Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Karosh Taha Beschreibung einer Krabbenwanderung Rezension

Karosh Tahas Debütroman Beschreibung einer Krabbenwanderung ist ein sprachlich wie inhaltlich extrem gelungenes Werk über das Erwachsenwerden zwischen zwei Kulturen.

Ich glaube, Vergessen ist ein schöneres Geschenk als Erinnern.

Sanaa studiert, hat einen Freund und einen Liebhaber. Ihre depressive Mutter Asija verlässt kaum das Schlafzimmer, außer, um nachts auf dem Balkon zu stehen und den Mond anzustarren. Nasser, ihr Vater, entfernt sich immer mehr von der Familie und ist kaum noch zuhause. Ihre Tante Khalida, die schreckliche Nachbarin und all die anderen „Hochhausfrauen“ haben den ganzen Tag nichts besseres zu tun, als vom Balkon zu starren oder in Sanaas Wohnzimmer zu sitzen, eine Zigarette nach der anderen zu qualmen, über andere Leute zu tratschen und sich in Sanaas Leben einzumischen. Nicht gerade die besten Bedingungen, um herauszufinden, wer man ist und was man vom Leben erwartet. Vor allem, wenn die Vergangenheit stets so schwer auf der eigenen Familie lastet und sie unter sich zu erdrücken droht.

Ich habe Karosh Tahas Roman Anfang Januar gelesen und erst jetzt, Mitte Februar, eine Rezension dazu verfasst. Das liegt bei weitem nicht daran, dass ich ihn nicht gut genug fand, um sofort darüber zu sprechen. Ganz im Gegenteil, am liebsten hätte ich dieses Buch immer und überall ins Gespräch gebracht und jeder Person empfohlen, die auf irgendeine Weise meinen Weg gekreuzt hat, sei es im echten Leben oder auf Instagram. Es ist in der Tat so gut, dass es mir schwer fiel und immer noch fällt, meine Meinung in Worte zu fassen, und zwar so, dass sie dem Buch auch gerecht werden. Beschreibung einer Krabbenwanderung war mein zweites Buch, das ich 2021 beendet habe, doch schon nach wenigen Seiten schrie beim Lesen jede einzelne Faser in mir: „Jahreshighlight, Jahreshighlight!“

Im Bett rollt Asija den Körper ein, dabei stechen Wirbelknochen scharf aus ihrem Rücken wie Stachel, damit niemand sich ihr nähern kann.

Der Roman ist eine wilde Mischung aus realer Gegenwart, Phantasie und Rückblenden, ein sprachlicher Wirbelsturm. Das kann manchmal verwirrend sein, wenn man einen großen Wert darauf legt, genaustens zu wissen, was nun wirklich passiert und was nur Symbolik oder Metapher ist oder nur ein Auswuchs von Sanaas Gedanken und Ängsten. Aber wenn man sich darauf einlässt, sich mitreißen und forttragen lässt, spürt man den Sog und die hypnotische Wirkung dieser herrlichen und gewaltigen Mixtur aus überbordender Melancholie, richtig platziertem feinem Humor und derben Ausdrücken.

„Das ist das Problem, man hört zu viel, man redet zu viel, über manche Dinge muss man schweigen.“

Sanaas Eltern verließen den Irak, als sie noch ein Kind war. Das war Nassers großer Traum, und daran ist Asija zerbrochen. Seit sie in Deutschland sind, leben sie in demselben Hochhaus und werden Jahr für Jahr unglücklicher. Sanaa würde dem ganzen gerne entfliehen, alles hinter sich lassen, auch die Blicke der Nachbarinnen, ihre tratschenden Münder, sowie ihre übergriffige Tante Khalida, die Sanaa und ihre kleine Schwester Helin in der traditionellen Rolle der kurdischen Ehefrau sieht. Doch ihre Familie braucht sie – Helin, Nasser, aber vor allem ihre Mutter Asija. Sanaa ist alles, was die Familie aktuell noch zusammenhält – als wäre es nicht schwierig genug, als junge Deutsch-Kurdin mit abergläubischen Verwandten aufzuwachsen, während man den eigenen Weg sucht.

