Vladimir Nabokov – Lolita

Vladimir Nabokov Lolita Rezension

Vladimir Nabokovs Roman Lolita ist ein moderner Klassiker: ein poetisches wie abscheuliches Werk über die verbotene Affäre eines Enddreißigers mit einer kindlichen „Nymphette“.

Humbert Humbert zieht es nach der Trennung seiner Frau in die USA. In der Kleinstadt Ramsdale bezieht er ein Zimmer im Haus der verwitweten Charlotte Haze, die schnell Interesse an dem gutaussehenden Europäer zeigt. Doch Humbert ist vor allem interessiert an Charlottes zwölfjähriger Tochter Dolores – oder wie er sie nennt, Lolita.

Nabokovs großer Wurf, der ihn nach bereits elf weiteren zuvor veröffentlichten Romanen durch die kontroverse Thematik der Pädophilie in den Fokus der Öffentlichkeit stellte, beginnt mit dem Vorwort des fiktionalen Herausgebers Humberts Niederschriften, Dr. phil. John Ray. Er informiert uns darüber, dass Humbert bereits verstorben ist und fasst schon einmal die Gefühle zusammen, die wohl die meisten Leser im Verlauf des Romans ergreifen werden: „Aber wie zauberisch kann seine singende Violine eine Zärtlichkeit für Lolita, ein Mitleid mit ihr heraufbeschwören, die uns dazu bringt, von dem Buch hingerissen zu sein, während wir seinen Autor verabscheuen!“

Mit Ehrfurcht und Entzücken (der König weint vor Freude, es blasen die Trompeten, die Amme ist betrunken) erblicke ich wieder ihren holden eingezogenen Bauch, wo einst mein südwärts segelnder Mund kurz verweilte, und die knabenhaften Hüften, an denen ich den gezackten Abdruck küsste, den das Gummiband ihrer Shorts hinterlassen hatte.

Die Geschichte begleitet Humbert, wie er nach Amerika kommt, sich in das Mädchen verliebt und zunächst hinter dem Rücken ihrer Mutter erste vorsichtige Annäherungsversuche startet, bevor er später eine körperliche Beziehung zu ihr eingeht. Lo, Lola, Dolores, die in Humbert vor allem eine väterliche Figur sieht, vermutet anfangs keine bösen Absichten, sondern fühlt sich von seiner Aufmerksamkeit geschmeichelt. Während Dolores und ihre Mutter was Humberts Motivationen betrifft noch im Dunkeln tappen, erhält der Leser schon einen Einblick in die verkorkste Psyche des Erzählers. Seine Gedanken sind teilweise sehr schwer zu lesen, sie sind so ekelerregend und abstoßend, obwohl sie gar nicht explizit pornografisch sind.

Humbert ist ein Poet durch und durch, und genau das macht den Roman auch so wahnsinnig lesenswert. Seinem abstoßenden Charakter steht sein wundervoller, malerischer Stil gegenüber, mit dem er es schafft, seine Leser zu fesseln, obwohl sie angesichts der drohenden Katastrophe, die immer wieder angedeutet wird und sich schleichend durch das Buch zieht, vermutlich lieber aufhören würden zu lesen. Er beschreibt Lolita nicht als reines Lustobjekt, er scheint selbst davon überzeugt zu sein, sie zu lieben, wenn auch auf eine extrem egoistische – und natürlich moralisch verwerfliche wie gesetzeswidrige – Weise. Man ist buchstäblich hin- und hergerissen zwischen der sprachlichen Schönheit und der abartigen, blinden Perversion Humberts.

Jenseits der bestellten Felder, jenseits der Spielzeugdächer breitete sich langsam eine nutzlose Lieblichkeit aus, eine tiefstehende Sonne in einem Platindunst mit einem warmen Ton wie von geschälten Pfirsichen, die den oberen Rand einer zweidimensionalen taubengrauen Wolke durchdrang und sich im fernen romantischen Nebel verlor. Vielleicht hob sich eine Baumreihe als Silhouette gegen den Horizont, hingen stille Mittage über weiten Feldern voll blühenden Klees, waren in ein verschwimmendes Azurblau ferne Claude-Lorrain-Wolken gezeichnet, von denen nur der Cumulusteil sich von dem unbestimmten und ohnmächtigen Hintergrund abhob. Oder vielleicht war es auch ein strenger El-Greco-Horizont, trächtig von tintigem Regen, und ein flüchtiger Blick auf einen Farmer mit Schrumpelnacken und ringsherum abwechselnd Streifen von Quecksilberwasser und grellgrünem Mais, und das ganze Ensemble öffnete sich wie ein Fächer, irgendwo in Kansas.

Die poetische Sprache, Humberts Witz und Esprit sowie die unglaubliche Fülle an literarischen Referenzen dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei dem Erzähler um einen Psychopathen handelt. Als Leser lässt man sich schnell von ihm um den Finger wickeln und vergisst, dass der gesamte Roman äußerst subjektiv verfasst wurde und somit ständig unsere Rezeption manipuliert. Humbert schreibt, dass er Lolita vergöttert, sie anbetet und sie ihn in ihrer ersten Nacht verführte. Was er verschweigt, ist, dass seine Liebe eine äußerst krankhafte und egozentrische ist, dass er sich alles nimmt, was er will, auch wenn er damit ein Leben zerstört. In einigen Situationen scheint durch, dass Lolita überhaupt nicht so zufrieden ist, wie Humbert es sich selbst und seinen Lesern einredet: jede Nacht nach dem Geschlechtsverkehr weint sie sich in den Schlaf. Dennoch fällt nicht ein einziges Mal das Wort ‚Vergewaltigung‘ für das, was er Dolores antut.

