Kurz und knackig: Reality-Show & Die Kunst, Champagner zu trinken (Amélie Nothomb)

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Reality-Show

In Frankreich startet eine neue Reality-Show namens Konzentration. Menschen werden willkürlich verhaftet und in ein Lager eingesperrt. Rund um die Uhr werden sie von Kameras begleitet. Einige von ihnen werden als Kapos eingesetzt und dürfen darüber bestimmen, welche der Gefangenen jeden Tag zur Strecke gebracht werden. Unter den Kandidaten ist auch die junge Pannonica, die sich nicht einschüchtern lassen will und für die anderen Gefangenen schnell zu einer Art Erlöserfigur wird.

„Wenn es eine Hölle gibt, werde ich halt dort schmoren, mir doch egal.“
„Es gibt eine Hölle, und wir sind mittendrin.“

Nothombs bitterböse Satire zeigt eine extrem überspitzte Form unserer heutigen Fernsehlandschaft. Die Show Konzentration ist grausam und trotzdem, oder gerade deswegen, schalten die Leute massenweise ein. Je mehr sich Pannonica und ihre Mitgefangenen den Kapos und den Organisatoren widersetzen, desto höher sind die Einschaltquoten – und als die Zuschauer dazu aufgefordert werden, selbst per Teletext über den Tod der Kandidaten zu bestimmen, schießen sie noch weiter in die Höhe.

Der kurze Roman ist mit seinen skandalösen Parallelen zu den Konzentrationslagern der Nazizeit sehr unterhaltsam, gleichzeitig aber auch ein durchaus zynischer Spiegel unserer Gesellschaft. Wie weit würden wir gehen für die ultimative Unterhaltung? Wo sind unsere Grenzen als Zuschauer, wann schreiten wir ein, schalten ab, empören uns? Oder werden wir auf ewig stillschweigend alles konsumieren, was man uns vorsetzt?

Leider bleibt der Roman trotz toller Idee ein wenig flach, irgendetwas fehlt, er fühlt sich fast unvollständig an. Ich hatte mir einfach mehr erwartet bei dieser Thematik. Mit anderen Büchern Nothombs, die ich bisher gelesen habe, kann es für mich nicht mithalten, ist aber trotzdem ganz lesenswert.

 

Die Kunst, Champagner zu trinken

Der zugegebenermaßen wunderbare Titel des Romans lässt zunächst vermuten, dass es ausschließlich ums Trinken ginge. Ja, es wird durchgehend immer mal wieder Champagner kredenzt, allerdings wird schnell klar, dass das Buch, das im Original den weitaus weniger schönen aber akkurateren Titel Pétronille trägt, die Geschichte der Freundschaft zwischen Amélie Nothomb und ihrer Freundin Pétronille Fanto erzählt. Die beiden lernen sich zufällig kennen, und da Nothomb gerade eine Saufkumpanin (originaler Wortlaut) sucht, kommen sich die beiden schnell näher.

Der Roman begleitet hauptsächlich die Freundschaft der beiden Frauen, eine richtige Handlung gibt es an sich nicht. Nothomb und Pétronille trinken gemeinsam Champagner, streiten sich, fahren in den Skiurlaub und veröffentlichen ihre Bücher.

„Ich sage nicht, dass du kein Talent hast, aber Talent allein reicht nicht. Das Geheimnis ist dein Wahnsinn.“
„Du bist viel verrückter als ich, ob mit oder ohne Pillen.“
„Es ist dein spezieller Wahnsinn, meine ich, deine Art, verrückt zu sein. Verrückte gibt es überall, Wahnsinnige wie dich nicht.“

In erster Linie ist es ein sehr unterhaltsamer Roman, denn auch wenn die zarten Bande der Freundschaft beleuchtet werden, geschieht dies vornehmlich mit Humor. Nothomb schreibt wie die Saufkumpanin, die sie für Pétronille ist – ehrlich, derb und sehr, sehr witzig. Im späteren Verlauf schlägt das Buch jedoch auch ernstere Töne an, zeigt eine ungesunde Freundschaft zweier ungleicher Frauen, und wohin diese führen kann. Wie auch Nothombs andere Romane ist Die Kunst, Champagner zu trinken äußerst seltsam und speziell – genauso wie die Darstellung ihrer selbst. Und das liebe ich so an ihr.

Besonders die letzten beiden Seiten haben es mir angetan und mich im Moment des Lesens überrascht laut auflachen lassen. Was für ein Ende, Amélie!

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