Fernando Aramburu – Patria

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Anhand zweier Familien erzählt Fernando Aramburu in Patria, wie eine Gesellschaft aufgrund von Gewalt auseinanderbricht. Ein großer Roman über Schuld, dem Wunsch nach Vergebung, den Grenzen der Freundschaft und die Frage, was eine Gemeinschaft zusammenhält.

Am Grab ihres Mannes Txato erzählt Bittori ihm, dass sie beschlossen hat, in das Haus zurückzukehren, in welchem sie gemeinsam gewohnt haben. Damit kehrt sie auch zurück in das Dorf, in dem Txato vor über zwanzig Jahren von der ETA erschossen wurde. Sie will endlich verstehen, was damals wirklich geschehen ist und warum keiner ihre Familie unterstützt hat. Ihre Rückkehr löst Beunruhigung bei den Bewohnern aus. Vor allem bei Miren, ihrer ehemaligen besten Freundin, deren Sohn mit Txatos Tod zu tun hat.

Eines der grundlegenden Themen denen sich Aramburu in Patria widmet, ist die Frage nach den Auswirkungen von gewaltsamen Konflikten auf die Menschen, die in den betroffenen Regionen leben. Ausgangspunkt ist die innige Freundschaft zwischen den beiden Mädchen Miren und Bittori, die in einem kleinen Dorf in der Nähe von San Sebastián leben. Hier kennt jeder jeden. Eigentlich sind die beiden Frauen kurz davor in ein Kloster einzutreten, als sie sich doch dazu entscheiden zu heiraten. Bittoris Mann Txato wird zu einem erfolgreichen Unternehmer, während Mirens Gatte Joxian sein Auskommen als Arbeiter verdient. Auch die Kinder wachsen gemeinsam auf. Doch je mehr Einfluss die ETA im Dorf gewinnt, desto schwieriger wird es für Txato. Er erhält Geldforderungen und wird über Nacht zum Außenseiter. Dabei hielt er sich immer für einen treuen Basken. Bittori wird in den Geschäften nicht mehr bedient und Txato auf dem Weg zu seiner Garage erschossen.

„Rühre nicht in alten Wunden, Bittori. Wir haben auch gelitten, und wir leiden immer noch. Lebe du dein Leben und lass uns unseres Leben. Jeder für sich. Jetzt ist Frieden. Am besten ist es, wir vergessen.“

Die Zeit, die der Roman umspannt, reicht ungefähr vom Anfang der 1960er Jahre bis fast in die Gegenwart. Eine zeitliche Einordnung geschieht vor allem durch Ereignisse, wie etwa die olympischen Spiele im Jahr 1992 in Barcelona. Allerdings spielen genaue Datierungen letztlich keine große Rolle. Aramburu erzählt die fiktive Geschichte der beiden Familien nicht chronologisch. Ebenso wechselt er häufig die Perspektive und stellt das Geschehen aus der Sicht der verschiedenen Familienmitglieder dar. Zentraler Punkt, um den eigentlich alle kreisen, ist die Ermordung von Txato. Wie konnte es dazu kommen? Was sind die Auswirkungen? Jede der Figuren geht anders damit um. Während Miren immer patriotischer und aufbrausender wird, leidet ihr Mann Joxian im Stillen unter dem Verlust seines besten Freundes, hat aber nicht den Mut, seiner Frau und den anderen die Stirn zu bieten. Stattdessen schweigt er und zieht sich immer mehr zurück. Auch in Bittoris Familie gibt es unterschiedliche Wege mit dem Tod umzugehen. Die Tochter Nerea versucht so gut es geht, ihren eigenen Weg zu gehen, was zu andauernden Streitereien mit ihrer Mutter führt. Ihr Bruder dagegen verbietet sich glücklich zu sein und versucht alles, um sich um Bittori zu kümmern. Diejenigen die sich schämen, sind die Opfer des Terrors. Sie werden ausgegrenzt und müssen sich Beschuldigungen anhören, während andere aus Furcht weggucken, sich nur der Masse anschließen und Angst verspüren, selbst zum Ausgestoßenen und Verfolgten zu werden.

