Christian Kracht – Faserland

Rezension Christian Kracht Faserland

Zwischen Misanthropie und Melancholie: Christian Krachts 1995 erschienener Debütroman Faserland ist ein Meilenstein der deutschsprachigen Popliteratur, der auch nach über 20 Jahren noch eine unglaubliche Kraft entfaltet.

Deutschland in den 90er-Jahren: Der namenlose Protagonist und Ich-Erzähler reist von Sylt aus einmal quer durch die Bundesrepublik bis in die Schweiz, trifft alte Bekannte, geht auf Partys, trinkt, probiert Drogen aus, was man nun mal so macht wenn man jung ist und zu viel Geld und Zeit hat. In extrem zynischem Ton schildert er seine Beobachtungen und Empfindungen, stets zwischen Rausch, Ennui und einer grundlegenden Abneigung.

Ich habe damals gesagt, nein, man müsse die doch was fragen dürfen, besonders, weil die ja die Möglichkeit hätten, viele Menschen mit ihren Filmen zu erreichen. Da hat Alexander gesagt, ich wäre ein blöder Hippie, der glaubt, er könne Sachen verändern durch Diskussionen. Da hab ich gesagt, er solle das Maul halten, und dann haben wir uns gestritten, und dann sind wir zum Bahnhof Zoo gegangen, Junkies gucken, aber es war irgendwie nicht mehr so wie früher.

Direkt mal vorweg: Der namenlose Protagonist, den wir durch den Roman begleiten, ist der unsympathischste, der mir in der letzten Zeit in der Literatur untergekommen ist. Wobei unsympathisch vermutlich noch zu harmlos wäre – unsympathisch sind zum Beispiel alle Charaktere in Donna Tartts oder Amélie Nothombs Romanen. Der junge Mann, mit dem wir es hier zu tun haben, ist eigentlich eher verachtenswert.

Nun ist es aber so, dass auch Protagonisten vom Schlag „schlechter Mensch“ besonders gut gezeichnete Charaktere sein können. Und genau das ist hier der Fall. Als Leser hasst man den Erzähler mit jedem geschriebenen Satz mehr und mehr, und dennoch übt er auch eine gewisse Faszination auf einen auf. Überhaupt: der Erzähler schafft es, unglaublich starke, wenn auch negative Gefühle in mir hervorzurufen – DAS ist großartige Literatur. Nichts ist unbedeutender als Protagonisten, die den Lesern völlig egal sind.

[…] und in dem Moment, als ich mir das vorstelle, weiß ich nicht, was komischer ist, die toten Autonomen mit ihren verfilzten lila Haaren und den Nasenringen, die ohne ihre blöden Doc Martens in der Wüste liegen und ausdorren, oder die Vorstellung, daß da unten ein ganzer Haufen Tuareg mit strahlend blauen Turbanen und Doc Martens an den Füßen Fiat Uni fährt. Wahrscheinlich schieben sie die Hausbesetzer-Kassetten in die Auto-Anlage und klatschen in die Hände und freuen sich, wenn Ton Steine Scherben aus den Lautsprechern plärrt oder The Clash oder was auch immer Autonome so für Kassetten mitnehmen, wenn sie durch die Wüste fahren.

Der Protagonist trieb mich im Verlauf der Lektüre zur Weißglut. Allein jetzt über ihn nachzudenken, bringt schon wieder total viele Emotionen in mir hoch. Er ist arrogant, eingebildet, homophob, herablassend, zynisch, redet über alles und jeden schlecht, ist unverschämt, snobistisch, undankbar, vollkommen egozentrisch und ignorant. Alte Leute sehen für ihn alle aus wie Nazis, Jack Daniels bezeichnet er als „völlig reaktionäres Schweine-Red-Neck-Getränk“, bei Frauen wird nur bemerkt ob sie hübsch sind oder sexy und er spricht ständig vom SPD-Gewäsch oder den SPD-Nazis, verurteilt gleichzeitig aber seine sogenannten Freunde, viel zu links geworden zu sein. Sowieso, alles, was andere tun ist falsch und verwerflich und minderwertig, obwohl er sich zum Teil genauso verhält. Er scheint alles und jeden zu hassen seine Grundeinstellung ist „anti“, egal, worum es geht. Und so wird man als Leser auch automatisch zu einer Haltung gedrängt, denn der Protagonist macht es einem geradezu unmöglich, auf seiner Seite zu stehen.

