Matthew Weiner – Alles über Heather

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Der Schöpfer von Mad Men und Autor von Die Sopranos legt sein Romandebüt vor: in Alles über Heather erzählt Matthew Weiner von gescheiterten Lebensentwürfen, Obsessionen und dem Aufeinanderprallen von Gesellschaftsschichten.

Mark und Karen Breakstone haben erst spät geheiratet, doch schon bald kündigt sich der erste Nachwuchs an. Mit der Tochter Heather lebt die Familie ein scheinbar glückliches und sorgenfreies Leben in Manhattan. Doch als Heather in die Pubertät kommt, bricht die Familie auseinander und Heather wendet sich von der Mutter ab. Gleichzeitig wird Bobby aus dem Gefängnis entlassen. Als Sohn einer drogensüchtigen Prostituierten hatte er nie einen wirklichen Platz in der Gesellschaft. Nach der Haftentlassung gelangt er als Bauarbeiter nach Manhattan.

Mit Alles über Heather liegt nun das schriftstellerische Debüt des Mad Men Erfinders Matthew Weiner vor. Trotz des überschaubaren Umfangs von gerade mal 140 Seiten ist der Roman gut durchkomponiert und durchdacht. In einem sachlichen und nüchternen Stil schreibt Weiner über verschiedene Lebensentwürfe und die Suche nach dem Glück. Die Gegensätze könnten eigentlich kaum größer sein: auf der einen Seite die wohlhabende Familie in Manhattan mit der Vorzeigetochter Heather und auf der anderen Seite Bobby, Sohn einer Süchtigen, der bereits im Alter von zehn Jahren Alkohol trinkt und den Freunden der Mutter dabei hilft, sich Heroin zu spritzen. Zu Beginn läuft gerade für die Breakstones eigentlich alles nach Plan. Mark bringt ein gutes Einkommen nach Hause und Karen kümmert sich mit voller Hingabe um die kleine Tochter. Doch nach und nach entstehen immer mehr Risse in der scheinbar heilen Welt. Das Verhältnis zwischen den Eltern wird schlechter. Karens Psyche wird immer labiler, sie erstellt Listen mit Gründen zum Weiterleben und ihr ganzes Leben kreist immer nur um Heather. Umso größer ist der Schock, als diese sie plötzlich zurückweist und sich von ihr abwendet:

Eines Abends, als Heather gezwungen worden war, wegen plötzlichen Schneefalls eine Übernachtung bei einer Freundin abzusagen, stellte sie sich in die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter und sagte: „Ich weiß, du willst nicht, dass ich Freundinnen habe, weil du selber keine hast und du Angst hast, ich könnte dich verlassen.“ Dann ging sie. Mit ihrem Körper war auch Heathers Einfühlungsvermögen gereift und geradezu schmerzhaft treffsicher geworden.

Aufgebaut ist der Roman wie ein klassisches Drama in fünf Akten. Doch eigentlich ist ziemlich schnell klar, dass es in einer Katastrophe enden muss. Nur wen sie trifft und wie sie eintritt, ist unklar. Heather hält sowohl die Handlung als auch die Ehe ihrer Eltern zusammen. Bereits als kleines Kind entwickelt sie erstaunliches Einfühlungsvermögen und fragt fremde Menschen in der U-Bahn, warum sie weinen. Anfangs von der Mutter völlig überbehütet und mit Aufmerksamkeit überschüttet, wendet sie sich später immer mehr dem Vater zu, entwickelt politisches Interesse und wird sich ihrer privilegierten Stellung deutlich bewusst. Damit ist sie das komplette Gegenteil zu Bobby, der vor allem um sich selbst kreist, keine Gefühle zeigt und den etwas Unheilvolles umgibt. Dabei überschätzt er sich zudem völlig. Ein Zusammentreffen dieser beiden Welten, der nach außen perfekten Familie und des kaputten Bobby, kann nur in einem Unglück enden. Doch eigentlich sind sie gar nicht so unterschiedlich, wie es zunächst scheinen mag.

Er, Bobby, war so verdammt clever, dass andere Menschen ihn langweilten. Er wandelte unter ihnen wie ein helles Licht voll der Macht des Himmels, und er konnte sie vergewaltigen und töten, wann immer ihm der Sinn danach stand, denn allein dazu gab es sie auf Erden.

Einen besonderen Reiz macht die einfache und sachliche Sprache aus, die Matthew Weiner hier benutzt. Es finden sich kaum Dialoge und durch die nüchterne Ausdrucksweise kommen auch kaum Emotionen auf. Weiner beschränkt sich auf die Vermittlung der nötigen Informationen und schafft es, mit wenigen Worten, den Figuren eine psychologische Tiefe zu verleihen. Dabei beschreibt er nur das Wesentliche und hält sich nicht mit langen Darstellungen auf. Es gelingt ihm scheinbar mühelos, die Schwächen und Entwicklungen seiner Figuren anhand einer einzigen Szene offenzulegen.

Ihre Eltern waren keine schlechten Menschen, sie lebten in der selbstgerechten Annahme, irrigen Annahme, sie hätten verdient, was sie besaßen. Heather hatte versucht, beide unabhängig voneinander auf die Ungerechtigkeit ihrer Privilegien aufmerksam zu machen, doch ließen sie sich auf gar keine Diskussion ein; und jeder für sich, als hätten sie es geprobt, nannte sie, Heather, ihren kostbarsten Besitz: das, was man mit Geld nicht kaufen könne. Sie begriff, was damit gemeint war, dass sich Liebe darin ausdrückte, aber sie wusste auch, dass ihre Eltern an einer Wohlstandskrankheit litten, die sie in Halbmenschen verwandelte, welche anstelle eines Herzens Kaffeemaschinen und Registrierkassen in sich trugen.

Mit Alles über Heather beweist Matthew Weiner, dass er ein gutes Gespür für seine Figuren, ihre Probleme und den dazu passenden Stil besitzt. Daraus spinnt er eine Erzählung, die unausweichlich auf ihre Katastrophe zusteuert. Es bleibt nur zu hoffen, dass es Matthew Weiner nicht bei seinem Debüt als Schriftsteller belässt und wir bald mehr von ihm lesen können.

Weitere Rezensionen findet ihr bei der Buchbloggerin und bei Herzpotenzial.

Informationen zum Autor und seinem Werk gibt es auf der Seite des Rowohlt-Verlags.

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