Monatsrückblick: Unsere Bücher im Juni

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Der Juni ist vorbei und mit ihm ein spannender und vielseitiger Lesemonat. Wir haben sehr breitgefächert gelesen – von Knausgård und Bolaño über Fantasy und Satire bis hin zum historischen Roman und zur Bandbiographie. Wir haben für euch eine Übersicht über unsere Leseeindrücke zusammengestellt.

Roberto Bolaño – Die wilden Detektive

Der Student Juan Garciá Madero schließt sich während der 70er in Mexiko den viszeralen Realisten an, einer literarischen Avantgarde. Deren Köpfe, Ulises Lima und Arturo Belano, machen sich auf die Suche nach der Urmutter des Realviszeralismus. Dabei ergibt sich sich ein detektivisches Doppelspiel, sie werden in Europa und Israel gesehen, treffen auf allerhand Personen, die von ihnen berichten. Ein Buch wie Die wilden Detektive habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Voller Sprachwitz, unzähliger Perspektiven und außergewöhnlicher Einfälle. Dabei aber auch sehr schwierig zu lesen. Die ausführliche Rezension erfolgt in den nächsten Wochen.

Ja, Panik – Futur II

Ja, Panik, die alteingesessene österreichische Indie-Rock-Band, hat im Jahr 2016 ihre Bandbiographie mit dem Titel Futur II veröffentlicht. Zugegebenermaßen kannte ich sie vorher nur vom Namen und keinen ihrer Songs (was sich nach der Lektüre allerdings auch nicht geändert hat) und ich musste das Buch für einen Unikurs lesen. Trotzdem: extrem spannend. In aneinandergerichteten Texten prallen Fakt und Fiktion aufeinander. Die Bandgeschichte wird aufgearbeitet, alte E-Mails und Statistiken rausgekramt, von Auftritten und Albumproduktionen geschwärmt – und zwischendurch vermischt sich die Realität mit sehr fiktionalen, fast schon kafkaesken Ereignissen. Nicht nur für Fans der Gruppe, sondern Musikliebhaber im Allgemeinen geeignet, aber auch für Leser, die Freude an literarischen Experimenten haben.

Karl Ove Knausgård – Sterben

Sterben ist der erste Band von Knausgårds autobiographischem Projekt, in dem er sich vor allem mit seinem Vater beschäftigt. Selten hatte ich den Eindruck, dass sich ein Autor so radikal offen, ehrlich und schonungslos präsentiert. Ja, auch mir ist es an einigen Stellen zu detailliert. Gleichzeitig war ich manchmal wie in einem Sog, konnte das Buch nicht aus der Hand legen und wurde immer tiefer in sein Leben und seine Gedankenwelt hineingezogen. Was mich aber abgesehen von der Langatmigkeit extrem gestört hat und auch aktuell beim zweiten Band Lieben immer stärker auffällt, ist, dass aus dem Ganzen nie etwas folgt. Zumindest sehe ich nichts. Ich hatte noch nie so sehr das Bedürfnis, ein Buch in die Ecke zu schmeißen und gleichzeitig den Wunsch, es stundenlang weiterlesen zu wollen. Die Rezension kommt in Kürze.

Amélie Nothomb – Reality-Show

Big Brother, Dschungelcamp und Co. Bekommen Konkurrenz! In einem abgefahren TV-Experiment namens „Konzentration“ werden wahllos Menschen von den Straßen aufgelesen und in einem Lager eingesperrt. Dort werden sie rund um die Uhr von Kameras beobachtet und einige wenige Kapos entscheiden täglich, wer eliminiert werden soll. Nicht rausgeworfen, sondern tatsächlich umgebracht. Die Menschen vor den Fernsehern und die Medien sind empört – und trotzdem steigen die Quoten der Sendung ins Unermessliche. Nothomb hat eine bitterböse Satire auf die heutige Fernsehlandschaft erschaffen, in der sie diese mit den Konzentrationslagern der Nazizeit auf empörende und unterhaltsame Art verbindet. Für mich leider nicht so stark wie einige andere ihrer Romane, aber dennoch sehr lesenswert.

Michael Ondaatje – Warlight

1945 erholt sich London von den Folgen des Krieges. Der vierzehnjährige Nathaniel und seine Schwester werden von ihren Eltern in der Obhut des geheimnisvollen „The Moth“ und dessen Freunden zurückgelassen. Erst Jahre später erfährt Nathaniel die ganze Wahrheit. Ein Roman über das Erwachsenwerden, eng verbunden mit den Nachwirkungen des Krieges, die in moralisch schwierige Abgründe führen. Der neue Roman von Michael Ondaatje ist sowohl auf der stilistischen als auch der inhaltlichen Ebene sehr gut gelungen und wird von uns bald rezensiert.