Meine Damen und Herren Geschworene, die Mehrzahl der Sexualverbrecher, die sich nach einer zuckenden, süß stöhnenden, körperlichen, doch nicht unbedingt coitalen Beziehung zu einem kleinen Mädchen sehnen, sind harmlose, zu nichts taugende, passive, schüchterne Fremdlinge, die die Gesellschaft nur um eines bitten, nämlich zuzulassen, dass sie ihrem – im allgemeinen völlig unschuldigen – sogenannten abweichenden Verhalten, ihren heißen, feuchten, privaten kleinen Akten sexueller Devianz nachgehen dürfen, ohne dass Polizei und Gesellschaft über sie herfallen. Wir sind keine Sexteufel! Wir vergewaltigen nicht, wie wackere Soldaten es tun. Wir sind unglückliche, sanfte Gentlemen mit Hundeaugen, gut genug integriert, um unseren Drang in Gegenwart Erwachsener zu beherrschen, aber bereit, Jahre um Jahre unseres Lebens für eine einzige Chance hinzugeben, eine Nymphette zu berühren. Ich betone, wir sind keine Mörder. Dichter töten nie.

Lolita ist ein Roman, der mich viel Zeit und Energie gekostet hat. Das liegt zum einen an den beiden Protagonisten, dem ambivalenten Humbert und der ebenfalls nicht wirklich sympathischen Lo, die allerdings mein vollstes Mitgefühl hatte. Die Thematik ist, wenn auch keine expliziten Stellen vorhanden sind, wirklich schwere Kost. Zum anderen hat sich das Buch im späteren Verlauf etwas gezogen. Der Roadtrip der beiden quer durch die USA nimmt viele Seiten in Anspruch, über welche sich Humberts Verfolgungswahn und Besessenheit nur noch stärker entfalten, hier hätten der Spannung aber einige Kürzungen gut getan.

Vladimir Nabokovs großer Roman Lolita kann moralistisch, satirisch, parodistisch, als Liebesroman, als Sittenbild, als Tragödie, als Psychogramm, als Liebeserklärung an die englische Sprache gelesen werden. So vielseitig seine Auslegung ist, so eindeutig ist, dass er seine Leser auf irgendeine Weise berühren wird. Nabokov beweist mit seinem verstörenden modernen Klassiker meisterhaft, dass sich Anspruch, Unterhaltung und Schmerz in der Literatur nicht unbedingt ausschließen müssen.

3 comments

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  1. Rückblick: Lesemonat Juli – Letusredsomebooks

    […] Zweieinhalb Monate hat es gebraucht, bis ich diesen modernen Klassiker endlich durch hatte – was zum einen an den vielen Fußnoten lag, die in meiner Edition vorhanden sind, zum anderen an der recht schweren Thematik. Humbert Humbert berichtet aus dem Gefängnis heraus, wie er das zwölfjährige Mädchen Lolita kennenlernte – und sich in sie verliebte. Nabokovs großer Wurf wurde über Jahrzehnte hinweg kontrovers diskutiert, und das zu Recht. Mit poetischer Sprache und einer unglaublichen Eleganz schildert der Erzähler uns seine tiefen Gefühle. So anziehend der Stil ist, so abstoßend ist die Thematik der Pädophilie: dieses Buch ist keine leichte Kost. Stellenweise hätte es mir etwas zügiger voranschreiten können, ansonsten ist Lolita ein grandioses Buch, das emotional viel mit seinen Lesern machen dürfte. Hier findet ihr eine ausführliche Besprechung. […]

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  2. Suzie

    Eine wirklich tolle Besprechung, vielen Dank!
    Ich habe „Lolita“ vor Jahren einmal begonnen zu lesen, weil eine Freundin so begeistert war, konnte es aber nicht zu Ende bringen, weil mir die Protagonisten so unsympathisch waren. Nach deinem Kommentar bekomme ich aber Lust, es noch einmal zu versuchen.

    Gefällt 1 Person

    • letusreadsomebooks

      Danke dir! :)
      Ich fand Lolita am Anfang auch recht unsympathisch und sie kam wie ein verzogenes Gör rüber – je länger man liest, desto mehr durchschaut man hier aber Humberts Strategie, sie so dastehen zu lassen, obwohl sie eigentlich ein hilfloses Kind ist. Humbert war für mich zunächst auch nur abstoßend, doch irgendwann wächst die Faszination dieses Charakters, sodass man wirklich zwiegespalten weiterlesen muss!
      (Außerdem ist manchmal einfach nicht der richtige Zeitpunkt für ein Buch und man muss es noch einmal versuchen, damit es ‚Klick‘ macht! ;) )

      Gefällt 1 Person

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