Nicholas Searle – Das alte Böse

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Ein perfektes Opfer?

Roy und Betty haben sich über ein Datingportal im Internet kennengelernt. Auf den ersten Blick eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn die beiden nicht schon über achtzig wären. Nach dem Kennenlernen zieht Roy schnell in Bettys Haus auf dem Land ein. Was Betty nicht weiß: Roy ist ein Krimineller, der seinen eigenen Plan verfolgt. Schon sein Leben lang war er ein Betrüger. Wer steckt hinter Roy? Die Hinweise führen nach Deutschland zurück in die Zeit des zweiten Weltkriegs. Was könnte für einen Erfahrenen Mann wie Roy einfacher sein, als eine gutgläubige alte Frau zu betrügen? Aber ist Betty so naiv wie sie sich gibt?

Der Thriller Das alte Böse ist der Debütroman des englischen Autors Nicholas Searle. Eigentlich mache ich immer einen großen Bogen um dieses Genre, doch hier fand ich die Idee, dass zwei alte Menschen sich über ein Datingportal kennenlernen, interessant, ebenso wie die historischen Bezüge zur NS-Zeit. Dass Roy keine guten Absichten hat, ist schnell klar, warum ausgerechnet Betty sein Interesse weckt ebenso. Sie ist eine wohlhabende verwitwete Frau, die ein eigenes Haus auf dem Land besitzt und sich um Roy kümmert. Dieser dagegen erscheint als meisterhafter Täuscher. Gibt sich gebrechlicher als er ist, hat scheinbar nicht die geringste Ahnung von Technik, verunstaltet das Bad und hat angeblich ein langweiliges und beschauliches Leben geführt. Die Wortgeplänkel zwischen den beiden lesen sich amüsant und lassen zunächst nicht unbedingt einen Thriller erahnen.

Während also die Gegenwart von Roy und Betty scheinbar ruhig verläuft und Roy den misanthropischen alten Mann spielt, werden in Rückblenden nach und nach seine Betrügereien aufgedeckt. Sei es ein falsches Spiel mit gutgläubigen Anlegern oder Geschäfte im Rotlichtbezirk Soho, Roy ist überall dabei. Doch die düstersten Verbrechen führen nach Deutschland in die Kriegs- und NS-Zeit. Roy lebt davon, Menschen zu manipulieren und setzt dabei ohne Rücksicht seine (vor allem monetäre) Interessen durch. Gewaltsam geht es dabei eher selten zu, trotzdem kommt es zu manch blutiger Szene. Die Balance zwischen Rückblenden und Schilderungen des alltäglichen Lebens von Roy und Betty stimmt für mich nicht. Die größte Stärke sind gerade die Dialoge und Gedanken der beiden. Es macht einfach Spaß, sie in ihrem Verhalten zu beobachten. Leider sind diese Passagen kürzer, als die Rückblenden, die Roys Vergangenheit aufdecken.

Der akribische Aufbau des Lügengebäudes mitsamt seinem verschachtelten Fundament lässt ihm das Adrenalin in die Adern schießen. In einem früheren Leben hatte er gelernt, keine Freude darüber zu zeigen, wenn er mit einer saftigen Lüge durchkam, die Neigung zu unterdrücken, sie bis zu den Grenzen des Glaubhaften auszuschmücken, nur um sein Opfer zu verhöhnen. Eine große Lüge reicht vollkommen, das weiß er aus Erfahrung, und sich nur insgeheim darüber zu freuen ist befriedigend genug. Sicher, man darf das Ziel nicht aus den Augen verlieren, doch darin liegt für Roy nicht das Erfolgsgeheimnis. Auf die Durchführung kommt es an, auf die Kunst der Täuschung.

Obwohl ich alles andere als ein versierter Thriller- oder Krimileser bin, werden für meinen Geschmack manche Zusammenhänge zu früh angedeutet. Wenn es am Schluss zur Aufklärung der Verwicklungen kommt, ist das meiste doch bereits vorher recht offensichtlich. Ebenso, dass Betty keineswegs die naive und treusorgende alte Dame ist, wird schon auf dem Buchrücken verraten. Mehr Geheimniskrämerei hätte dem Roman, vor allem hinsichtlich der Spannung, gut getan. Der Schluss hätte ebenso konsequenter sein können. Der Aufwand, der vorher betrieben wird, ist für die geringen Auswirkungen ziemlich groß.

Amüsantes und (teilweise) spannendes Betrugsspiel

Ob man den Thriller, wie die Welt schreibt, gelesen haben muss, würde ich eher bezweifeln. Das alte Böse ist auf jeden Fall unterhaltsam, vor allem die Dialoge und das Spiel zwischen Roy und Betty. Dennoch schafft Searle es nicht, die Spannung durchgehend hoch zu halten. Ebenso ist manche Wendung zu vorhersehbar. Für gute Unterhaltung sorgt das Buch aber trotzdem.

Weitere Informationen zum Autor und Werk findet ihr auf der Seite des Rowohlt Verlags.

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