Tyler Wetherall – Amphibium

Tyler Wetheralls Amphibium ist ein Coming-of-Age-Roman über girlhood im Patriarchat, in dem Nähe, Angst und Verwandlung unauflöslich ineinandergreifen.

Wir machen uns Mitte der 1990er auf den Weg nach Südwestengland, wo die elfjährige Sissy mit ihrer psychisch labilen, alleinerziehenden Mutter lebt. Schon früh ist Sissy mit sich allein – oder so fühlt es sich an, bis sie an ihrer neuen Schule Tegan kennenlernt. Tegan ist selbstbewusst, charismatisch, die Anführerin einer Clique – und sie nimmt Sissy mit in ihre Welt.

Was als Freundschaft beginnt, verwandelt sich schnell in eine enge, intime Verbindung. Sissy und Tegan teilen Geheimnisse und Ängste, sie sprechen über Jungs, über Begehren, über Macht und Unsicherheit. Sie senden Fotos an ältere Männer in Chatrooms, sie beobachten – beinahe besessen – Geschichten über entführte junge Frauen im Landkreis, und sie fragen sich immer wieder, wie ihre eigenen Gesichter wohl auf Suchplakaten aussehen würden. Geheimnisse, Fantasie und ein Gefühl von Unsterblichkeit weben sich durch ihren Alltag, während sie die Schwelle vom Kindsein zum Frauwerden spüren: körperlich, emotional, existenziell.

Dabei verliert Wetherall sich nicht in realistische Chroniken pubertärer Dramen, sondern mischt diese Welt mit Elementen, die an Märchen und magischen Realismus erinnern: Mythische Vorstellungen, metaphorische Bilder, ein Gefühl von Verwandlung, das mehr ist als bloße Metapher. Fantasy und Realität vermischen sich, genau wie Hoffnung und Bedrohung, Nähe und Verrat.

[…] und ich male mir aus, wie ich Tegan töte. Ich verwandle mich in eine Schlange und schlinge meinen Körper so fest um sie, dass ich sie totquetsche. […] Das Ganze muss vor Publikum stattfinden. Es geht nicht um das Töten an sich, sondern eigentlich nur um die ausgelöste Reaktion: Angst und Ehrfurcht. Darum, als etwas Mächtigeres angesehen zu werden als ein Mädchen.

Was Amphibium so stark macht, ist nicht nur die Geschichte selbst, sondern die Art und Weise, wie Wetherall sie erzählt. Sissy und Tegan sind keine perfekten, idealisierten Freundinnen, sondern komplexe, widersprüchliche Charaktere. Ihre Freundschaft pulsiert zwischen Nähe und Konkurrenz, Vertrauen und Eifersucht, Fürsorge und Selbstschutz. In ihnen spiegeln sich so viele Seiten des Mädchen- und Frauwerdens: das Bedürfnis nach Sicherheit, das Verlangen nach Zugehörigkeit, die Furcht vor Ablehnung und die ununterbrochene Suche nach Identität.

Wetherall zeichnet diese Beziehungen mit einer Sensibilität, die nie sentimentalisierend wirkt, sondern immer schonungslos ehrlich. Die Freundschaft ist kein sicherer Hafen, sondern ein Raum, in dem Macht ausgetestet, verschoben und oft schmerzhaft erfahren wird. Gerade weil die Mädchen so stark aneinander gebunden sind, wird der Weg zur Selbstfindung nicht linear oder harmonisch – er ist voller Brüche, Zweifel, zaghafter Schritte und verblüffender Erkenntnisse.

Parallel zu dieser Freundschaft entwickelt der Roman ein subtiles, aber klares Bewusstsein für die patriarchalen Strukturen, die Mädchen und Frauen formen und bedrohen. Die Faszination für entführte Frauen, die an die Mädchen herangetragen wird, ist dabei kein bloßer makabrer Zeitvertreib, sondern spiegelt genau diese Unsicherheit: Was bedeutet es, weiblich zu sein, wenn die Welt bereits voreingenommen ist gegen Frauen?

Sissys Beziehung zu ihrem eigenen Körper, ihre Sicht auf Sexualität und ihre Auseinandersetzung mit Begehren greifen genau in diese Schnittstelle zwischen persönlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Erwartung. Die Rituale des Erwachsenwerdens, die in anderen Coming-of-Age-Romanen noch halbwegs ungefährlich erscheinen, tragen hier eine greifbare Bedrohlichkeit – nicht zuletzt, weil sich die Welt der Mädchen zunehmend als ambivalent, gefährlich und widersprüchlich offenbart.

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt des Buchs ist der leichte Hauch von magischem Realismus, der die innere Zustände, Verwandlung und Angst sichtbar macht, ohne sie zu erklären. Vorstellungen von Meerjungfrauen, von metamorphischen Wesen, von halb greifbaren Bildern verweisen darauf, wie Sissy ihre Umgebung, ihren Körper, ihre Freundschaft erlebt: traumhaft, verwirrend, überbordend.

Diese lyrische Ebene des Romans verleiht dem Coming-of-Age-Narrativ eine zusätzliche Dimension: Die Transformation zum Frauwerden wird nicht nur als psychologischer Prozess dargestellt, sondern als etwas, das sich tief in Bildern, Sehnsüchten und inneren Landschaften ausdrückt.

Ich habe zuletzt einige Coming-of-Age-Storys gelesen, in denen Mädchen im Patriarchat zu Frauen heranwachsen (scheinbar hab ich da gerade eine Präferenz) – und Amphibium reiht sich da in guter Gesellschaft ein. Eine Geschichte über Selbst- und Fremdwahrnehmung, über die Art und Weise, wie Frauen schon früh mit Macht, Angst und Begehren konfrontiert werden. Sissy ist klug, verletzlich, widersprüchlich und unsicher zugleich. Ihre Freundschaft zu Tegan, so intensiv und so zerbrechlich, hat mich immer wieder an eigene Erinnerungen an Freundschaften erinnert, in denen Nähe und Spannung, Vertrauen und Verrat so dicht beieinanderliegen, dass ein falsches Wort alles verändern könnte.

Was ich besonders mochte: Amphibium nimmt Gefühle ernst, ohne sie zu verharmlosen. Angst, Scham, Lust und Verwirrung werden nicht in einfache Narrative gepresst, sondern bleiben komplex und unaufgelöst. Der magische Realismus dient nicht zur Flucht, sondern zur Vertiefung – und lässt die Unsicherheit des Erwachsenwerdens körperlich spürbar werden.

Amphibium von Tyler Wetherall ist ein wachrüttelndes und bewegendes Coming-of-Age-Debüt, das das Erwachsenwerden im Patriarchat ungeschönt, sensibel und literarisch hoch verdichtet erzählt. Die enge, ambivalente Freundschaft zwischen Sissy und Tegan steht im Zentrum einer Geschichte, die über Freundschaft hinaus viel über Identität, Körperlichkeit, Macht und Angst aussagt

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