Judith Hermann – Daheim

Judith Hermann Daheim Büchergilde

Lakonisch, poetisch und atmosphärisch: in Daheim erzählt Judith Hermann von einer Frau, die ein neues Leben beginnt. Ein Roman voller Abgründe, der sich mit den existenziellen Fragen des Lebens auseinandersetzt.

Zu Beginn lebt die namenlose Ich-Erzählerin in einer Existenz zwischen ihrer Arbeit in einer Zigarettenfabrik und dem Blick auf eine Tankstelle von ihrem Balkon aus. Dieser feste Rhythmus wird von einem Mann unterbrochen, der sie als Assistentin für einen Zaubertrick gewinnen will. Sie besucht den Magier und dessen Frau und lässt sich in einer Kiste scheinbar zersägen. Statt jedoch das Angebot anzunehmen und auf einem Kreuzfahrtschiff nach Singapur zu fahren, um unterwegs die Gäste zu unterhalten, bleibt sie lieber auf ihrem Balkon und raucht. Darauf folgt ein Sprung von mehreren Jahrzehnten.

Nach Hause, sagt mein Bruder gedehnt. Nach Hause. Wie das klingt.
Ganz normal. Es klingt ganz normal.
Fühlst du dich hier zu Hause oder was. Draußen meine ich. In diesem Haus am Polder.
Ich sage, und was wäre wenn.

Im Jetzt befindet sich die Protagonistin in einem Ort an der Küste, wo sie ihrem Bruder in einer Gastronomie hilft und in einem kleinen Haus alleine lebt. Sie lernt ihre Nachbarin Mimi kennen und deren Bruder Arild, einen Schweinezüchter, der bei ihr eine Falle aufstellt, um einen Marder zu fangen. Die Falle gehört zu einem immer wiederkehrenden Motivs des Auf- und Zuklappens, das Judith Hermann an verschiedenen Stellen in die Handlung einbaut. Es ist ein Thema, das bereits am Anfang mit der Zauberkiste eingeführt wird und auch in der letzten Szene des Romans eine Rolle spielt.

Vielleicht könnt ihr es da, wo ihr gerade seid, nur auf diese Weise aushalten. Pläne machen, nicht daran denken, wie diese Pläne scheitern können, dass sie scheitern werden, fast alles im Leben scheitert, Ann, und ich weiß, wovon ich rede, aber natürlich sage ich das nicht.

Daheim Judith Hermann Büchergilde
Mit knappen, präzisen Sätzen und einer lakonischen Sprache erzählt die Protagonistin von ihrem Leben an der Küste. Es scheint, als hätte Judith Hermann bei der Konstruktion und der stilistischen Gestaltung nichts dem Zufall überlassen – alles ist durchdacht und stimmig. In Erinnerungen wird ihr Leben zwischen der Zigarettenfabrik und der Küste geschildert: Das Leben mit ihrem Mann Otis und der gemeinsamen Tochter, die sich auf Reisen befindet und nur alle paar Wochen die GPS-Daten ihres Aufenthaltsortes schickt. Obwohl das Buch nur knapp 200 Seiten umfasst, entwickelt es eine starke Dichte. Dabei wechseln sich düstere, fast schon grausame Passagen mit komisch anmutenden Szenen ab.

Sie sagt, warst du überhaupt schon mal wehrhaft.
Eher nicht. Kann sein. Ich hatte möglicherweise keinen Grund dazu.
Mimi sagt, na, wenn du hier schwimmen gehst, holst du dir das jedenfalls.
Ich sage, du meinst, ich bräuchte was davon.
Mimi lacht. Was ist das für eine Frage.

Die Fragen, die hier aufgeworfen werden, sind existenzieller Natur: Welches Leben will ich führen? Wohin will ich gehen? Sind meine Erinnerungen zuverlässig?  Was bedeutet Heimat? Judith Hermann setzt sich damit in zunächst alltäglich wirkenden Szenen auseinander,  etwa am Küchentisch oder einem gemeinsamen Badeausflug. Die Figuren bleiben die gesamte Zeit über mehrdeutig und nähern sich vorsichtig einander an. Viele Dialoge wirken abgründig und stets bleibt das Gefühl, dass es bei dem Gesagten einen doppelten Boden gibt.

Daheim von Judith Hermann ist ein kunstvoll konstruierter Roman. Die namenlose Ich-Erzählerin beginnt an der Küste ein neues Leben und setzt sich mit existenziellen Fragen auseinander. Jedes Wort ist sorgsam gewählt und zwischen den Zeilen findet sich das, was die Figuren nicht aussprechen können – Schmerz, Angst und Scham. Dieser Roman voller prägnanter Figuren und Szenen gehört zu den Highlights in diesem Literaturjahr.

3 comments

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  1. Alexander Carmele

    Ich stimme dieser Rezension vorbehaltlos zu. „Daheim“ gehört ebenfalls zu meinen Lesehighlights und hebt sich sehr schön von diesen versuchten Pandemieromanen ab. Frohes Neues Jahr. Ich bin froh, dass ich diesen Blog gefunden habe!

    Gefällt 1 Person

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