Fuminori Nakamura – Der Revolver

Fuminori Nakamura Der Revolver Rezension

Fuminori Nakamuras Roman Der Revolver erzählt faszinierend abgeklärt von der Besessenheit einer Schusswaffe.

Nishikawa, ein unscheinbarer Student, findet eines Abends im strömenden Regen eine Leiche. War es Mord? Oder Suizid? Obwohl er weiß, dass er den Tatort verfälscht und so nicht nur in die Ermittlungen eingreift, sondern auch zu einem potenziellen Verdächtigen wird, nimmt Nishikawa den Revolver an sich, die neben der Leiche liegt – er ist einfach zu verführerisch. Früher hat er sich nie für Waffen interessiert, doch nun wird nach und nach sein Lebensalltag von seinem Fundstück bestimmt. Je länger er den Revolver besitzt, desto größer wird sein Verlangen, ihn auch abzufeuern.

Da lag er, der Revolver, als hätte er schon immer dagelegen. Er existierte also wirklich und war kein Hirngespinst. Ich betrachtete ihn lange. Seine Schönheit und Präsenz enttäuschten mich auch jetzt nicht, im Gegenteil. Es fühlte sich an, als würde der Revolver mir helfen, aus meiner verschlossenen Welt auszubrechen, als würde er mich dahin führen, wo alles möglich war.

Nishikawa berichtet abgeklärt, aber dennoch obsessiv von seinem Fund und was dieser mit ihm anstellt. Der Gedanke, den Revolver zu benutzen, lässt ihn nicht mehr los. Sein ganzes Leben richtet er nun nach dieser Waffe aus: jeglicher Gedanke an die in seiner Wohnung versteckte Tatwaffe beflügelt ihn und reißt ihn zu Handlungen hin, die ihm sonst eher fremd waren. Anstatt sich Sorgen über diese Entwicklung zu machen, fühlt sich Nishikawa befreit – endlich kann er aus seinem tristen Leben ausbrechen, ungeahnte Möglichkeiten eröffnen sich ihm, das Leben wirkt wie ein einziges großes Abenteuer.

Startet der Roman zunächst noch ruhig und fast unscheinbar angesichts des spektakulären Fundes, nimmt er im Laufe immer mehr Tempo auf. Je länger Nishikawa den Revolver besitzt und je intensiver dieser Besitz von seinem Willen ergreift, desto hypnotischer wirkt die eigentlich schnörkellose, schlichte Prosa Nakamuras, übrigens wieder großartig übersetzt von Thomas Eggenberg.

Eines Tages würde ich den Revolver benutzen. Daran zweifelte ich keine Sekunde mehr. Im Besitz eines Revolvers zu sein bedeutete, dass jeder Tag von der Möglichkeit seines Gebrauchs aufgeladen war, bis irgendwann der richtige Zeitpunkt gekommen sein würde, um abzudrücken. Diese Gewissheit rückte die ferne Zukunft in greifbare Nähe, als besäße sie ein Eigenleben, das den ersten Schuss herbeizwingen würde. Und wenn nun die Zukunft schon entschieden war, sollte sie doch bitte bald Wirklichkeit werden. Der Wunsch nahm mich gefangen, raubte mir fast den Verstand.

Nakamura entwirft ein äußerst spannendes Charakterportät seines Protagonisten, das sich mit der Frage nach dem Bösen und der Auswirkung von Macht auf das moderne Individuum auseinandersetzt. Hat Nishikawa schon immer eine dunkle Seite in sich getragen, die erst durch den Besitz der Waffe freigelegt wurde? Oder ist es einzig und allein die Macht über Leben und Tod, die ihm der Revolver vermittelt, welche ihn langsam aber sicher verrückt werden lässt? Ebenfalls wird das Konzept des freien Willens beleuchtet, wenn Nishikawa versucht, seinem Schicksal als Mörder zu entkommen und gegen den Gedanken ankämpft, dass der Besitz einer Waffe auch automatisch in ihrem Gebrauch enden muss. Auch wenn der Protagonist zu keiner Zeit wirklich sympathisch wirkt, ist man als Leser doch gebannt von seiner Entwicklung und seinem inneren Kampf und möchte bis zum letzten Kapitel endlich wissen, ob er den Revolver nun benutzt oder nicht – und dieses Ende kommt in der Tat überraschend und spektakulär.

„Sie sind noch jung. Sie wollen doch nicht etwas tun, was den Rest des Lebens zu einem einzigen schrecklichen Alptraum macht? Das können Sie doch nicht wollen.“

Fuminori Nakamuras Roman Der Revolver ist das Debüt des japanischen Noir-Autors, welches nun, sieben Jahre später, ins Deutsche übersetzt wurde. Auch wenn es für mich nicht an Nakamuras herausragendes Werk Die Maske herankommt, hat es mir dennoch unheimlich gut gefallen. Die immer stärker werdende Obsession des Protagonisten Nishikawa und das damit einhergehende steigende Tempo entfalten eine geradezu hypnotische Wirkung, die in einem exzellent ausgearbeiteten Finale à la Kanae Minato gipfeln.

Weitere Rezensionen findet ihr bei Bleisatz und Kimono.

1 comment

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  1. Monatsrückblick: gelesen im Januar – Letusredsomebooks

    […] Nachdem mich Die Maske total vom Hocker gerissen hat und Der Dieb daraufhin etwas enttäuscht zurück ließ, konnte Nakamuras neuster Roman nun wieder an das hohe Niveau anknüpfen. Die relativ kurze, hypnotische Geschichte über einen unscheinbaren Studenten, der einen Revolver findet und dessen Macht immer mehr verfällt, begeisterte mich mit dem inneren Kampf des Protagonisten sowie dem Sog, der mit jeder Seite intensiver wird und in einem grandiosen Finale seinen Höhepunkt findet. Ausführlicheres erfahrt ihr hier. […]

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