Dabei gelingt es Aramburu gut, die verschiedenen Wege des Verdrängens und Trauerns darzustellen. Einfühlsam berichtet er aus dem Leben der Personen, die alle mit dem Ereignis zu kämpfen haben. Dabei stellt er sowohl die Position der einen Familie als auch der anderen glaubhaft dar. Dadurch entsteht eine vielstimmige Erzählung, bestehend aus den neun Familienmitgliedern, die auf der sprachlichen Ebene einige Besonderheiten aufweist. Die Kapitel sind meistens recht kurz, es ist nicht immer sofort ersichtlich, wer hier eigentlich spricht. Das Ringen der Figuren um die richtigen Worte macht der Autor spürbar. Manche Sätze werden mittendrin abgebrochen, korrigiert oder neu angefangen. An anderen Stellen werden dafür komplette Satzteile weggelassen und zwischendrin immer wieder einzelne Worte oder Satzteile aus der baskischen Sprache eingeflochten. Selten hatte ich als Leser so sehr das Gefühl, dabei zu sein. Als wäre ich ein heimlicher Beobachter und Zuhörer in beiden Familien. Ich sitze mit ihnen am Küchentisch und höre ihren Streitereien zu, begleite Bittori zum Grab ihres Mannes oder beobachte Xabier, wie er heimlich Cognac auf der Arbeit trinkt, um sich zu beruhigen. Nach und nach wird so greifbar, wie der Hass und das gegenseitige Misstrauen entstanden sind und immer mehr das Zusammenleben vergiften. Dabei bleibt der Roman aber jederzeit gut lesbar und Aramburu verliert den Leser nicht in einer der vielen kleinen Geschichten rund um die verschiedenen Figuren. Greifbar werden ebenso die zerstörten Hoffnungen und Träume derjenigen, die für ein freies „Euskal Herria“ gekämpft haben.

„Ich weiß nicht, was das ist, Glücklichsein. Ich nehme an, dabei handelt es sich um eine Wissenschaft, in der du besonders gut bist. Du scheinst darin sogar eine wahre Expertin zu sein. Ich begnüge mich damit, zu atmen, meine Arbeit zu tun und für die ama da zu sein. Damit bin ich ausgelastet.“

Eine weitere Besonderheit ist, dass Aramburu häufig die Folgen eines Ereignisses darstellt, bevor dieses überhaupt stattgefunden hat. Dabei werden die einzelnen Teile und Umstände des Konflikts immer mehr erweitert, so dass sich erst nach und nach das gesamte Bild in seiner vollständigen Größe zusammensetzt. So entsteht anhand des Beispiels der beiden Familien ein dichter und emotional aufgeladener Roman, in dem es sowohl um politische als auch um familiäre Konflikte und Spannungen geht. Kurz vor Schluss legt Aramburu Gorka, einem Sohn von Miren, der unter anderem als Schriftsteller lebt, Worte in den Mund, die wahrscheinlich auch seine eigene Motivation zum Schreiben von Patria wiederspiegeln:

„Es gibt Bücher, die wachsen in einem im Lauf der Jahre heran und warten auf den richtigen Moment […] Ich war ja ein baskischer Junge wie viele andere, die der Propaganda des Terrorismus und der auf ihr basierenden Doktrin ausgesetzt war […] Und so begann ich, gegen das Leid zu schreiben, das Menschen von anderen Menschen zugefügt wird […] Außerdem schrieb ich gegen Verbrechen, die eine politische Rechtfertigung suchen im Namen eines Vaterlands, in dem eine Handvoll Bewaffnete mit der schändlichen Hilfe eines Teils der Gesellschaft entscheidet, wer zu diesem Vaterland gehört und wer es zu verlassen hat […] Ich wollte Antworten auf konkrete Fragen finden.“

Patria ist wohl das Buch, das mir im noch jungen Jahr 2018 bis jetzt mit Abstand am besten gefallen hat. Aramburus Suche nach Antworten fesselt nicht nur inhaltlich, sondern kann auch stilistisch dank einiger kleiner Kunstgriffe den Leser tief in die Geschichte um die beiden Familien hineinziehen.

Eine weitere Rezension findet ihr bei Petra von LiteraturReich.

Weitere Informationen zum Autor und seinem Werk gibt es auf der Seite des Rowohlt-Verlags.

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