Roman Ehrlich – Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens

Roman Ehrlich die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens
Angst ist ein allgemeinmenschliches Gefühl. Die Gründe dafür können je nach Person und Situation unterschiedlich sein: Angst alleine zu sein, Angst vor der Dunkelheit, Angst vor Spinnen, Angst vor dem sozialen Abstieg oder die Angst, bestimmten Personen zu begegnen. Diese Reihe könnte endlos fortgesetzte werden, denn Menschen können sich vor so ziemlich allem ängstigen. Angst ist auch ein bestimmendes Thema im dritten Roman von Roman Ehrlich, der den Titel Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens trägt.

Roman Ehrlich erzählt von einem jungen Mann, Moritz, der die Orientierung in seinem Leben verloren hat. Seine Freundin hat ihn verlassen, die Arbeit in einer jungen Agentur langweilt ihn und auch sonst fehlt seinem Leben der Sinn. Einen Ausweg bietet ihm sein ehemaliger Studienkollege Christoph, der mittlerweile als Regisseur arbeitet und sich im experimentellen Filmbereich bewegt. Auch sein neuestes Projekt klingt außergewöhnlich: Jede Woche treffen sich in einer Kneipe in Ulm die Teilnehmer und erzählen sich reihum von ihren Angsterfahrungen. Aus ihren Geschichten soll das Drehbuch für den Film „Das schreckliche Grauen“ entstehen. Die Schilderungen dieser verschieden ausgeprägten Angstvorstellungen gehören zu den Höhepunkten des Romans.

Dem Autor gelingt es, die Ängste der Erzählenden greifbar zu machen. Die einen Figuren berichten von Ereignissen, die ihr Leben geprägt haben, die anderen von ihrer Furcht vor Tieren und wieder andere erzählen von Erlebnissen, die eher unterschwellig verstörend sind. Den Wechsel zwischen Skurrilem und Grauen vollzieht Ehrlich beeindruckend. Unter den Teilnehmern des Projekts sind völlig verschiedene Menschen. Manche sind Freunde von Christoph, andere professionell im Filmgeschäft beschäftigt. Für Moritz wird das Projekt immer wichtiger. Er macht sich Notizen nach den Treffen und geht auch außerhalb der „Angstsitzungen“ immer mehr mit dem Thema um. „Das schreckliche Grauen“ wird zu seinem Lebensinhalt, was unter anderem dafür sorgt, dass er seine Arbeit verliert, doch das Projekt erscheint ihm plötzlich bedeutsamer als alles andere.

Auf struktureller Ebene ist der Roman in zwei Teile geteilt. Der erste Teil schildert die Sitzungen zur Vorbereitung des Drehs, während sich der zweite mit den Dreharbeiten selbst beschäftigt. Vermittelnde Instanz der Handlung ist Moritz selbst. Der Leser erfährt nur das, was auch Moritz erlebt und sieht von den Dreharbeiten auch nur das, was Moritz sieht. Moritz gibt für das Filmprojekt seinen Job und sein Sozialleben auf. Trotz aller Anstrengung bleibt er aber in der Gruppe um den Film nur ein Außenseiter. Einer seiner größten Wünsche ist es, in einem Horrorfilm einen möglichst qualvollen Tod zu sterben und diesen dann selbst im Kino zu sehen:

„Ich dachte, ich würde gern sehen, wie ich einen absurden, gewaltvollen Tod sterbe, und ich würde diese Erfahrung gern überleben. Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, dass das etwas ist, was sich nicht jeder irgendwann schon einmal vorgestellt hat.“

