
Es gibt diese Momente nach der letzten Seite eines Romans, in denen man das Buch nicht einfach ins Regal zurückstellt. Man legt es weg, fast ein wenig vorsichtig, und spürt eine seltsame Unruhe. Es ist kein gutes Gefühl im Sinne von Entspannung oder Bestätigung. Es ist Reibung. Ein geistiger Muskelkater, der tagelang anhält.
In letzter Zeit beobachte ich jedoch – sowohl in den Kommentarspalten von Social Media als auch in der internationalen Literaturkritik –, dass genau diese Reibung zunehmend als Defizit wahrgenommen wird. Wir erleben eine schleichende Remoralisierung der Belletristik. Ein Buch soll heute oft gut tun, es soll validieren oder zumindest moralisch auf der richtigen Seite stehen. Doch was passiert mit der Kunst, wenn wir die Ambivalenz aus ihr herausfiltern, um sie konsumierbar zu machen?
Ein kleiner Disclaimer vorweg: Versteht mich nicht falsch – ich liebe Comfort Reads. Es gibt Abende, an denen ich nichts sehnlicher brauche als ein Buch, das mich auffängt, das meine Werte spiegelt und das mir ein Gefühl von Sicherheit gibt. Diese literarischen Rückzugsorte sind essenziell für unser Wohlbefinden.
Worüber ich heute aber sprechen möchte, ist nicht die Existenz dieser Wohlfühlbücher, sondern die schleichende Erwartung, dass jedes Buch diesen Dienst leisten muss.
Der „Likability“-Irrweg: Wenn wir Freunde suchen, statt Kunst
Die Debatte um die Likability von Figuren hat durch Plattformen wie TikTok eine neue, fast dogmatische Schärfe gewonnen. Es herrscht die Erwartung, dass wir uns mit einer Protagonistin identifizieren müssen, um ihre Geschichte als wertvoll zu erachten. Charaktere werden einem moralischen Screening unterzogen, als wären sie potenzielle Mitbewohner:innen oder Dates. Prominente Beispiele hierfür sind die Bücher von Sally Rooney und Ottessa Moshfegh.
Die Autorin Claire Messud gab darauf vor einigen Jahren eine der klügsten Antworten, die heute aktueller ist denn je. Als sie in einem Interview gefragt wurde, ob sie mit der (unbequemen) Protagonistin ihres Romans befreundet sein wolle, entgegnete sie trocken:
„Wenn Sie Freunde suchen, gehen Sie auf eine Cocktailparty. Wir lesen, um dem Leben zu begegnen.“
Wenn wir Belletristik nur noch danach bewerten, ob die Charaktere „problematic“ sind, verwechseln wir Literatur mit einem moralischen Kompass. Wir reduzieren komplexe Persönlichkeiten und Handlungen auf ein binäres System von Richtig und Falsch und berauben uns damit der eigentlichen Tiefe des Menschseins.
Die Falle des „Trauma Plots“: Moralische Schutzschilde
Ein spannender Aspekt in der aktuellen Debatte ist das, was die Kritikerin Parul Sehgal im New Yorker als den „Trauma Plot“ bezeichnet hat. Wir neigen in der zeitgenössischen Literatur dazu, jedes widersprüchliche oder böse Verhalten einer Figur sofort durch ein vergangenes Trauma zu erklären.
Das macht die Figur für Leser:innen sicher. Wir können ihr Fehlverhalten absegnen, weil wir die Wunde kennen. Doch echte Belletristik zeichnet sich oft dadurch aus, dass sie eben keine einfachen psychologischen Auflösungen bietet. Ein Charakter darf grausam, egoistisch oder schlicht rätselhaft sein, ohne dass uns der Autor auf Seite 200 die moralische Entschuldigung dafür liefert. Wenn wir alles wegerklären, nehmen wir der Figur ihre radikale Freiheit – und Leser:innen die Chance auf echtes Unbehagen.