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Emma Donoghue – Das Wunder

Irland im 19. Jahrhundert, kurz nach der großen Hungersnot. Krankenschwester Lib Wright wird aus England in ein irisches Dorf berufen, um dort gemeinsam mit einer Nonne rund um die Uhr ein kleines Mädchen zu bewachen. Anna O’Donnell, elf Jahre alt, hat angeblich seit vier Monaten keinen Bissen mehr gegessen und ist trotz alledem putzmunter. Rational und modern, wie Lib denkt, wettert sie einen Schwindel, den sie schnellstmöglich aufzudecken versucht. Donoghues Roman ist trotz überschaubarer Handlung extrem spannend, gleichzeitig schockierend und rührend. Vor authentischer irisch-ländlicher Kulisse erzählt die Autorin von dem Kampf zwischen fanatischem Glauben und Wissenschaft sowie von der zärtlichen Beziehung zwischen Krankenschwester Lib und ihrem kleinen Schützling. Eine ausführliche Besprechung haben wir hier verfasst.

Garth Greenwell – Was zu dir gehört

In einer öffentlichen Herrentoilette in Sofia lernt der namenlose Ich-Erzähler Mitko kennen. Trotz der Sprachbarriere entwickelt sich eine Art Beziehung zwischen den beiden Männern, doch die Unterschiede sind offensichtlich und unüberwindbar. Mit Intensität und Direktheit, aber ohne Romantik und Kitsch ist Garth Greenwell ein autobiographisch geprägtes Debüt gelungen, das für mich bis jetzt das Buch des Jahres ist. Zur ausführlichen Besprechung geht es hier.

Christian Kracht – Imperium

Anfang des 20. Jahrhunderts reist der kokovore (sich ausschließlich von der Kokosnuss ernährende) August Engelhardt aus Nürnberg in die Südsee, genaugenommen nach Deutsch-Neuguinea, um sich dort eine Insel zu kaufen, eine Kokosnussplantage anzulegen und mit den gewonnenen Produkten Handel zu betreiben. Mein zweiter Anlauf für diesen Roman, den ich letztes Jahr auf unserer Irlandreise nach 50 Seiten genervt abgebrochen hatte. Dieses Mal lief es viel runder – ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Es war so absurd, witzig und faszinierend! Krachts Sprache ist sehr eigen – schwierig, sperrig und prätentiös aber gleichzeitig unglaublich genial. Anfangs dachte ich, das Ganze ist so bescheuert, das muss Kracht sich aber geschickt ausgedacht haben – Pustekuchen, alles beruht auf wahren Begebenheiten.

Julian Barnes – Vom Ende einer Geschichte

Als Finn Adrian in die Klasse von Tony Webster kommt, entwickelt sich eine Freundschaft, die jäh zerbricht, als während des Studiums Adrian mit der Ex-Freundin von Tony zusammenkommt. Im Alter erhält Tony einen Brief, der seinen Glauben an die eigene Biographie erschüttert. Wie sicher kann sich ein Mensch der eigenen Erinnerung sein? Das ist die zentrale Frage, die Julian Barnes aufwirft und der er sich auf philosophische und moralische Art nähert. Die inhaltliche Spannung bleibt mit der Suche nach der Wahrheit durchgehend ebenso erhalten. Insgesamt ein kleines Meisterwerk von knapp 160 Seiten.

Kevin Kwan – Crazy Rich Asians

Rachel Chu und ihr Freund Nick Young sind schon seit einigen Jahren glücklich zusammen, bis Nick sie plötzlich zu der Hochzeit eines Freundes nach Singapur einlädt. Nun soll sie nicht nur seine Freunde in der Heimat, sondern auch seine Familie kennenlernen. Was er ihr allerdings verschwiegen hat: die Youngs sind eine der einflussreichsten und wohlhabendsten Familien des Landes – und er der so ziemlich begehrteste Junggeselle in Singapur.
Normalerweise ist diese Art von Story überhaupt nicht mein Fall, aber das Buch konnte mich wahnsinnig gut unterhalten. Liebesgeschichte – hmmm jein. Hauptsächlich geht es eigentlich um Geld, Ruhm, Status und Intrigen. Die Welt der Reichen und Schönen wird herrlich überspitzt mit all ihren Schattenseiten dargestellt. Am 23. August kommt die Verfilmung in die deutschen Kinos, aber ich finde der Film sieht nicht annähernd so böse und spaßig aus wie der Roman. Wenn ihr auf der Suche nach einer leichten Sommerlektüre seid – voilà!

Lev Grossman – The Magician King und The Magician’s Land

Mit The Magician King und The Magician’s Land beendet Lev Grossman seine Magicians-Trilogie. Dem Autor ist dabei Fantasy der etwas anderen Art gelungen, denn eigentlich ist es teilweise mehr ein Coming-of-Age Roman um den jungen Zauberer Quentin, der mehr und mehr an seinen Problemen zerbricht. Jugend, Drogen und die erste Liebe stehen dabei mehr im Mittelpunkt als klassische Fantasy-Elemente, auch wenn diese nicht zu kurz kommen. Und ohne zu viel zu verraten, sollte man sich ein Urteil erst nach dem dritten Band erlauben, der vieles aus dem ersten Band in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt und neue Zusammenhängen beleuchtet. Eine Fantasy-Reihe, die ihren Weg abseits des Üblichen sucht und damit alles richtig macht.

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