Karen Thompson Walker – Die Träumenden

Karen Thompson Walker Die Träumenden Rezension

Karen Thompson Walkers Roman Die Träumenden entwirft ein faszinierendes dystopisches Szenario, eingebettet in poetische Sprache.

Es beginnt an einem College in der fiktiven Stadt Santa Lora, Kalifornien. Zuerst ist es nur eine einzelne Studentin, dann kommen weitere junge Mädchen hinzu. Sie fühlen sich fiebrig und müde, fast wie bei einer Grippe, doch nachdem sie ins Bett gehen, wachen sie nicht mehr auf. Sie schlafen, und niemand weiß wieso, oder wie lange. Bald beginnt sich die mysteriöse Krankheit zu verbreiten – und mit ihr die Gerüchte und Ängste unter den Anwohnern.

The girls – the ones who are left – notice something else about her, too, a small flickering of her eyelids. The idea spreads quickly: like the others, she is dreaming. It seems important, this dreaming, as if these girls live in some other time, when what you saw in your sleep could still be taken for some kind of truth.

Die Träumenden erzählt die Geschichte einer unbekannten Krankheit, die sich in einer Kleinstadt ausbreitet und diese von der Außenwelt abschottet. Der Leser begleitet verschiedene Charaktere, die alle auf eine Art von dem Schlaf betroffen sind: Mei, eine Collegestudentin, ist die Mitbewohnerin des ersten Opfers; Ben, der gerade erst mit seiner Frau hergezogen ist und vor wenigen Wochen Vater wurde, befürchtet, dass das Baby sich angesteckt hat; Sarah bereitet sich mit ihrem paranoiden Vater und ihrer Schwester schon seit Jahren auf mögliche Katastrophen vor; ein Professor der infizierten Studentinnen, unterschätzt die Lage völlig und eine Psychiaterin reist aus Los Angeles an, um die Krankheit zu verstehen.

A heaviness lingers in his limbs, a weariness – and no diagnostic test can register wheter it’s a symptom of the sickness or of grief. The darkest moods sometimes descend after periods of unexpected light.

Im Vergleich zu anderen Büchern dieses Genres ist der Roman sehr ruhig – hier wird nicht gestorben, hier wird geschlafen. Die Panik unter den Anwohnern Santa Loras ist da, aber sie kommt schleichend. Zunächst geht alles seinen gewohnten Gang in der Kleinstadt, lediglich Sarahs Vater ahnt Fürchterliches. Alles, die Thematik, die Sprache, das Erzähltempo, wirkt traumhaft. Thompson Walkers Sätze sind intensiv, fast schon hypnotisch, die Atmosphäre verstörend und greifbar. Obwohl sich viele Perspektiven abwechseln, erlaubt die Autorin es, dass man als Leser eine Verbindung zu den Protagonisten aufbaut – zumindest zu jenen, die wir intensiver begleiten und deren Ängste für uns greifbar werden, wie Sarah und Ben.

Quarantäne, Isolation, Angst vor den eigenen Nachbarn: Als die Bewohner Santa Loras den Ernst der Lage begreifen, werden plötzlich ihre grundlegenden Werte wie Freiheit, Solidarität und Moral auf den Kopf gestellt. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Sollte das Leben deiner Freundin mehr wert sein als das von drei Fremden? Wo liegt die Grenze zwischen Freiheit und Sicherheit? Müssen wir uns wirklich einsperren lassen, um andere zu schützen, die sich aber vermutlich trotzdem anstecken werden oder schon infiziert sind?

In other parts of the country, certain skeptics remain. A new hashtag begins to trend: #SantaLoraHoax. The government, they are sure, knows more than it is saying. That’s the reason they’ve cut off the town: to hide whatever it is they have done.

Schnell verbreiten sich Gerüchte, die Krankheit existiere gar nicht, alles sei bloß vorgetäuscht. Fake News, um die Bevölkerung zu manipulieren und zu kontrollieren. Auch Sarahs Vater ist eher als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen: der ganze Keller des Hauses ist voller Vorräte für mehrere Jahre, die Gasmasken hängen schon seit Ewigkeiten bereit. Ironischerweise soll dieser scheinbar Verrückte sogar Recht behalten und als Einziger früh genug die wirkliche Gefahr erkennen.

Thompson Walker erkundet Traum und Realität, Bewusstsein, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Visionen und alternative Versionen der Gegenwart spielen genau so eine Rolle wie die Frage, ob der Fluss der Zeit nur eine Illusion ist. Wie die Thematik vielleicht schon erahnen lässt, werden im Laufe des Romans mehr Fragen aufgeworfen, als letzten Endes beantwortet werden – damit muss man als Leser wohl zurecht kommen.

But can it really be true that a week has already passed since she spoke to her mother? Time here is as slippery as it is in a dream. They are eighteen years old, but the past has fallen away. The future has shrunk down to this, like a shadow foreshortened suddenly at midday.

Karen Thompson Walkers Roman Die Träumenden ist eine wunderbar stille Dystopie, die sich stilistisch ihren inhaltlichen Themen annähert. Mit klarer, poetischer Sprache erschafft die Autorin ein bedrückendes und traumgleiches Szenario, das seine Leser gefangen nimmt. Und obwohl es ein sehr gelungenes Buch ist, fehlt glaube ich dennoch das gewisse Etwas, damit es mir längerfristig in Erinnerung bleiben wird – wie ein wundersamer Traum, der nach einer Weile doch wieder dem Gedächtnis entschwindet.

5 comments

Add Yours
  1. Tina

    Ich habe das Buch gestern begonnen zu lesen und bin schon sehr gespannt, wie es mir gefallen wird! Bereits die ersten 30 Seiten haben so eine Sogwirkung auf mich ausgeübt, sodass ich in der Bahn gar nicht mehr aufhören wollte zu lesen, als ich raus musste mich :)

    Viele liebe Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

      • Tina

        Tatsächlich komme ich nicht so gut voran… Aber das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich mich an drei Büchern parallel versuche aktuell 😅 Aber ich werde berichten, wenn ich durch bin!

        Liken

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