4 gute Gründe, Laura Bates‘ „Everyday Sexism“ zu lesen

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metoo, aufschrei und alte weiße Männer: Seximusdebatten gab es in den letzten Jahren reichlich, meistens fanden sie im Internet statt. So auch Laura Bates‘ Projekt Everyday Sexism, welches im Jahr 2012 über eine eigens eingerichtete Website und die sozialen Medien Erfahrungsberichte von Frauen aus Großbritannien sammelte und wenig später als gedrucktes Buch erschien: offline, voller Emotionen UND Statistiken, bietet es einen umfassenden und nicht leicht zu verdauenden Überblick über Sexismus im Alltag, welcher in der Politik, in den Medien, an den Schulen und Universitäten und an unseren Arbeitsplätzen präsent ist.

1. Fakten, Fakten, Fakten

Bates präsentiert für jedes ihrer Kapitel (Silenced Women: The Invisible Problem, Women in Politics, Girls, Young Women Learning, Women in Public Spaces, Women in the Media, Women in the Workplace, Motherhood, Double Discrimination, What About the Men?, Women Unser Threat, People Standing Up) zahlreiche Statistiken, Zahlen und Fakten, die gleichermaßen faszinierend wie schockierend sind.

Half of LGBT people in the European Union avoid public places because of harassment. (European Union Agency for Fundamental Rights, 2013)

84 per cent of front-page articles are dominated by male subjects or experts. (Women in Journalism Study, 2012)

95 per cent of the 16- to 21-year-old women would change their bodies. (Girlguiding UK, 2009)

Von der Unterrepräsentierung von Frauen in Politik und Medien über sexuell belästigte Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren bis hin zu den 30.000 jährlichen Frauen, die ihre Jobs durch Schwangerschaftsdiskriminierung verlieren – allein schon die nüchternen, sachlichen Tatsachen machen enorm betroffen.

2. Erfahrungsberichte, die weh tun

Dazu kommen all die Einträge, ob per Tweet, Mail oder Beitrag auf Bates‘ Website. Frauen – und auch einige Männer – berichten von ihren eigenen Erfahrungen mit Sexismus in der Werbung, sie schreiben von erpressten Schülerinnen, grapschenden Arbeitskollegen, von Männern, die sie den ganze Weg nach Hause verfolgt haben.

Last night walking home, a car full of men yelled ‚I bet you’d be grateful if I raped your whale sized pussy, fat bitch‘.

A male boss said he’d ‚love to bend me over‘ and more, I reported it to female supervisor who said I was being ’sensitive‘.

We were asked what we wanted to be. I wanted to say a doctor but I didn’t because I though girls couldn’t be doctors. I was 4 years old.

Ihre Ängste sind real, nicht übertrieben, wenn sie nachts mit ihren Schlüsseln in der geballten Faust zur Waffe umfunktioniert durch die Straßen hetzen, immer eine Freundin am Telefon, für den Fall, DASS etwas passieren könnte. Es schmerzt, diese persönlichen Schicksale zu lesen, von denen man als Frau einiges aber auf die ein oder andere Art auch schon selbst erlebt hat. Tatsächlich war die Lektüre des Buchs so heftig, dass ich selten mehr als ein Kapitel am Stück lesen konnte und deshalb mehrere Monate – mit ausreichenden Pausen – benötigt habe.

Yet we are living in a society that not only downplays and accepts this crime but also deliberately normalizes it – telling women not to overreact, not to make a fuss out of nothing, or even be glad of the attention. It is only when you spell out the definition that the realization begins to dawn, even for many of the victims.

3. Andere Blickwinkel: Double Discrimination und die Position der Männer

Sehr schön ist, dass sich ein ganzes Kapitel mit der doppelten Diskriminierung beschäftigt, also mit Frauen, die nicht weiß, cis und able sind, die belästigt, benachteiligt oder angegriffen werden, weil sie eben auch noch unterschiedlichsten Ethnien angehören, andere Religionen oder Körpertypen haben, im Rollstuhl sitzen oder homo-, bi-, trans- oder intersexuell sind.

Auch die Männer werden in die Sexismusdebatte miteinbezogen. Neben Berichten von Männern, die Sexismus am eigenen Leib erleben mussten oder durch ihre Freundinnen oder auch das Everyday Sexism Project auf das Ausmaß der Problematik aufmerksam wurden, finden sich in diesem Kapitel auch Gegenüberstellungen von Verhaltensmustern und Erklärungsansätze für sexistische Kommentare sowie Handlungen.

Einziges Manko hier ist meiner Meinung nach der wenige Platz, der den männlichen Opfern des Sexismus eingeräumt wird, da sich der große Teil dieses Kapitels doch wieder dem Sexismus Frauen gegenüber widmet. Großartig hier ist allerdings, dass Bates immer wieder betont, dass Feminismus nicht versucht, Frauen und Männer gegeneinander auszuspielen, sondern dass es um Gleichberechtigung in jeglichem Sinne geht, um gleiche Rechte und gleiche Chancen für ALLE Menschen.

One of the problems that makes sexism so difficult to tackle, or even to talk about, is that we all view each instance of it from a very individual perspective based on our own experience. Take, say, a man who, every six months, witnesses just one instance of catcalling, after which he goes about his business without giving the matter a second thought. And then take a woman who on a daily basis experiences several such instances of harassment and has also on more than one occasion ignored the catcalls only to have the situation escalated into something more aggressive. The man would probably consider it minor, insignificant and even harmless, while the woman would likely view it as more serious and potentially damaging. This is partly why it’s so hard to discuss the problem of sexism – and why, when we do, the narrative (often led by those in the first category) turns so frequently to whether or not the problem really exists at all, or whether it’s simply exaggerated.

4. Der Appell – an uns alle

Die Lösung?

Eine einfache Lösung dafür gibt es nicht. Es braucht ein komplettes Umdenken der Gesellschaft, um Sexismus völlig auszurotten. Aber: wir können erste Schritte machen. Und der wohl wichtigste ist, mehr auf die Probleme aufmerksam zu machen. Wir müssen Erfahrungen austauschen, einander zeigen, dass niemand allein ist, wir müssen uns gegenseitig unterstützen und Verständnis aufbauen, wir müssen unser Wissen weitergeben und unsere Kinder zu besseren Menschen erziehen. Wir müssen das Ausmaß der Probleme erkennen und seine Folgen, und aktiv dagegen vorgehen. Wir müssen eingreifen, wenn wir Zeugen von Diskriminierung werden und füreinander einstehen. Wir müssen einander mit Respekt begegnen, jedem einzelnen Menschen da draußen.

So be the person in the meeting who objects to an application being dismissed because the interviewee is a ‚maternity risk‘. Be the aunt or uncle who buys their niece a chemistry set and their nephew a toy stove. Be the picture editor who doesn’t illustrate every article with a pair of women’s legs. Be the teenager who challenges his friends when they’re calling girls sluts. Be the colleague who points out inappropriate behavior for what it is. Be the person at the bus stop who steps in to stop harassment. Be the parent who teaches their son about consent.

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