. Die Vergangenheit entsteht mit ihr.“

Bastian Balthasar Bux war mir ehrlich gesagt von Anfang an nicht sonderlich sympathisch, selbst als er noch der arme, einsame, von Anderen gehänselte Junge war. Das änderte sich während des Lesens auch erst einmal nicht, selbst am Ende habe ich mich immer noch nicht richtig mit ihm angefreundet, auch wenn er eine wirklich beeindruckende Wendung durchmacht. Und trotzdem hat es Spaß gemacht, das Buch zu lesen, Michael Endes Einfallsreichtum ob der verschiedenen verrückten Landschaften und Lebewesen Phantásiens zu bewundern und Bastians Abstieg zu einem von Macht korrumpierten Tyrann mitzuverfolgen.

Michael Ende Die unendliche Geschichte Jubiläumsausgabe Thienemann

Ich begleitete Atréju und Fuchur gerne auf ihrer Reise durch Phantásien und fand es äußerst spannend, wie Bastian, der mit der Kraft seiner Fantasie das Land neu gestalten soll, immer mehr den Bezug zur Wirklichkeit verliert und sich stattdessen von oberflächlichen Wünschen verleiten und von bösen Mächten beeinflussen lässt. Michael Ende zeigt zwar durchgehend in diesem Buch, dass es schlecht ist, wenn den Erwachsenen die Fantasie abhanden kommt, macht aber auch deutlich, dass es einen gesunden Mittelweg geben muss, diese einzusetzen – dass es genauso falsch ist, seine Fantasie zu verbannen, wie sich von der Realität abzuwenden und komplett in seine Fantasie zu flüchten. Stattdessen sollten wir, alle Menschen, ob Kinder oder Erwachsene, sie lieber nutzen, um unsere Wirklichkeit zum Positiven zu verändern.

„Rate mal, Söhnchen, was aus all den Bewohnern von Spukstadt wird, die ins Nichts gesprungen sind?“
„Ich weiß es nicht“, stammelte Atréju.
„Sie werden zu Wahnideen in den Köpfen der Menschen, zu Vorstellungen der Angst, wo es in Wahrheit nichts zu fürchten gibt, zu Begierden nach Dingen, die krank machen, zu Vorstellungen der Verzweiflung, wo kein Grund zum Verzweifeln da ist.“

Besonders anschaulich wird Die unendliche Geschichte in dieser herrlichen Ausgabe mit schwarz-weißen Skizzen sowie bunten und opulenten Illustrationen Sebastian Meschenmosers. Zudem ist die Typografie des Buchs sehr speziell: Die Rahmenhandlung um Bastian, der das Buch stiehlt und liest, hat eine andere Farbe als die Binnenhandlung des Buchs im Buch, Fantasie und Realität werden also klar voneinander getrennt. Sehr schön finde ich auch, dass alle 24 Kapitel in Phantásien mit den Buchstaben des Alphabets beginnen, in korrekter Reihenfolge – wir beginnen mit „Alles Getier im Haulewald duckte sich in seine Höhlen“ und enden mit „Zögernd stand der Junge, der keinen Namen mehr hatte, auf“.

Die unendliche Geschichte illustrierte Ausgabe

Michael Endes in über 40 Sprachen übersetzter und über neun Millionen Mal verkaufter Klassiker Die unendliche Geschichte erschien bereits 1979, doch auch heute, über 40 Jahre später, vermag er es, seine Leser zu verzaubern. Mit viel Liebe gestaltet Ende seine Welt und ihre Figuren. Er hat mit diesem Buch nicht nur eine Hommage an das Lesen und die Bücher selbst geschaffen, sondern auch an die Kraft und Bedeutsamkeit der Fantasie.

3 comments

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  1. johannaschreibtwas

    Wow, ich habe schon von dieser Ausgabe gehört, jetzt aber dank deines Artikels zum ersten Mal einen Einblick in das Innenleben der neuesten Edition erhalten. Die Illustrationen sind ja wirklich großartig! :) Dein Beitrag hat auf jeden Fall in mir die Lust geweckt, das Buch zu lesen – wie Du kenne ich bislang nämlich auch nur den Film. :D Danke für die schöne Inspiration. :)

    Gefällt 1 Person

  2. Monatsrückblick: gelesen im Februar – Letusredsomebooks

    […] Bastian Balthasar Bux findet in einem Antiquariat ein Buch, das ihn einfach magisch anzieht: „Die Unendliche Geschichte“. Er steckt es heimlich ein und verbarrikadiert sich damit auf dem Dachboden seines Schulgebäudes. Während er den Jungen Atréju auf seinen Abenteuern durch Phantásien begleitet, beginnen Realität und Buch sich zu vermischen – bis Bastian letztendlich zu einem Teil der unendlichen Geschichte wird. Die wunderbar phantasievolle Geschichte macht an sich schon viel Spaß zu lesen, doch gerade die Illustrationen von Sebastian Meschenmoser sowie die ausgefallene Typografie machen diese Jubiläums-Ausgabe des Klassikers der phantastischen Literatur zu etwas ganz Besonderem. Hier erhaltet ihr einen näheren Einblick. […]

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