Dezsö Kosztolányi – Nero, der blutige Dichter

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Mit Nero, der blutige Dichter ist ein Klassiker von Deszö Kosztolányi wieder verfügbar. Kosztolányi zeichnet ein eindringliches Bild des römischen Kaisers und schafft so einen anspruchsvollen Künstlerroman.

Bereits mit sechzehn Jahren wird Nero zum Kaiser des römischen Reichs gekrönt, nachdem seine Mutter den Stiefvater Claudius vergiftet hatte. Ebenso außergewöhnlich geht Neros Laufbahn weiter: Zu Beginn beim Volk äußerst beliebt, wird er immer unberechenbarer und grausamer. Er lässt seine Gegner ermorden, darunter auch die eigene Mutter und widmet seine ganze Aufmerksamkeit der Kunst. Nach dem großen Brand Roms werden Christen als Verantwortliche verfolgt, während Nero vom Brand profitiert und nun Platz für seinen neuen Palast, die Domus Aurea, vorfindet.

Der Roman Nero, der blutige Dichter ist bereits 1922 erschienen und neben dem Werk Ein Held seiner Zeit das wichtigste Werk des ungarischen Schriftstellers Dezsö Kosztolányi (1885-1936). Das Buch war lange Zeit vergriffen und ist nun in einer Neuausgabe wieder zugänglich. Zu Beginn erlebt Nero, wie seine ehrgeizige Mutter Agrippina seinen Stiefvater Claudius ermordet und so ihren Sohn zum neuen Kaiser macht. Der Junge ist zunächst überfordert und wirkt ruhelos. In seiner Jugend wurde er von Seneca erzogen, der ihm als Lehrer immer noch zur Seite steht. Der Dichter wird für Nero zum Vorbild und so versucht er sich selber als Schriftsteller. Über Neros erste Werke kann Seneca nicht ehrlich urteilen und so fühlt sich Nero zu weiteren Arbeiten ermuntert und hält sich nach einiger Zeit selbst für einen großen Dichter.

Er wollte Gutes, doch ließ man ihn nicht gut sein. Offenbar lag der Fehler nicht bei ihm, nicht dort, wo er ihn suchte, sondern bei den anderen, außerhalb des eigenen Ichs, in der Welt, die sich seiner Liebe verschloß. Sein Fehler war nur, daß er dies nicht erkannt hatte. Hier draußen musste er Ordnung schaffen, nicht im Innern seiner Seele ringen. […] Ist doch die Kraft nur dazu bestimmt, die Werte zu schützen, wie der Körper seinen Hauch schützt, und auch die Macht ist etwas Großes, wenn sie zu gutem Zwecke diente. Und gibt es einen heiligeren Zweck als den seinen? Mit einer Mauer aus Erz wird er seine Person umgeben, um ungestört schaffen zu können. Sonst geht auch der Dichter zugrunde, vergeblich schreibt er die schönsten Gedichte.

Kosztolányi stellt den Künstler Nero in den Fokus der Handlung, nicht den Kaiser. Politik spielt kaum eine Rolle, ebenso wenig die historischen Umstände und Ereignisse, die in den Hintergrund rücken und nur am Rande erwähnt werden. Dafür zeichnet er das Bild eines Künstlers, der an sich selbst zweifelt, andere beneidet, vor allem seinen Bruder Britannicus und Seneca und der den Beifall des Volkes sucht. Nero tritt als Dichter und Schauspieler auf und ist gleichzeitig erfolgreicher Wagenlenker – immer im Mittelpunkt der Massen. Alle die ihm nicht schmeicheln oder seine Kunst infrage stellen, werden verdächtigt und auf Befehl Neros beseitigt. Neben sich duldet er keine weiteren erfolgreichen Künstler. Nero ist getrieben von dem Wunsch, alles Dagewesene in den Schatten zu stellen. Durch die Aussparungen der Politik – so wird die Christenverfolgung etwa gar nicht erwähnt – schafft Kosztolányi ein Künstlerroman, in dem der Künstler sein eigenes Opfer wird. Nero wird immer wahnsinniger und obwohl es sich um eine antike Persönlichkeit handelt, schafft es der Autor, ihn als eine moderne Person darzustellen, die sich mit ihrer Leidenschaft selbst zerstört.

„Jeder Tote ist die Statue des Lebenden. Denkst nicht auch du, daß der ein Bildhauer ist, der tötet? Erst jetzt koste ich das Leben, erst jetzt weiß ich, was ich darf, was noch kein Kaiser wirklich gewußt hat. Nichts ist mir verboten.“

Die größte Stärke des Romans ist eben diese Darstellung des Kaisers Nero. Von seiner Krönung bis zu seinem Tod begleitet der Leser ihn durch alle  Höhen und Tiefen. Dabei gelingt Kosztolányi ein eindringliches Psychogramm des jungen Herrschers. Mit viel Einfühlungsvermögen schildert er dessen Werdegang von einem naiven Jugendlichen, der mit sich, seiner Umgebung und seiner Verantwortung völlig überfordert ist, hin zu einem ehrgeizigen und unberechenbaren Regenten, der seine eigenen künstlerischen Werke über die der anderen stellt. Neros Leben als Künstler ist hier eindeutig im Mittelpunkt der Darstellung. Unterhaltungen mit Seneca und Auftritte im Theater nehmen viel Platz ein. Wer auf der Suche nach der (literarischen) Beschreibung von historischen Ereignissen ist, ist hier an der falschen Adresse. Nero, der blutige Dichter mutet mehr als ein Künstlerroman denn als historischer Roman an. Gewöhnungsbedürftig ist gerade zu Beginn der Stil des Autors, der in der alten Übersetzung altbacken anmutet. Zur Darstellung seines Nero bedient sich Kosztolányi einer bildreichen Sprache, mit deren Hilfe er die schnell wechselnden Gemütszustände des Kaisers beschreibt.

Nero, der blutige Dichter ist kein klassischer Historienroman im Stile von Qua Vadis, sondern beschränkt sich auf die Beschreibung des Kaisers Nero und dessen Sehnsucht ein angesehener Künstler zu sein und genau hier liegt auch die Stärke des Werks. Kosztolányi gelingt diese Darstellung sehr anschaulich, einzig die altertümlich klingende Sprache ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig.

„Ich habe Fehler. Jeder hat Fehler. Ich muss mich noch entwickeln, vielleicht. Am Anfang ist jeder Künstler unvollkommen. Ach, sähest du mein Inneres, du gewännest mich lieb und ebenso auch meine Gedichte, die du ohne Kenntnis meines Lebens nicht einmal verstehen magst. Titanische Dimensionen und röchelndes Grauen. Und meine Zweifel, Britannicus. Wie eines Löwen faulende Wunden unter afrikanischer Sonne. Geschwüre, triefend von gelbem Eiter, und ringsum wimmelnde Kränze Gewürms. Dennoch spreche ich ebenso still wie die anderen. Der Kaiser steht hoch über jenen, die er beherrscht. In der Kunst aber kennt er keine Schranken. Hier sind wir gleich, Dichter. Auch ich. Auch du.“

Weitere Informationen zum Autor und seinem Werk findet ihr auf der Seite des Rowohlt Verlags.

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