Madeline Miller – Circe

Rezension Madeline Miller Circe Roman

Madeline Millers Circe wagt eine weibliche Perspektive auf die griechische Sagengestalt. Ein toller Roman, der in einigen Punkten gerne noch mutiger hätte sein dürfen.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.

Mit diesen Versen beginnt die Odyssee, das wohl zu den bekanntesten Werken der europäischen Literatur zählt und von dem griechischen Helden Odysseus berichtet, der sich nach dem trojanischen Krieg auf einer Irrfahrt über das Meer befindet. Während seiner Reise trifft er auf der Insel Aiaia auf Circe, eine Zauberin und Tochter des Titanen und Sonnengottes Helios. Die Autorin Madeline Miller hat mit Circe (dt. Ich bin Circe) eine modernisierte Version des Lebens von Circe geschrieben, die zwar von den antiken Mythen inspiriert erscheint, in der es aber letztlich um eine Emanzipation Circes von dem klassischen Leben einer Titanentochter geht.

Later, years later, I would hear a song made of our meeting. The boy who sang it was unskilled, missing notes more often than he hit, yet the sweet music of the verse shone through his mangling. I was not surprised by the portrait of myself: the proud witch undone before the hero’s sword, kneeling and begging for mercy. Humbling women seems to me a chief pastime of poets. As if there can be no story unless we crawl and weep.

Millers Circe erzählt aus der Ich-Perspektive ihre Lebensgeschichte, die sich von Beginn an dadurch auszeichnet, dass sie nicht in die ihr zugedachten Rollen passt. Sie ist schwach, bei weitem nicht so schön wie ihre Geschwister, wie ihre Mutter nur eine Nymphe und kommt weniger nach ihrem Vater Helios. Inmitten der sie umgebenden Verwandten ist sie zu menschlich. Doch sie lernt die Kraft von Kräutern zu nutzen und wird so zu einer Hexe, die sowohl von Göttern als auch von Titanen gefürchtet wird. Zur Strafe wird sie auf die Insel Aiaia verbannt, die sie nur noch selten verlassen darf. Bis es zu der Begegnung mit Odysseus kommt, trifft sie auf viele andere Menschen und mythische Figuren wie Ikarus, den Götterboten Hermes, Medea und weitere.

Leicht und dennoch bildreich lässt Miller Circe von ihrem Leben berichten. Ebenso macht sie nicht den Fehler, das Aufeinandertreffen mit Odysseus in den Mittelpunkt zu stellen, auch wenn es für Circes Entwicklung eine wichtige Rolle spielt. Bis dahin verfolgen die Leser, wie Circe sich immer mehr entwickelt und aus (schlechten) Erfahrungen lernt. Gerade die unerwarteten Begegnungen verlaufen anders als erwartet, weil sie eben nicht den Rollenbildern entspricht.

It is a common saying, that women are delicate creatures, flowers, eggs, anything that may be crushed in a moment’s carelessness. If I had ever believed it, I no longer did.

Der Roman kreist ausschließlich um die Ich-Erzählerin, die keineswegs ein freundlicher Charakter ist, sondern genau wie alle anderen Figuren ambivalent gehalten ist. Miller gelingt es, Circes Entwicklung glaubhaft darzustellen und versucht so, Lücken im Mythos zu füllen. So liefert sie eigene Interpretationen für den Grund Circes Verbannung auf eine einsame Insel, auf der sie eben nicht wie eine unsterbliche Göttin wirkt oder für ihr Vorgehen, die auf Aiaia gestrandeten Seefahrer in Schweine zu verwandeln. Zentrales Thema ist ihre Emanzipation von der Götterwelt, die ihr mal mehr und mal weniger gut gelingt und ihre Herkunft als Tochter von Helios holt sie dabei immer wieder ein. Was Millers Bearbeitung von Circe besonders auszeichnet, ist, wie sie die antiken Figuren mit aktuellen Fragen und Problemstellungen verbindet, ohne dabei den Mythos zu entstellen. So sollte allerdings auch vor dem Lesen klar sein, dass Circe und all die anderen Gestalten mitunter sehr modern in ihrem Handeln wirken – was an manchen Stellen nicht immer plausibel erscheint. Und ja, der Roman schildert aus Sicht einer weiblichen Figur eine antike Sage, das macht es aber nicht automatisch zu einem feministischen Buch. Dafür bleiben die Protagonisten zu sehr in tradierten Rollenmustern hängen. Hier wäre eine noch mutigere Darstellung von Seiten der Autorin wünschenswert gewesen.

I have aged. When I look in my polished bronze mirror, there are lines upon my face. I am thickened too and my skin has begun growing loose. I cut myself with my herbs and the scars stay. Sometimes I like it. Sometimes I am vain and dissatisfied. But I do not wish myself back. Of course my flesh reaches for the earth. That is where it belongs.

Madeline Miller interpretiert mit ihrem Roman Circe einen antiken Mythos neu und schildert mit der namensgebenden Ich-Erzählerin eine weibliche Sicht, in der viele Sagengestalten auftauchen. Noch mehr Mut und größere Emanzipation von bekannten Rollenmustern hätten dem bereits sehr lesenswerten Buch dennoch gut getan. Diese kleinen Abzüge schmälern den sehr guten Gesamteindruck aber nur minimal.

Eine weitere Rezension findet ihr bei LiteraturReich.

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