Hanya Yanagihara – Das Volk der Bäume

Hanya Yanagihara Das Volk der Bäume Rezension

Abenteuerroman, Forschungsbericht, fiktionale Autobiografie und ein sich langsam entfaltendes Szenario des Grauens: Hanya Yanagihara beweist mit ihrem Debütroman Das Volk der Bäume, der erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, erneut ihr außergewöhnliches schriftstellerisches Talent.

Norton Perina hat gerade sein Medizinstudium beendet, als sich ihm eine ungeahnte Möglichkeit bietet: er soll den Anthropologen Paul Tallent auf die mikronesische Insel Ivu’ivu begleiten. Dort habe dieser einen bisher unbekannten Stamm gefunden, der völlig abgeschottet von der Zivilisation lebt. Doch vor Ort macht die Gruppe eine noch viel bedeutendere Entdeckung: sie stoßen auf Ureinwohner, die aussehen, als wären sie erst 40 Jahre alt – nach Perinas Untersuchungen zufolge müssten sie jedoch jenseits der 100 sein. Jahrzehnte später ist Perina des Kindesmissbrauchs angeklagt und schreibt die Geschichte seiner legendären Forschungen nieder. Doch wie viel Wahrheit steckt in den Anschuldigungen?

Und ach, ich wollte, dass es stimmte, ich wollte recht haben, ich wollte die Bestätigung, dass meine Entdeckung eine wirkliche Entdeckung war. Doch zugleich wollte ich, dass es nicht stimmte – ich wollte nicht, dass alles, woran ich je geglaubt hatte, auf den Kopf gestellt wurde, dass Gewissheiten und Zweckmäßigkeiten wie schimmeliges Obst fortgeworfen wurden.

Yanagiharas zweiter Streich (zumindest nach deutscher Rechnung, im Original erschien Das Volk der Bäume vor ihrem Weltbestseller und kontrovers aufgenommenem Roman Ein wenig Leben) ist in der Form der fiktionalen Autobiografie verfasst und beginnt mit einem Vorwort von Perinas Mitarbeiter Dr. Ronald Kubodera, welcher die aktuelle Situation rund um die Anklage Perinas erläutert. Hier sehen wir den typischen Fall eines vermeintlichen prominenten Täters: auf der einen Seite ist die Öffentlichkeit, die Perina schon lange vor einer gerichtlichen Verurteilung für schuldig erklärt, auf der anderen Seite Ronald Kubodera, der immer wieder darauf pocht, dass Perina unschuldig ist und dass dessen Genie und Errungenschaften doch über solchen Missetaten stehen würden, selbst wenn er sie begangen hätte.

Es ist unglaublich schwer, als Leser neutral an die Geschichte heranzugehen, ohne sich ein vorschnelles Urteil (Schuldig? Nicht schuldig?) zu bilden, das vermutlich die Lesart der gesamten Geschichte beeinflussen wird. Das ist ein wahnsinnig spannendes Ding, quasi ein Experiment mit dem Leser. Diejenigen, die sich von den Anschuldigungen überzeugen lassen, werden den Roman komplett anders angehen als diejenigen, die von einer Falschanklage überzeugt sind. Doch das Gute ist: Yanagihara schafft es, dass man bis zum Ende hin immer wieder seine Meinung verwirft. Ständig rückt der Anfang mit seinen Beschuldigungen in den Hintergrund, man lässt sich von dem Forschungsbericht einlullen und gibt sich Perinas abenteuerlichen und exotischen Beobachtungen hin, doch hin und wieder tauchen die Erinnerungen wieder auf, es gibt Momente, die einen sein voreiliges Urteil in Frage stellen lassen – und erst auf den allerletzten Seiten wird endgültig geklärt, ob Perina schuldig ist.

Menschen wie der fette Ire mögen sich nie ein Leben jenseits des Leerens von Mäusekäfigen und des Wischens urinnasser Laborböden vorgestellt haben, aber auf ihre eigene Weise waren die Jungtürken genauso beschränkt, genauso fantasielos: Sie gingen fest davon aus, in der Zukunft einen entscheidenden Beitrag zum Wohle der Menschheit zu leisten, was gewiss ein untadeliges Ziel ist, aber der Prozess an sich erschien ihnen nie so verlockend wie das Resultat oder wie die Verheißung, ihren Namen fest mit dem verbunden zu wissen, was auch immer sie in ihren Träumen erfanden, entschlüsselten oder verbesserten. Ich war wegen des damit verbundenen Abenteuers in die Wissenschaft gegangen, aber für sie war das Abenteuer etwas, das man nicht suchte, sondern auf dem Weg zur unvermeidlichen späteren Größe erduldete.

Yanagihara hat keinen oberflächlichen Abenteuerroman geschaffen, in dem es bloß ums Reisen und Entdecken geht. Obwohl Perinas Und Tallents Aufenthalt auf Ivu’ivu extrem spannend und authentisch dargestellt ist, gerade auch sprachlich, und zwar so sehr, dass man fast schon glaubt, ein wirkliches Zeitzeugnis zu lesen, sind es doch moralische wie ethische Fragen, die immer wieder hervorbrechen. Wie weit geht ein Mensch für den Ruhm? Wann ist er bereit, seine Freunde, seine Prinzipien und Werte zu verraten? Was ist der richtige Umgang mit menschlichen Forschungsobjekten – gibt es ihn überhaupt? Kann eine Entdeckung wichtig genug sein um eine ganze Kultur, wie wir sie kennen, zu zerstören? Sollte man in fremde Kulturen eingreifen oder besser nicht? Wo hört das Wohltätertum auf und wo beginnt die Selbstgefälligkeit? Sind wir bereit, einen hohen Preis für die Unsterblichkeit zu bezahlen?

Das Volk der Bäume ist kein fröhliches Buch – ähnlich wie Ein wenig Leben werden schwierige und kontroverse Themen behandelt und es gibt die ein oder andere Szene, die nicht so leicht zu lesen ist. Yanagiharas Romane reißen ihre Leser brutal aus ihrer Komfortzone heraus. Dennoch (oder gerade deswegen?) ist es aber auch ein Buch, das man nicht so schnell vergisst. Nach dem Lesen gibt es noch so vieles, das man erst einmal verdauen muss und es fällt schwer, die richtigen Worte zu finden, um das Gelesene zu beschreiben – besonders auch, ohne zu viel vorwegzunehmen. Norton Perinas Geschichte basiert übrigens auf dem Leben eines realen Forschers, mehr sei hier allerdings nicht verraten.

So fühlte ich mich oft auf Ivu’ivu: als löste sich mein Selbst in einen Schwebezustand auf und meine Atome ordneten sich neu an, bis sie nicht mehr beständiger oder greifbarer als Sonnenlicht waren, sodass ich meiner eigenen Existenz immer ungewisser wurde, je länger ich mich dort aufhielt.

Hanya Yanagiharas Debütroman Das Volk der Bäume, der im Januar ins Deutsche übersetzt wurde, ist wie auch ihr Bestseller Ein wenig Leben eine absolute Wucht. Sprachlich und inhaltlich dicht und überzeugend nimmt er uns mit auf eine exotische Insel, tief hinein in den Kolonialismus und den Wettstreit um die bahnbrechendste wissenschaftliche Entdeckung. Moralische Ambiguität und ein zwiegespalten zurücklassender Protagonist schaffen es, mich bis zur allerletzten Seite zu fesseln und mich mit genügend Stoff zurückzulassen, den ich noch immer verarbeiten muss. Was für ein Buch!

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