Buchmesse Spezial: Kanadische Literatur

Frankfurter Buchmesse Kanadische Literatur

Die Frankfurter Buchmesse 2021 steht bevor: Vom 20. bis zum 24. Oktober findet DAS Event der Literaturbranche statt. In diesem wie auch bereits im letzten Jahr ist Kanada das Gastland. Seit jeher steht das Land trotz weltbekannter und renommierter Künstler*innen wie Margaret Atwood, Alice Munro, Neil Young, Joni Mitchell oder Leonard Cohen ein wenig im Schatten seines unmittelbaren Nachbarn, den Vereinigten Staaten. Doch als vielseitiges, lebendiges und multikulturelles Land bietet Kanada eine breite Literaturlandschaft und viele interessante Autor*innen, die es zu entdecken gilt. Einige von ihnen möchten wir euch mitsamt ihrer Werke im Folgenden vorstellen.

Margaret Atwood – Der Report der Magd

1985 schrieb Margaret Atwood von religiösen Fanatikern, entmündigten und versklavten Frauen und Gebärmaschinen. Heute ist der dystopische Roman Der Report der Magd nicht weniger aktuell und vor allen Dingen nicht weniger eindringlich und erschütternd als damals. Für mich ist es von allen klassischen Dystopien, die ich bisher gelesen habe, mit Abstand die einnehmendste. Mitreißend, faszinierend, erschütternd greift Offred mit ihren behandschuhten Händen nach der Kehle des Lesers und schnürt sie ihm, nach einer ruhigen, auffällig unauffälligen Einführung in die Geschichte, für den gesamten Rest des Romans zu.

Jocelyn Saucier – Ein Leben mehr

Der Roman erzählt von drei Männern, die alle aus verschiedenen Gründen aus ihrem „normalen“ Leben ausgestiegen sind und nun in den Tiefen der kanadischen Wälder in selbstgebauten Hütten in einfachsten Verhältnissen leben. Dabei zeigt die Autorin ein gutes Gespür für ihre Charaktere und die Natur, in der sie leben – einfühlsam und ehrlich, aber doch ganz ohne Kitsch. Ein gelungener Roman, der ein feines Gespür für das Zwischenmenschliche beweist und mit seinen alten Aussteigern ungewöhnliche Protagonisten präsentiert.

Buchmesse Kanadische Literatur Rupi Kaur

Rupi Kaur – milk and honey

Mit wenigen Worten und Zeilen schreibt die 23-Jährige indisch-kanadische Schriftstellerin über Liebe, Schmerz, Verlust, Hoffnung, Trauma, Sex, Missbrauch, Weiblichkeit. Es sind eigene Erfahrungen und solche von Frauen, die sie kennengelernt hat. Kaurs Schreibstil funktioniert wie ein Sog, wie ein Strudel, der seinen Leser völlig verschlingt und am Ende des Buches mit unzähligen Emotionen wieder ausspuckt. Es ist ein Muss für all Diejenigen, die Freude an moderner, freier Poesie haben. Aber vor allen Dingen ist es ein Muss für junge Frauen, für Mädchen; es ist ein Ratgeber, ein Spiegel, eine Inspiration.

Emily St. John Mandel – Das Licht der letzten Tage

Zwanzig Jahre nach Ausbruch der Georgischen Grippe, welche fast jegliches Leben auf der Erde auslöscht, reist die fahrende Symphonie durch das Land, auf der Suche nach verlorenen Freunden und mit dem Ziel, die wenigen verbliebenen Menschen durch Musik und Theater zu erfreuen. Durch Rückblenden erzählt die Autorin sprachlich und atmosphärisch eindringlich parallel von der alten und der neuen Welt – mit klarem Fokus auf dem Zusammenbruch der Zivilisation, dem Zerfall der Kultur sowie dem Vergessen der Geschichte. Ein genreuntypischer postapokalyptischer Roman, der sowohl sprachlich als auch inhaltlich mehr als überzeugen kann.

Michael Ondaatje – Kriegslicht

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs werden Nathaniel und seine Schwester Rachel von ihren Eltern in London zurückgelassen. Sie bleiben in der Obhut des geheimnisvollen „The Moth“ und dessen Freunden, die, so vermuten die Geschwister, sich im kriminellen Milieu bewegen. In diesen Kreisen werden die beiden erwachsen und beschützt. Erst Jahre später versteht Nathaniel, was damals wirklich passiert ist. Er versucht, die vielen Puzzlestücke zusammensetzten und lernt die Wahrheit über seine Mutter. Was als Coming-of-Age-Handlung beginnt, entwickelt sich immer mehr zu einer Geschichte über die Verwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg. Der Autor konstruiert dabei eine inhaltlich exzellente Geschichte in mysteriöser Atmosphäre, die sich abseits von Kategorien wie gut oder böse, richtig oder falsch bewegt.

Buchmesse Kanadische Literatur Margaret Atwood

Margaret Atwood – Das Herz kommt zuletzt

Charmaine und Stan, die wie viele Opfer des wirtschaftlichen Zusammenbruchs der USA in ihrem Auto leben und keine Arbeit haben, machen beim Positron/Consilience-Projekt mit. Hierbei handelt es sich um Zwillingsstädte, abgeschottet von der Außenwelt, die fast gänzlich unabhängig funktionieren sollen. Die Bewohner des Projekts leben abwechselnd einen Monat in Consilience und gehen einem normalen Beruf nach, den nächsten Monat verbringen sie im Gefängnis in Positron. So soll einerseits die Wirtschaft aufrechterhalten werden, andererseits die Kriminalität eingedämmt. Jeder hat ein Dach über dem Kopf und einen Job. Besser könnte es doch nicht sein? Was als herrliche Groteske beginnt, entwickelt sich nach der Hälfte allerdings zum actionreichen Ritt im Sinne Hollywoods ständig ändert sich der Kurs und ein Plottwist folgt dem nächsten als sich die Geheimnisse nach und nach lüften. Atwood schafft es spielerisch, die verschiedenen Genres Dystopie, Satire und Unterhaltungsliteratur miteinander zu verschmelzen.

Rupi Kaur – the sun and her flowers

In den Kapiteln „wilting“, „falling“, „rooting“, „rising“ und „blooming“ schreibt die Lyrikerin erneut über Liebe, Trauma, Depressionen, Heilung, Weiblichkeit und Selbstfindung – dieses Mal mit einem stärkeren Fokus auf letzterem Thema. Einige Gedichte befassen sich mit Kaurs indischen Wurzeln und dem, was ihre Eltern alles für sie aufgaben, um ihr und ihren Geschwistern ein sicheres Leben in Kanada zu ermöglichen. Immigration in der Lyrik – heute vermutlich aktueller denn je. Für mich ist the sun and her flowers genau so gut wie Rupi Kaurs Erstlingswerk milk and honey.

Welche kanadischen Autoren konnten euch besonders begeistern? Wen habt ihr vielleicht im Zuge der Buchmesse-Vorbereitungen neu für euch entdeckt?

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