Anne Weber – Annette, ein Heldinnenepos

Anne Weber Annette, ein Heldinnenepos Rezension

Anne Webers Annette, ein Heldinnenepos ist die Geschichte einer Freiheitskämpferin zwischen ihren eigenen Idealen und zerstörten Illusionen. Ein literarisches Ereignis, sowohl in seiner Form wie auch in seinem Inhalt, das mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet wurde.

In Kooperation mit der Büchergilde Gutenberg verlosen wir im Rahmen des Büchergilde-Adventskalenders auf unserem Instagram-Kanal ein Exemplar des Buches. Schaut doch dort vorbei, wir wünschen viel Glück!

Anne Beaumanoir, von allen nur Annette genannt, ist erst Mitglied der Résistance und wird später aufgrund ihrer Unterstützung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung als Terroristin verurteilt. Schnörkellos, aber dennoch poetisch, nähert sich Anne Weber der Biografie dieser außergewöhnlichen Frau in Form eines Heldinnenepos.

Die Autorin Anne Weber ist dafür bekannt, ihre Romane nicht nur selbst ins Französische zu übersetzen, sondern parallel in beiden Sprachen zu schreiben. Während sie sich in ihrer 2015 erschienenen Autobiographie Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch mit der eigenen Herkunft beschäftigte, ist ihr neues Buch Annette, ein Heldinnenepos eine Auseinandersetzung mit der französischen Résistance-Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, die von allen nur Annette genannt wird.

Annette / ist Pazifistin, bis sie mit fünfzehn / lieber Terroristin werden will. Ihr hat es / Ch’en, eine der Hauptfiguren aus Maulraux‘ La condition humaine angetan, der ’27 in Shanghai / während eines Aufstands von Arbeitern und Kommunisten / über den Mord zum Selbstmordanschlag kam. So / lebt der Mensch, indem er stirbt.

Als Grundlage für Webers Heldinnenepos dienen zum einen das von Anne Beaumanoir selbst verfasste Erinnerungsbuch und zum anderen persönliche Gespräche zwischen der Autorin und Anne Beaumanoir, die heute 96 Jahre alt ist.

Annette war nicht nur Teil des Widerstandes in Frankreich gegen die deutsche Besatzung, sondern setzte sich auch aktiv für die algerische Unabhängigkeitsbewegung ein, weshalb sie als Terroristin zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Der konnte sie nur durch ihre Flucht nach Nordafrika entgehen, was zu einer Trennung von ihrem Mann und den Kindern führte. Nach der Unabhängigkeit Algeriens erhielt sie, als anerkannte Neurologin, einen Posten im Kabinett des Gesundheitsministeriums, bis sie nur wenige Jahre später aufgrund des Militärputschs erneut ins Exil gehen musste.

Spätestens beim Aufschlagen der ersten Seite, doch eigentlich reicht schon ein Blick auf den Titel, wird klar, dass die Autorin in gewisser Weise eine Art literarisches Experiment durchführt. Ist das Epos doch zum einen eine ziemlich aus der Zeit gefallene Gattung und zum anderen männlich dominiert. Kein Roman also, sondern ein Epos, eine Heldengeschichte. Berichtet wird Annettes außergewöhnliche Leben, das durch den Kampf gegen die Unterdrückung geprägt ist.

Während sie tut, als wäre sie ein Mensch wie alle andren, / also sich jeden Morgen anzieht und das Haus verlässt, / vielmehr die Häuser, in denen sie mal unter diesem, mal / unter jenem Namen wohnt, um abends heimzukommen / wie von einer Arbeit, während sie also tut wie ein soziales / Wesen, ist sie allein und einsam wie auf einem Mond mit ihren zwanzig Jahren.

Einen besonderen Reiz macht die Ähnlichkeit, aber gleichzeitige Gegensätzlichkeit der beiden Konflikte aus. Während sie auf der einen Seite eine Heldin der Résistance ist, wird sie auf der anderen Seite später für eine ähnliche Verhaltensweise als Terroristin verurteilt. Die Abfolge der Ereignisse erfolgt streng chronologisch: beginnend bei Annettes Geburt in einem bretonischen Fischerdorf, über ihr immer stärker werdendes Engagement im Widerstand, bis zu ihrem mehrjährigen Aufenthalt in Algerien.

