Megan Hunter – Die Harpyie

Megan Hunter Die Harpyie Rezension
Megan Hunters Roman Die Harpyie erzählt eindrücklich und hypnotisch von einer gescheiterten Ehe und einer Frau, die langsam aber sicher an ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter zerbricht.

Die Harpyie ist eine Expertin im Stehlen. […] Sie fährt herab wie eine Sturmbö: nimmt alles fort.

Lucy ist gefangen in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter in einer englischen Kleinstadt – bis sie eines Tages herausfindet, dass ihr Ehemann Jake sie mit einer Arbeitskollegin betrügt. Um ihre Ehe zu retten, einigen sich die beiden, dass Lucy Jake dreimal Schmerzen zufügen darf. Wie, ist ihr frei überlassen und soll für Jake überraschend kommen. Doch ist es genug, die eigenen Rachefantasien auszuleben, um die verlorengegangene Vertrautheit wiederherzustellen?

In nüchternen Kapiteln und extrem eindringlichen Zwischensequenzen schreibt Hunter nicht nur über die gescheiterte Ehe von Lucy und Jake, sondern auch über die gesellschaftlichen Erwartungen, an denen Lucy nach und nach immer mehr zerbricht. Sie hat zwei Kinder, die sie über alles liebt, und doch ist die Zeit, die sie für sich allein hat, die schönste. Hin- und hergerissen zwischen einem schlechten Gewissen, ihren eigenen Bedürfnissen und der Reue über ihre Entscheidungen im Leben versucht Lucy nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Platz in der Welt zu finden. Wer ist sie eigentlich, wenn sie so vieles für ihre Familie aufgegeben hat, in ihrem Alltag kaum mehr als „Mutter“ ist und dennoch nicht in dieser Rolle aufgeht?

Ich war eine jener Frauen geworden. Eine von denen, über die ich gelesen hatte, die der Welt entglitten waren und jetzt in ihrer eigenen Sphäre der Verachtung existierten. Ich begann zu ahnen, dass meine Hände nicht mehr meine waren. Sie gehörten jetzt einer anderen. Mrs. Stevenson, möglicherweise. Der Frau, die Jake geheiratet hatte, die Ehefrau und Mutter geworden war und nie mehr ein richtiger Mensch sein würde.

Nach und nach offenbaren sich allerdings nicht nur Diskrepanzen in der Weise, wie andere Lucy in ihrer gesellschaftlichen Rolle betrachten und wie sie sich selbst wahrnimmt, sondern auch dunkle Geheimnisse ihrer Vergangenheit, die dazu beigetragen haben, dass sie sich so verhält, wie sie es tut. Die Rache an Jake nimmt sie völlig ein, obwohl unklar ist, wie die beiden nach der ganzen Geschichte je wieder eine normale Beziehung führen sollen. Die gesamte Entwicklung des Romans und auch sein Ende scheinen unausweichlich in Anbetracht der vergangenen und gegenwärtigen Tatsachen. Hunters Darstellung von Gewalt, Leid und Obsession ist eindrücklich, ohne je voyeuristisch zu sein, und zu jeder Zeit konsequent.

Auch wenn die Sprache in den regulären Kapiteln eher nüchtern, klar und sachlich ist, entwickelt sie nach einiger Zeit einen starken Sog, dem man sich kaum zu entziehen vermag. Besonders gut haben mir allerdings die 1-seitigen Zwischenkapitel gefallen, die poetisch und verstörend über Lucys langjährige Obsession mit der mythologischen Gestalt der Harpyie berichten – einem legendären Wesen, halb Frau, halb Vogel, das bösartig und brutal Rache ausübt und mit der Zeit immer mehr Kontrolle über sie gewinnt. Gerade der Kontrast zwischen den normalen Kapitel und diesen kurzen, häppchenartigen Zwischensequenzen, auch was den Stil betrifft, hat mich sehr fasziniert.

In all ihren Differenzen haben beide jedoch ihre Daseinsberechtigung, was sich besonders dann zeigt, wenn sie zum Ende des Romans hin mehr und mehr zusammenlaufen und in einem fulminanten – und recht abstrakten – Finale gipfeln, in dem Wirklichkeit und Wahn miteinander verschwimmen. Dieses Ende hat durchaus gemischte Reaktionen unter den Leser*innen hervorgerufen, ist auf viel Unverständnis gestoßen und wurde teils als sehr unpassend empfunden. Ich war überrascht, weil ich es so nicht erwartet hatte, allerdings weder besonders positiv noch negativ.

Ich wusste, dass mir das Einhorn leidtun, ich seinen Schmerz auf seiner Haut fühlen sollte. Das arme Tier, sagte meine Mutter immer und blätterte um. Ich aber hatte Mitleid mit den Vogelfrauen. Dauernd stellte ich mir vor, wie das wäre: Meine Flügel füllen sich mit Luft, die ganze Welt breitet sich unter mir aus.

Megan Hunters Roman Die Harpyie berichtet nahezu abgeklärt von dem Ende einer Ehe und dem Verlust der eigenen Identität seiner Protagonistin. Ruhig und doch spannend steuert das faszinierende Psychogramm einer unglücklichen Mutter und Ehefrau auf ein sehr kontrovers aufgenommenes Ende zu. Ein interessanter Einblick in die Abgründe inmitten unserer gutbürgerlichen Gesellschaft.

Weitere Besprechungen findet ihr unter anderem bei The Read Pack, AstroLibrium und Literatour.

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