Faserland-Christian-Kracht.jpg

Es ist eine Hassliebe zwischen mir und diesem jungen Schnösel. Er ist ein spießiges Arschloch, man kann es nicht anders sagen, völlig überzeichnet natürlich, aber er funktioniert als herausragender Charakter. Ich bewundere Krachts Stil, schon Imperium hat mich, unter anderem auch sprachlich, wahnsinnig beeindruckt. Hier, in Faserland, ist es weniger die Sprache, die ist umgangssprachlich und sehr mündlich orientiert und passt verdammt gut zum Roman, sondern vielmehr die Ausarbeitung des Protagonisten, die das gesamte Buch für mich ausmacht.

Ich meine, saßen da irgendwelche Menschen mit bunten Brillen in einem Designbüro in Kassel und haben sich tatsächlich darüber den Kopf zerbrochen, ob diese Monstrosität in der Mitte ihrer geschmacklosen Züge nun Bord-Treff heißen sollte oder nicht? Vielleicht hat ja einer gesagt: Nein, Gastro-Stubb müsste es heißen, oder vielleicht sogar Iß Was. Nee, haben alle gesagt, nee, wir brauchen etwas Gemütliches, etwas, das nach Heimat klingt, aber gleichzeitig auch nach High-Tech, nach Flugzeug und nach Geschwindigkeit. Schließlich haben sie sich dann auf Bord-Treff geeinigt, die Agentur hat dann drei Millionen Mark eingestrichen und alle sind mit ihren Armani-Sakkos und ihren bunten Brillen in die Toskana gefahren, Chianti trinken und Lebensgefühl tanken.

Zwischen all der Wut, die man dank des Protagonisten verspürt, sind einige seiner zynischen Momente aber auch durchaus amüsant zu lesen und es gab tatsächlich auch ein paar Stellen im Buch, an denen ich Mitleid mit ihm hatte. Im Grunde genommen ist er einfach nur unzufrieden mit sich selbst und seiner Welt, verloren, ohne Ziel und ohne Hafen. Der Hass – vielleicht nur eine Überlebensstrategie. Und wirklich, im letzten Drittel scheinen immer wieder eine Einsamkeit und eine Verletzlichkeit des Protagonisten durch, die mich tatsächlich vergessen lassen, dass ich seinetwegen das Buch unzählige Male mit voller Kraft gegen die Wand hatte werfen wollen. Der Schreibstil wird weniger flapsig, die Misanthropie weicht einer zarten Melancholie – es fühlt sich plötzlich an, als würde ich einen völlig anderen Roman lesen.

Partys, Drogen, Markenklamotten, Urlaub auf Sylt – Kracht fängt ein Moment der damaligen deutschen Jugend und Adoleszenz ein, das auch heute noch in abgewandelter Form vertreten ist. Faserland ist ein Spiegel der Gesellschaft der 90er Jahre, kein breitgefächerter, sondern einer, der sich auf eine einzelne Perspektive beschränkt. Auch, wenn die wenigsten Leser sich mit einem jungen Mann aus reichem Hause identifizieren können, der Porsche fährt und in Villen am Bodensee wilde Nächte verbringt, steht der Protagonist doch für ein gewisses Lebensgefühl, das damals genau so weit verbreitet war wie es heute ist: die Suche nach dem Kick, die Flucht vor sich selbst, die Einsamkeit, die sich mit oberflächlichen Bekanntschaften und durchfeierten Nächten nicht bekämpfen lässt, die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und einem Sinn im noch jungen Leben.

Langweilig, unbedeutend, belanglos, unrealistisch, vollkommen überbewertet – all diese Adjektive wurden dem Roman in den letzten 24 Jahren vorgeworfen. Er hatte schon damals nach seinem Erscheinen extrem polarisiert und tut es auch heute noch. Faserland ist eines der deutschsprachigen Bücher, die ihre Leserschaft in zwei Lager gespalten haben und das kann ich auch sehr gut nachvollziehen. Jedoch hat Christian Kracht einen unglaublich starken Protagonisten geschaffen, der in seinem Nihilismus und seiner Konsumgeilheit wahnsinnig viel mit mir gemacht hat. Faserland ist eine unterhaltsame, zynische wie melancholische Reise quer durch Deutschland, die aber auch sehr viele negative Emotionen in mir hervorgerufen hat; es ist Literatur, die ihre Leser wirklich zu bewegen vermag und die, obwohl sie auch ein Porträt der Jugend der Neunziger ist, zeitlose Probleme und Ängste junger Erwachsener einfängt und auf eindringliche Weise darstellt.

Eine Antwort auf „Christian Kracht – Faserland

  1. Es ist doch erstaunlich – eure Rezension macht mir Lust auf ein Buch, dessen männlicher Protagonist mir so oder so ähnlich
    im realen Leben nicht nur einmal über den Weg gelaufen ist ( und noch immer läuft ) und dessen Selbstausdruck und Sexismus ich – gelinde gesagt – immer zum Kotzen fand.
    Tolle Rezension!

    Gefällt 1 Person

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