Annette ein Heldinnenepos Anne Weber

Die Erzählstimme greift immer wieder kommentierend oder entschuldigend in die Erzählung ein („Kleine Abschweifung. Pardon“) und die Autorin verzichtet zum Glück auf eine Form der Mystifizierung, vielmehr verleiht sie dem Ganzen trotz der Tragik sogar einen leisen Humor. Manche Einschübe wirken wie ein Gespräch der Figur mit sich selbst, oder vielmehr ihrem eigenen Gewissen. Ihr unermüdlicher Kampf für Freiheit ist dabei nicht ohne Selbstzweifel, sie handelt gegen die Anweisungen der Résistance und hegt immer wieder Bedenken an ihrer Befürwortung des Sozialismus. Die negativen Auswirkungen, wie persönliche Verluste sowie die politischen Schattenseiten, werden von der Erzählerin geschildert. Hier bleibt allerdings offen wer spricht, die Protagonistin oder die Erzählinstanz.  Dennoch ist Annette ihr Leben lang getrieben von ihrem Idealismus. Dass die Opfer, sowohl die moralischen als auch die menschlichen, dabei groß sind, wird immer wieder deutlich.

Dass das Buch als Epos geschrieben ist, bedeutet zum Glück in keiner Weise, dass es sperrig wäre – ganz im Gegenteil. Denn letztlich folgt es keiner Verskonstruktion, auch wenn die Zeilen linksbündig gesetzt sind. Der Text lässt sich wie Prosa lesen und so hat das Buch in poetischer Sicht auch seine besten Momente, wenn die Autorin sich ganz auf ihre Sprachkunst verlässt, um das eigentlich Unsagbare in Worte zu fassen.           

während die / Alliierten in die Normandie einfallen und in / Oradour-sur-Glane Einheiten der SS-Panzerdivision / „Das Reich“ 642 Einwohner ermorden, / pflückt sie Aprikosen. Der Lavendel blüht, die / Kirschen schaukeln prall und dunkelrot an ihren / Zwillingszweigchen. Alles geschieht zur selben Zeit /  und in derselben Welt, man kann es wissen, ja, / man weiß es, aber ohne es zu wissen, denn alle / ferne Wirklichkeit ist ungewiss und, wie ein Traum, / nicht zu ergreifen.

Anne Weber ist bei der Gestaltung ihres Buches Annete, ein Heldinnenepos ein Risiko eingegangen, das sich bezahlt macht. In Form eines Epos, ohne dass es dabei sperrig wird, berichtet sie von dieser außergewöhnlichen Frau, die sich aller Opfer zum Trotz für ihre Freiheitsideale einsetzt. Ein bewegendes Buch, das in seiner Form und seinem Inhalt außergewöhnlich ist.

Im Interview mit dem NDR gab die Autorin eine einleuchtende Erklärung für ihr Vorgehen:

Die Frage, die ich mir als allererstes gestellt habe, war die: Wie kann ich von einem Menschen erzählen, den es wirklich gibt, der dieses Leben wirklich gelebt hat und noch lebt? Darf ich alles mit dieser Frau machen? Darf ich ihre abenteuerliche Geschichte für meine literarischen Zwecke nutzen? Mir war relativ schnell klar, dass ich das nicht darf und dass ich nicht den klassischen Roman würde schreiben können, in dem man Details hinzufügt und ausmalt, den Protagonisten Worte in den Mund legt, die sie nie gesprochen haben. Mir wäre das anmaßend und auch unredlich erschienen. Es war im Grunde eine Gewissensfrage. Diese ist mit einer literarischen Frage nach der Gestaltung zusammengefallen. Und da ist mir eingefallen, dass es eine uralte literarische Form gibt, in der von je her wagemutige Taten besungen werden: das Heldenepos. Und da war für mich der Weg frei für mein Heldinnenepos, durch den Rhythmus und durch die Form abzurücken von einer zu realistischen Darstellung.

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