Das Paradox der „Female Rage“: Sanktionierte Wut
Nun könnte man einwenden: „Aber was ist mit dem Trend der Female Rage? Die Leserinnen lieben doch gerade die unkontrollierten, wütenden Frauen!“
Das stimmt – und doch ist es oft eine Schein-Ambivalenz. Die Female Rage, die wir aktuell in Bestsellern wie Nightbitch oder Animal feiern, ist meistens eine begründete Wut. Sie ist die Reaktion auf das Patriarchat, auf Mutterschaft oder Missbrauch. Das macht sie für das Publikum extrem relatable. Es ist eine Form von emotionalem Service-Reading: Wir identifizieren uns mit dem Ausbruch, weil er moralisch legitimiert ist.
Echte literarische Ambivalenz hingegen braucht keine Rechtfertigung. Sie ist sperriger. Sie bietet keine kathartische Befreiung, bei der wir am Ende Beifall klatschen können. Sie lässt uns mit einem Knoten im Bauch zurück, weil wir eben nicht wissen, ob wir die Protagonistin unterstützen sollen.
Warum wir das Unangenehme brauchen: Ein Plädoyer
In der Literaturwissenschaft gibt es den Begriff der „Negative Capability“ (John Keats): die Fähigkeit, Unsicherheiten, Mysterien und Zweifel auszuhalten, ohne faktisch und rational nach einer Antwort zu gieren. Genau das ist es, was anspruchsvolle Belletristik von Unterhaltung unterscheidet.
- Das Aushalten einer unsympathischen Figur trainiert unsere Fähigkeit, auch im echten Leben Widersprüche zu ertragen, ohne sofort in den Verteidigungsmodus zu gehen.
- Wer lernt, dass eine Geschichte mehrere Wahrheiten haben kann, ist weniger anfällig für die einfachen Antworten unserer Zeit.
- Das Leben ist selten eine klare Heldenreise. Eine Literatur, die das Unbequeme ausblendet, um uns ein „gutes Gefühl“ zu geben, lügt uns an.
Fazit: Traut euch das Unbehagen zu!
Unser Blog war immer ein Ort für die Entdeckungen, die über das Offensichtliche hinausgehen. Deshalb möchte ich eine Lanze brechen für die Bücher, die uns eben nicht wohlfühlen lassen.
Wenn wir nur noch das lesen, was unsere Weltsicht bestätigt und unsere Moralvorstellungen streichelt, betreiben wir literarischen Inzest. Einige der wirklich großen Leseerfahrungen meines Lebens waren jene, bei denen ich mit der Protagonistin gerungen habe, bei denen ich das Buch am liebsten gegen die Wand geworfen hätte. Und es am Ende doch nicht tat.
Lassen wir der Literatur ihre Kanten. Erlauben wir den Figuren, unsympathisch zu sein. Und erlauben wir uns selbst, beim Lesen auch mal keine Antwort zu haben. Denn genau in dieser Ratlosigkeit beginnt das eigentliche Denken.
Wie geht es euch beim Lesen? Erwischt ihr euch auch manchmal dabei, wie ihr eine Figur moralisch „checkt“, bevor ihr euch auf die Geschichte einlasst? Oder genießt ihr gerade die Reibung an Charakteren, die euch im echten Leben fern wären?
Gegen den Strich gelesen: Eine Liste für furchtlose Leser:innen
- Claire Messud – The Woman Upstairs (dt. Die Frau von oben)
- Ottessa Moshfegh – My Year of Rest and Relaxation (dt. Mein Jahr der Ruhe und Entspannung)
- Rachel Kushner – Creation Lake
- Patricia Highsmith – The Talented Mr. Ripley (dt. Der talentierte Mr. Ripley)
- Vladimir Nabokov – Lolita
- Gillian Flynn – Gone Girl (dt. Das perfekte Opfer)
- Bret Easton Ellis – American Psycho
- Emma Cline – The Guest (dt. Die Einladung)
- Mona Awad – Bunny
- László Krasznahorkai – Satanstango

Sehr interessante Gedanken, denen ich voll und ganz zustimme. Ich finde es ebenfalls problematisch, gelesene Bücher in jener Hinsicht zu bewerten, inwieweit die Protagonisten sympathisch sind oder wir uns mit ihnen identifizieren können. Ich schätze Bücher, die etwas mit mir machen, mir etwas lehren, die mich herausfordern. Weichspüler packe ich in die Waschmaschine ;). Viele Grüße
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