Julian Barnes – Der Mann im roten Rock

Julian Barnes Der Mann im roten Rock Rezension

In Der Mann im roten Rock erzählt Julian Barnes von einer neurotisch anmutenden Epoche und dem Arzt Samuel Pozzi. Pointiert mischt Barnes Fakten und zeitgenössische Gerüchte zu einer Kulturgeschichte.

Julian Barnes porträtiert in seinem neuen Buch Der Mann im roten Rock den Arzt Samuel Pozzi (1846-1918), einen Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie. Wer die Romane von Julian Barnes kennt, weiß, dass Kunst in ihnen häufig eine wichtige Rolle spielt. So ist es keine Überraschung, dass es hier nicht anders ist. Barnes ist einem Porträt Pozzis, ein Ausschnitt davon ist auch auf dem Cover abgebildet, zum ersten Mal 2015 in der National Portrait Gallery in London begegnet.

Ein Maler schafft ein Abbild, eine Version oder eine Interpretation, die die porträtierte Person zu Lebzeiten feiert, nach dem Tod in Erinnerung bewahrt und beim Betrachter vielleicht noch Jahrhunderte später Neugier weckt. Das hört sich einfach und unkompliziert an, und manchmal ist es das auch.

Inspiriert von dem Bild schrieb Barnes in den folgenden Jahren sein eigenes Porträt Pozzis, dem die Recherche mithilfe von Tagebüchern, Artikeln, Aussagen von Zeitgenossen und Fotografien sowie Bildnissen jederzeit anzumerken ist. Pozzi lebte während der Belle Époque, die Barnes anhand von Lebensbeschreibungen von Prominenten der Zeit wie Sarah Bernhardt, Oscar Wilde oder Marcel Proust darstellt. Aus einem großen Netz von Anekdoten, Gerüchten, kleinen und großen Skandalen und Streitereien vermittelt Barnes ein eindrückliches Bild dieser Epoche, mit dem nötigen Maß an Ironie und Eleganz. Dabei hat er witzige und skurrile Geschichten ausgegraben, die wie Episoden aneinandergereiht sind.

Der Einstieg erfolgt über die Schilderung eines Besuchs von Pozzi mit zwei Freunden in London, wo sie „intellektuelle und dekorative Einkäufe“ tätigen. Barnes hat sich gegen eine stringente Erzählung entschieden und springt munter zwischen verschiedenen Ereignissen, Personen und Themen hin und her. Wie ein Puzzle fügen sich aber mit der Zeit alle Teil zusammen. Mit einer feinen Beobachtungsgabe führt er uns durch die Epoche, so dass es sich manchmal anfühlt, als sei man mitten in einem Pariser Café und würde dem neuesten Klatsch über bekannte Persönlichkeiten lauschen.

Obwohl Barnes sich einigen historischen Persönlichkeiten widmet, kehrt er doch immer wieder zu seiner Ausgangsfigur zurück: Dr. Samuel Pozzi, dem Mann im roten Rock. Abstammend aus einfachen Verhältnissen arbeitete er sich in die Oberschicht von Paris, auch mithilfe seiner vermögenden Frau. Die Ehe verlief allerdings unglücklich und Pozzis zahlreiche Affären waren häufig Gesprächsthema. In den von Barnes zitierten Tagebucheinträgen wird auch die Verbitterung der Tochter über Pozzis Verhalten deutlich. Die Gesellschaft in der sich Pozzi in Paris bewegte und in die er bestens vernetzt war, wird von Barnes als äußerst dekadent beschrieben. Extravagante Verkleidungen, zahlreiche Gerüchte und Affären, Duelle aufgrund von scheinbaren Nichtigkeiten und ausgefallenes Essen prägten den Alltag.

Die Belle Époque war eine Zeit unermesslichen Wohlstands für die Wohlhabenden, der gesellschaftlichen Macht für die Aristokratie, des hemmungslosen und ausgefeilten Snobismus, des ungezügelten Strebens nach Kolonialbesitz, des künstlerischen Mäzenatentums und des Duells, dessen Brutalität oft eher ein Gradmesser der persönlichen Erregung als der verletzten Ehre war. Man kann dem Ersten Weltkrieg nicht viel Gutes abgewinnen, aber wenigstens hat er davon viel hinweggefegt.

Barnes schildert aber auch die andere Seite von Pozzis Leben, seine medizinischen Verdienste im Bereich der Gynäkologie, die Übersetzung von Darwin und seine Reisen in der Welt, um andere medizinische Methoden kennenzulernen. Im Nachwort schreibt er, dass Pozzi „sein Leben mit Medizin, Kunst, Büchern, Reisen, Gesellschaft, Politik und so viel Sex wie nur möglich“ verbrachte.

Der Mann im roten Rock ist rundum gelungen und beweist erneut Julian Barnes‘ Können als Schriftsteller. Obwohl es kein Roman ist, ist es dennoch sehr literarisch und Barnes beweist einen feinen Sinn für die Doppelbödigkeit seiner Beobachtungen. Neben den schriftlichen Erläuterungen bietet das Buch zudem zeitgenössische Abbildungen von Porträts aus Schokoladenpackungen, Fotografien und Malereien.

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