Dennis Lehane – Mystic River

Dennis Lehane Mystic River Rezension

Thriller, Milieustudie und Psychogramm in einem: Dennis Lehane begeistert mit seinem preisgekrönten Roman Mystic River.

Dave, Jimmy und Sean kennen sich seit Kindertagen. 25 Jahre später begegnen sich die unterschiedlichen Männer wieder, nachdem Jimmys Tochter Katie ermordet in einem Pak gefunden wurde. Sean arbeitet als Polizist im Ermittlungsteam und ausgerechnet Dave ist  einer der Verdächtigen.

Die Freundschaft zwischen den Jungen Dave, Jimmy und Sean hat sich eher zufällig entwickelt. Die Väter von Jimmy und Sean arbeiteten in derselben Fabrik, was zu Besuchen führte, bei denen Dave als Jimmys Bekannter dabei war. Alle leben sie in East Buckingham, einem (fiktivem) Vorort von Boston. Doch während Dave und Jimmy aus den Flats stammen, wohnt Sean in dem Teil, der The Point genannt wird und wo den Familien die Häuser selbst gehören und niemand zur Miete wohnt. Das Unglück entwickelt sich, als Dave von zwei Männern, die sich als Polizisten ausgeben, auf der Straße entführt wird. Vier Tage später taucht er wieder auf, doch der Missbrauch hinterlässt Spuren auf der Seele, die auch 25 Jahre später noch spürbar sind.

Man spürte sie in der Seele, dort und nirgendwo sonst. Dort spürte man die Wahrheit jenseits aller Logik, und meist handelte es sich um eine Wahrheit, der man sich nicht stellen wollte, weil man sich nicht sicher war, ob man sie ertragen konnte. Weshalb man sie ausblendete, zum Psychiater ging, sich die Nächte in Kneipen um die Ohren schlug oder bis in die Puppen durch die Programme zappte – schlicht und einfach, um sich vor der bitteren, hässlichen Wahrheit zu drücken, die die Seele längst erkannt hatte, ehe das Bewusstsein so weit war.

Dennis Lehane baut in seinem preisgekrönten Thriller Mystic River langsam die Umstände des Mordes von Jimmys Tochter und die Atmosphäre auf, doch entwickelt sich dabei die Geschichte absolut zielgerichtet auf ihr unerbittliches und konsequentes Ende hin. Neben den drei Männern ist der sehr detailliert beschriebene Handlungsort der heimliche Hauptprotagonist. So ist es von hoher Bedeutung, auf welcher Seite der Buckingham Avenue jemand wohnt, entweder in den Flats, einem Arbeiterviertel, in dem auch viele Kriminelle leben, oder im Point. Diese gesellschaftlichen Unterschiede spielen im Verlauf der Ermittlungen immer wieder eine Rolle.

Lehane lässt unterschiedliche Milieus aufeinanderprallen, macht aus alten Bekannten erbitterte Feinde und entwickelt so eine Handlung, die an ein klassisches Drama erinnern mag. Von Beginn vermag es der Autor, den Leser zu fesseln und in einen Sog zu ziehen, aus dem es kein Entkommen gibt. Nach und nach werden dabei die Biographien der Figuren beleuchtet und die einschneidenden Ereignisse, die sie zu den Menschen gemacht haben, die sie nun sind. Lehane versteht es, eindrückliche Psychogramme zu entwickeln. So hat jeder der Männer Geheimnisse und während es zu immer mehr Enthüllungen und Verwicklungen kommt, schreitet die Handlung rasch und ohne unnötige Schnörkel voran.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass neben der spannenden Handlung die Figurenzeichnung die größte Stärke des Romans ist. Dabei stehen nicht nur die drei Jugendfreunde im Fokus, sondern auch ihr Familienumfeld, vor allem ihre (Ex-)Frauen, die ebenso gut ausgearbeitet werden. So lässt Lehane ein komplexes Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten entstehen, das voller Grautöne ist und dem Leser keine einfachen Urteile erlaubt.

Der Mensch, den man über alles liebt, ist diese Liebe selten wert. Niemand ist sie wert, und vielleicht hat es auch niemand verdient, die Bürde einer solchen Lieben tragen zu müssen. Man wird unweigerlich enttäuscht. Man fühlt sich im Stich gelassen, verliert das Vertrauen, und man findet das Leben immer öfter einfach nur beschissen. Man verliert mehr, als man gewinnt, und irgendwann hasst man im selben Maße, wie man liebt. Aber verdammt noch mal, man krempelt die Ärmel hoch und lernt, damit umzugehen – denn genau das bedeutet es, erwachsen zu werden.

Mystic River ist definitiv ein Thriller, der aus der Masse heraussticht. Er bietet besondere Protagonisten, entwickelt sich fast schon zu einer Art Milieustudie und ist gleichzeitig sehr spannend erzählt. Natürlich ist das Thema Kindesmissbrauch sehr schmerzhaft und nicht für jeden Leser geeignet. Wer damit umgehen kann und gerne Thriller liest, für den führt kein Weg an Mystic River vorbei.

2003 wurde das Buch von Clint Eastwood mit Sean Penn, Tim Robbins und Kevin Bacon in den Hauptrollen verfilmt und mit zwei Oscars ausgezeichnet. Hier gibt es einen Trailer.

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