Durch die Beschränkung auf Moritz Perspektive entstehen gerade während der Dreharbeiten Momente, deren Bedeutungen unklar bleiben. Die Art, wie Christoph den Film dreht, ist radikaler als von vielen gedacht. Er wird immer mehr zu einer Art Sektenanführer, der nun seine Jünger mit Camping-Ausrüstung ausgestattet durch Deutschland schickt. Dabei entwickelt er eine Lebensphilosophie des Grauens. Die immer wieder stattfindenden Drehs wirken improvisiert: Mal wird eine Scheune abgebrannt, dann wird ein Flashmob veranstaltet – einen wirklichen Plan kann Moritz dahinter nicht erkennen. Vieles ist mehr eine geplante Provokation oder eine Art Selbsterfahrungstrip. Moritz bleibt ein Mitläufer, der nicht zum eingeweihten Kreis um Christoph gehört. Dabei zeigt sich auch, dass er zwar das Geschehen um sich herum reflektieren und analysieren kann, ihm aber der Mut fehlt, daraus Konsequenzen zu ziehen und sich so immer weiter in das Projekt hineinsteigert, sich Gedanken über Szenenanschlüsse macht oder darauf achtet, sich nicht zu waschen, damit er in den Szenen nicht verändert aussieht.

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Doch Christoph behandelt die Teilnehmer schlecht und schreckt auch nicht davor zurück, Selbstverstümmelungen zu fordern. All das sieht Moritz, ist aber zu feige, offen Kritik zu üben. Seine Hingabe an das Projekt lässt sich durch seinen unbedingten Wunsch, endlich einmal etwas zu erleben, erklären. Durch seinen nicht vorhandenen Widerstand ist er das perfekte Opfer für Christophs Fantasien. Innerhalb der Gruppe wird aus der Fiktion nach einiger Zeit ein reales Grauen. Moritz, dem ein wirkliches Lebensziel fehlt und der nur zu gern auf die Anweisungen anderer hört um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, schwankt dabei zwischen Ekel vor sich selbst und Selbstmitleid. Erzählt wird dabei in der Vergangenheit, ausschließlich aus Moritz‘ Perspektive, als ob das Projekt bereits vorbei wäre. Sein Erzählton ist dabei seltsam monoton, dabei aber distanzlos und trotz der Rückschau unvoreingenommen, als würde in der Erinnerung an die Tage des Grauens immer noch Bedeutung für die Gegenwart liegen.

Durch die Fokussierung auf Moritz ergeben sich für den Leser interessante Aspekte. Da er nicht wirklich weiß, was eigentlich hinter dem Projekt steckt, weiß es der Leser genauso wenig. Viele von ihm beobachtete Szenen wirken bedeutungsvoll, ihren Sinn kann er aber nicht entschlüsseln. So bleibt es jedem Leser selbst überlassen, eine Interpretation der Geschehnisse zu finden. Das mag in einigen Fällen frustrierend sein, bietet dafür aber viel Raum für eigene Spekulationen und Gedanken.

Gerade im zweiten Teil bekommt Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens auch einen politischen Hintergrund. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass das Team von Ulm aus nach Thüringen wandert und in Erfurt auf eine Demonstration trifft, die stark an die Pegida-Bewegung erinnert. Kurz vor Schluss reflektiert Moritz:

„Mir schien mit einem Mal das ganze Land vollständig bevölkert zu sein von Menschen, die nur darauf warteten und sich nichts sehnlicher wünschten, als dass jemand kommen möge, der ihnen endlich die Richtung weisen würde und ein Angebot machen, wohin sich all diese Zeit und Energie kanalisieren ließe, anstatt sie täglich sinnlos zu vergeuden. Und dass es für diese Leute keinen besseren Köder gab als den, sie erst einmal erzählen zu lassen von ihren eigenen Verwundungen und Fehlern und Ängsten.“

Moritz selbst ist kaum mehr als ein Mitläufer, der auf der Suche nach einem Lebensinhalt sich auf die Horrorfantasien von Christoph eingelassen hat und dabei ohne nennenswerten Widerstand an dessen Projekt des Grauens teilgenommen hat.

Roman Ehrlich fordert den Leser – fordert ihn auf zum Mitdenken und zeigt ihm seine Figuren während ihrer Flucht vor sich selbst und mit all ihren Abgründen. Das ist nicht immer schön und eingängig zu lesen, aber hochaktuell.

Diese Rezension ist erstmals auf literaturkritik.de erschienen.

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