Kanae Minato – Schuldig

Kanae Minato Schuldig Rezension

Unfall oder Mord? Als vier junge Männer anonyme Briefe erhalten, müssen sie erneut ein tragisches Ereignis aus ihrer Vergangenheit konfrontieren. Kanae Minatos neuer Roman Schuldig kann leider nicht das hohe Niveau ihres Erstlings Geständnisse erreichen.

KAZUHISA FUKASE IST EIN MÖRDER!

Fukase, ein zurückgezogener, eigensinniger Mann in seinen Zwanzigern hat einen wenig spektakulären Job als Außendienstmitarbeiter in einem Unternehmen für Bürobedarf, hegt eine große Leidenschaft für guten Kaffee und ist eigentlich mit seiner Freundin Mihoko glücklich – bis diese plötzlich ein anonymes Schreiben erhält, in dem ihr Freund als Mörder bezichtigt wird. In Rückblenden berichtet Fukase ihr von einem Wochenende, das einige Zeit zurückliegt und in einem tragischen Unfall endete. Denn das war es doch: ein Unfall. Oder tragen er, Asami, Murai und Tanihara etwa doch Schuld am Tod ihres Kommilitonen Hirosawa?

„Abgesehen davon, ob einem vergeben wird oder nicht, mag einem leichter ums Herz sein, wenn man eine Beichte ablegt, aber wie fühlt es sich für diejenigen an, die damit konfrontiert werden?“

Kanae Minato konnte mich im letzten Jahr mit ihrem ersten Roman Geständnisse völlig vom Hocker reißen. In dem Buch überschlagen sich die Ereignisse, eine Wendung folgt auf die nächste und man wird als Leser durchgehend überrascht. Deswegen hatte ich zugegebenermaßen ziemlich hohe Erwartungen an ihr neues Werk. Schuldig jedoch ist eine deutlich ruhigere Geschichte, die sich nur langsam, und für mich auch etwas schleppend, entfaltet.

Die ersten knapp 60 Seiten folgen wir Fukase in seinem Alltag, lernen sein Umfeld, seine Hobbies, seine Freundin kennen. Erst danach wird in mäßigem Tempo von dem verhängnisvollen Wochenende erzählt, an dem Fukase und seine Freunde von der Uni einen Ausflug in die Berge machten, der für Hirosawa tödlich ausgehen sollte. Minato legt viel Wert auf kleine Details der Beziehungen zwischen den jungen Männern, die sich zum Teil später noch als wichtig herausstellen.

Spannung spielt hier keine aktive Rolle, sondern findet immer nur unterschwellig statt. Der Leser weiß, dass es irgendwo unter der Oberfläche brodelt, er bekommt die Differenzen zwischen den Studenten mit, er überlegt, ob jemand außerhalb der Clique vielleicht mehr weiß, als Fukase und die anderen zugeben möchten. Tragen die Männer Mitschuld an dem Unfall? War es überhaupt ein Unfall oder gibt es irgendwo noch eine verborgene, dunkle Wahrheit? Wer weiß noch von dem Wochenende, und vor allem: wie viel weiß derjenige?

„Es gibt also eine Menge Gründe für Reue, aber trotzdem habe ich kein Verbrechen begangen, das ich mein ganzes Leben als Last mit mir herumschleppen muss.“

Es gab auch Zeiten, wo Fukase sich einredete, dass man alle Umstände zusammengenommen als Schicksal bezeichnen konnte. Diese Anfälle von Fatalismus waren rational allerdings nicht nachvollziehbar.

Schuld und Unschuld, Moral und Wahrheit werden hinterfragt, als Fukase in seinen Erinnerungen gräbt und in der Gegenwart versucht, mehr über seinen Freund Hirosawa herauszufinden, um dem anonymen Verfasser der Briefe auf die Spur zu kommen. Schnell wird deutlich, wie wenig die jungen Männer überhaupt voneinander wussten – und wissen. Minato schafft es in diesem Roman, das zerbrechliche Gefüge namens Freundschaft zu beleuchten und die zwischenmenschlichen Beziehungen gekonnt darzustellen und zu hinterfragen. Richtig mitreißend ist das Buch, vielleicht auch deshalb, allerdings nicht.

Auch die Auflösungen lassen meiner Meinung nach ein wenig zu wünschen übrig – ob das jetzt allgemein der Fall ist oder gerade dann, wenn man ihr erstes Buch gelesen hat, vermag ich nicht zu sagen. Der Roman ist zwar unterhaltsam und auch durchaus spannend, für mich aber eher mittelmäßig. Bis die Autorin dann auf den letzten zwei Seiten noch einmal einen Twist raushaut. Richtig überzeugen konnte mich Schuldig auch damit zwar immer noch nicht, konnte sich aber immerhin noch von einem drei-Sterne-Buch zum vier-Sterne-Roman retten.

Kanae Minatos neuer Roman Schuldig ist vergleichsweise ruhig und eher unterschwellig spannend als ein richtiger Pageturner wie ihr Erstling Geständnisse. Zeitweise ging mir alles ein wenig zu schleppend und unspektakulär voran, auch wenn die Atmosphäre und die Beziehungsgeflechte wunderbar rübergebracht werden. Das Ende des Buchs hält eine gelungene Wendung bereit, die aber leider die einzig wirklich überraschende geblieben ist. Somit konnte Schuldig sich gerade noch aus der Mittelmäßigkeit reißen, für mich aber überhaupt nicht an das Niveau seines Vorgängers anknüpfen.

1 comment

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  1. Rückblick: Lesemonat Mai – Letusredsomebooks

    […] Fukuhase erhält anonyme Briefe, in denen er als Mörder bezichtigt wird. Was ist da dran? Trägt er wirklich die Schuld an dem Tod seines Kommilitonen? Während in Rückblenden von dem verheerenden Wochenende berichtet wird, muss Fukuhase feststellen, dass nicht nur er die Briefe erhält – und nicht jeder Mensch in seinem Leben so ist, wie er dachte. Kanae Minatos erster Roman, Geständnisse, hat mich total vom Hocker gerissen – und dadurch leider die Messlatte ziemlich weit oben angesetzt. Schuldig ist ein deutlich ruhigerer Roman, mit einer eher unterschwelligen Spannung. Auch wenn es wenige Twists und Überraschungen gibt, kann das Buch aber durch ein fulminantes Ende noch mal einige Punkte dazugewinnen. Wir haben diesen Roman schon ausführlich rezensiert. […]

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