Stephen King – Der Outsider

Stephen King der Outsider Rezension

Horrorgeschichte, Krimi oder doch ein Roman über die USA nach der Wahl Donald Trumps? Stephen Kings neues Buch Der Outsider bietet viele Lesarten.

Im Stadtpark von Flint City wird die misshandelte Leiche eines Jungen gefunden. Alle Spuren und Zeugenberichte deuten auf Terry Maitland, den beliebten Englischlehrer und Trainer der Baseballmannschaft. Ralph Anderson ordnet als Detective die umgehende Festnahme an, die vor allen Augen während eines Baseballspiels durchgeführt wird. Obwohl Maitland ein Alibi hat, verfügen Anderson und der Staatsanwalt über DNA-Spuren, die das Verbrechen beweisen. Doch bei den weiteren Ermittlungen kommen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht. Und wie kann Terry Maitland an zwei Orten gleichzeitig gewesen sein?

Wer Stephen Kings neuen Roman Der Outsider beginnt, könnte meinen, er liest eher einen Kriminalroman. Als Leser verfolgt man im ersten Teil die verschiedenen Zeugenaussagen, die alle denselben Mann belasten. Mehrere Personen haben Terry Maitland mit Blut an der Kleidung in der Nähe des Tatorts gesehen und spätestens als der DNA-Beweis vorliegt, scheint eigentlich alles klar zu sein. Ralph Anderson lässt Maitland öffentlichkeitswirksam verhaften und tut sich schwer, seinen eigenen Zorn zu kontrollieren, denn Maitland hat auch seinen Sohn unterrichtet. Doch kann der sympathische und beliebte Lehrer und Coach wirklich derjenige sein, der den Elfjährigen auf brutalste Art missbraucht und ermordet hat? Polizei und Staatsanwalt sind sicher, genügend Beweise zu haben. Aber Maitland hat ein Alibi: zum Tatzeitpunkt war er gar nicht in der Stadt, sondern mit anderen Lehrern bei einer Veranstaltung, wo er sogar von TV-Kameras gefilmt wurde. So stehen Fakten gegen Fakten.

Typisch für King spielt auch Der Outsider größtenteils in einer kleinen (fiktiven) Stadt in Oklahoma, USA. Hier scheint jeder jeden zu kennen und Gerüchte verbreiten sich schnell. So können alle „Nachbarn“ live beobachten, wie Terry während eines Baseballspiels verhaftet wird und bevor er überhaupt verurteilt ist, bekommt seine Familie schon die Wut der Bewohner zu spüren. Eine vermeintliche Kleinstadtidylle, die zum Albtraum wird. Hier treffen verschiedene Versionen der Tatzeit aufeinander. Für Anderson bleibt die Frage, welche nicht der Wahrheit entspricht und sozusagen Fake News ist? Donald Trump und die  Auswirkungen auf die Gesellschaft scheinen immer wieder präsent zu sein. Er wird an verschiedenen Stellen auch direkt genannt. Die politischen Aussagen sind zwar eher unterschwellig vorhanden, aber nicht zu übersehen. Wer sich mit Stephen Kings Twitter-Account beschäftigt, wird merken, dass der Autor klar Stellung bezieht.

Wenn man das Sinnbildliche weglässt, dann bleibt das Unerklärliche übrig, hatte Jeannie gesagt. Das Übernatürliche. Allerdings war das nicht möglich. In Büchern und Filmen mochte das Übernatürlich existieren, in der realen Welt tat es das nicht.

Etwas länger dauert es, bis Horror-Elemente eingeführt werden, wobei die eine oder andere Szene durchaus gruselig ist. Hier treffen King-Fans auch die bereits bekannte Holly Gibney aus Mr. Mercedes wieder. Mit dem Horror wird die natürliche Ordnung aufgehoben, womit die Protagonisten stark zu kämpfen haben. Zentral ist dabei die Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe mit dem Titel William Wilson, in der es letztlich um die Frage der eigenen Identität geht.

Obwohl ich nur äußerst selten Krimis oder Horrorromane lese, habe ich häufig dasselbe Problem (wenn man es denn als Problem bezeichnen will). Nach etwa einem Drittel der Geschichte kenne ich in etwa die Auflösung. Woher das kommt weiß ich nicht, aber auch bei Der Outsider war es wieder so. King gibt schon relativ früh Hinweise und der zugegebenermaßen wenig subtile Verweis auf Edgar Allan Poe sowie der Titel verraten für meinen Geschmack zu viel. Dennoch war Der Outsider sowohl kurzweilig als auch sehr unterhaltsam. Das liegt vor allem an der Darstellung des Kleinstadtlebens, den immer mehr eskalierenden Ermittlungen und dem Spiel mit dem Übernatürlichen. Die Atmosphäre in Flint City ist greifbar. Nicht nur die Angst und Verstörung nach dem Mord, sondern auch die immer stärker werdende Wut auf den vermeintlichen Mörder, der jahrelang unter ihnen gelebt hat. Für viele wird Maitland immer ein Kindermörder sein, auch wenn seine Unschuld bewiesen wäre.

Sie sann über das Wesen von Tragödien nach. Wie Masern, Mumps und Röteln waren Tragödien ansteckend, aber anders als bei diesen Krankheiten gab es keinen Impfstoff. Der Tod von Frank Peterson in Flint City hatte seine unglückselige Familie infiziert und sich in der ganzen Stadt ausgebreitet. In diesem Ort an der Peripherie von Dayton, wo der soziale Zusammenhalt geringer war, würde das wohl etwas anderes sein, aber die Familie Holmes war auf jeden Fall am Ende, von der war nichts mehr übrig als das leere Haus.

Mit viel Zeit widmet sich King seinen Figuren und den Handlungsschauplätzen. Die Personen werden eindringlich mit ihren inneren Kämpfen und gegenseitigen Abneigungen dargestellt und müssen doch zusammen arbeiten. Über ihnen scheint etwa Grauenvolles zu schweben, das niemand in Worte fassen kann, obwohl alle ahnen, dass es kommt. Es hat in ihrer Welt und ihrer Realität keinen Platz, weshalb sie es mithilfe der Sprache nicht beschreiben können. Nur wenige Autoren können solche Stimmungen und Eindrücke so direkt und nah vermitteln wie Stephen King.

Da ich alles andere als ein King-Experte bin, fällt es mir schwer, Der Outsider in sein Werk einzuordnen. Trotz kleinerer Längen im Mittelteil und einer für mich zu einfachen Auflösung, war es ein Roman, der mich vor allem aufgrund seiner Atmosphäre der Kleinstadt und dem langsam wachsenden Gefühl mit etwas Unerklärbaren konfrontiert zu sein, gepackt und nicht mehr losgelassen hat.

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