Beschreibung einer Krabbenwanderung Karosh Taha Rezension

Beschreibung einer Krabbenwanderung ist ein Roman über das Gefangensein zwischen Tradition und Moderne, zwischen Unabhängigkeit und Familie, über misslungene Integration, über den holprigen Übergang zwischen alter und neuer Heimat und wie schnell man darin einen geliebten Menschen verlieren kann. Sanaa wie auch ihre Familie und die Nachbarn bewegen sich zwischen Vergangenheit und Zukunft, sie haben Träume, doch die Erinnerungen und die Sehnsucht halten sie fest umklammert. Die Gegenwart kann dabei nur auf der Strecke bleiben – sie haben gar nicht die Möglichkeit, das Leben, das sie haben, auszukosten, wenn das „Damals“ und das „Was wäre, wenn“ so dominant sind. Zu stark sind das Heimweh, die Entwurzelung, die Einsamkeit und die Traurigkeit der Figuren.

Aber jetzt ist Asija weg und hört nicht mehr zu, ist in der Ferne, hat ihre eigenen Geschichten, hat Erinnerungen, die zu viel sind für ein einziges Gedächtnis, deswegen wandern sie vom Kopf in den Körper, wo sie versteinern und uns alle überleben werden.

Oft Erwähnung findet in dem Roman die Krabbe. Da wäre zum einen die Krabbe, die Sanaa im Irak ins Bein gezwickt hat und an die sie immer wieder denken muss, wie die traurige Realität, die sie leider immer wieder einholt. Zum anderen beschreibt Sanaa sich und ihre Familie, aber auch ein benachbartes Ehepaar als Krabben, die auf der Wanderung sind. Sanaas Vater Nasser verwandelt sich zunehmend in eine Krabbe, seine Arme werden rot und hart und beginnen, sich zu schälen. Ihre Wanderung ist noch nicht abgeschlossen, sie sind immer noch auf dem Weg, nicht richtig angekommen, obwohl sie schon so lange unterwegs sind.

Auch, wenn der Roman inhaltlich exzellent ist, hat für mich gerade das Sprachliche das besondere Etwas ausgemacht. Ich möchte mich am liebsten in Karosh Tahas Sprache einwickeln – oder wie sie selbst es ausdrücken würde: in ihre Sprache hineinkriechen und darin leben. So schwankt der Roman zwischen wunderschönen, berührenden Passagen und beklemmenden Situationen, in denen Sprache und Protagonisten absolut rastlos, ja, geradezu drängend wirken. Oft fühlt man sich als Leser*in wie Sanaas Vater Nasser, der über die Dächer seines Heimatdorfes hastet und springt.

Das Hochhaus ist vollgestopft, nicht einmal Platz für einen Liter Sonnenschein. Ich stelle mir vor, wie das Haus sich alle zehn Jahre einmal kräftig schüttelt, um die gehortete Last seiner Bewohner abzuwerfen und einen Schritt vorwärts zu machen. Aber seit zwei Jahrzehnten hat das Hochhaus verschlafen, sich zu entrümpeln. Vielleicht ist es auch tot.

Karosh Tahas Roman Beschreibung einer Krabbenwanderung ist eine dringliche und intensive Leseerfahrung. Er überzeugt nicht nur inhaltlich als Gesellschaftsroman über den Spagat zwischen zwei Kulturen, sondern vor allem auch mit seinen skurrilen Figuren, sowie seiner opulenten und fieberhaften Sprache und der Fülle an Bildern, die fast schon greifbar scheinen. Ich bin extrem beeindruckt von dem Talent der Autorin und freue mich, mehr von ihr zu lesen. Ihr zweiter Roman, Im Bauch der Königin, erschien letztes Jahr im Dumont-Verlag. Karosh Taha ist eine wichtige neue Stimme in der deutschen Literaturlandschaft, die man im Auge behalten sollte.

Krabben kehren nicht an ihren Geburtsort zurück, sie wandern weiter, und wenn sie sich verirren, dann tanzen sie um andächtige Steine und trauern in der Nacht.

Weitere Besprechungen findet ihr unter anderem bei Kulturgeschwaetz, LiteraturReich und Leseschatz.

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