Daniel Kehlmann – Tyll

Daniel Kehlmann Tyll Rezension

Daniel Kehlmann nutzt in Tyll den mittelalterlichen Narren als Dreh- und Angelpunkt und entwirft in geschickt miteinander verbundenen Episoden ein Panorama des dreißigjährigen Krieges.

Tyll Ulenspiegel wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf geboren. Nachdem sein Vater in einen Konflikt mit Hexenjägern der katholischen Kirche gerät, flieht Tyll mit der Bäckerstochter Nele. Auf seinen Wegen durch das von den Kriegen gezeichnete Land trifft er auf die unterschiedlichsten Menschen. Darunter junge Gelehrte und Henker, aber auch den Arzt Paul Fleming, der davon träumt, Gedichte in der deutschen Sprache zu verfassen.

Mit seinem Roman Tyll begibt sich Daniel Kehlmann in die Zeit des dreißigjährigen Krieges und versetzt die eigentlich mittelalterliche Figur des Gauklers in das 17. Jahrhundert. Der Roman ist ein Spiel mit der Historie und der Fiktion. Dabei ist er ebenso unterhaltsam wie intelligent. Tyll begibt sich auf Wanderschaft und begegnet vielen Menschen, einfachen Leuten, aber auch Adligen und Königen. Der Krieg ist im Hintergrund immer präsent, die Menschen sind auf der Flucht vor den Kämpfen und den sich ausbreitenden Seuchen.

Kehlmann erzählt die Geschichte in acht episodenhaften Kapiteln, die zwar miteinander verbunden sind, aber nicht chronologisch aufeinander aufbauen. Die Verbindungen werden erst im Verlauf der Handlung nach und nach aufgedeckt. Der Aufbau ist häufig ähnlich: Tyll trifft auf verschiedene meistens historische Persönlichkeiten, die sich in fiktiven oder historischen Situationen befinden und so mit der Handlung verknüpft werden. Das verbindende Element ist immer der Gaukler Tyll.

Wir kannten sein geschecktes Wams, wir kannten die zerbeulte Kapuze und den Mantel aus Kalbsfell, wir kannten sein hageres Gesicht, die kleinen Augen, die hohen Wangen und die Hasenzähne. Seine Hose war aus gutem Stoff, die Schuhe aus feinem Leder, seine Hände waren Diebes- oder Schreiberhände, die nie gearbeitet hatten; die rechte hielt die Zügel, die linke die Peitsche. Seine Augen blitzten, er grüßte hierhin und dorthin.

Tyll selbst ist nur schwer zu greifen und wird immer undurchsichtiger. Nachdem sein Vater von Hexenjägern angeklagt wird, flieht er als Junge aus seinem Heimatdorf und gerät an einem Gaukler, der ihn schlecht behandelt, aber ihm ebenso Jonglieren und andere Tricks beibringt. Der Erzähler nimmt dabei viele Perspektiven ein: mal ist es ein Graf, der seine eigene Vita verfasst und seine Gedächtnislücken großzügig mit Erfindungen füllt, dann sind es einfache Menschen, die abergläubisch einem Prozess wegen angeblicher Hexerei folgen. Kehlmann gelingt es jedes Mal, die verschiedenen Figuren mit einem eigenen Stil zu verbinden, ohne dass es dabei zu starken Brüchen kommt.

Eine der eindrucksvollsten Persönlichkeiten ist die sogenannte Winterkönigin, die Friedrich V. von der Pfalz heiratet, der die böhmische Krone annimmt und damit gegen den Willen des Kaisers handelt. Einer der Anstöße für die folgenden Kriege. Nachdem sie alle Unterstützung verloren haben, auch ihr Vater, der König von England, schickt nur Durchhalteparolen, müssen die beiden fliehen und ohne Besitz durch das Land reisen. Die Zwiespälte in denen die Königin sich befindet, werden von Kehlmann eindrucksvoll beschrieben. Auf der einen Seite ihr Wille, weiter als Königin aufzutreten und gegenüber dem Adel Stärke zu beweisen und auf der anderen Seite ihr ärmliches Leben, das dazu einen Widerspruch bildet. Und so ist es eine gute Entscheidung, die Winterkönigin im letzten Kapitel erneut auftreten zu lassen.

So war die Welt eingerichtet. Es gab ein paar wirkliche Menschen, und es gab den Rest: eine schattenhafte Armee, das Heer von Gestalten im Hintergrund. Ein Volk von Ameisen, die über die Erde wimmelten und miteinander gemeinsam hatten, dass ihnen etwas fehlte. Sie wurden geboren und starben, waren wie die Flecken flatternden Lebens, aus denen ein Vogelschwarm bestand – verschwand einer, bemerkte man es kaum. Die Menschen, auf die es ankam, waren wenige.

Der Krieg ist in der Handlung zwar durchgehend zu spüren und lauert im Hintergrund, Kehlmann macht aber nicht den Fehler, ihn ausführlich und ausufernd zu beschreiben. Das ist auch gar nicht nötig, denn er zeigt eindrücklich, wie er den Alltag der Menschen bestimmt und niemand ihm entkommen kann. So ist es auch den Figuren nicht möglich, die Grausamkeiten in Worte zu fassen. Tyll ist kein Werk über Tyll. In seinen Begegnungen spiegeln sich aber die verschiedenen Schicksale der Menschen, die es erlauben, ein Schaubild des dreißigjährigen Krieges zu entwerfen, das von Tyll zusammengehalten wird. Die Welt ist dabei völlig aus ihren Fugen geraten.

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