Ozan Zakariya Keskinkılıç – Hundesohn

Hundesohn ist kein Buch, das man einfach nur liest. Mit seinem unnachgiebigen, lyrischen Takt treibt es uns durch die Straßen Berlins und die Erinnerungen an Adana.

In seinem preisgekrönten Debütroman (ZDF-aspekte-Literaturpreis 2025) entwirft Ozan Zakariya Keskinkılıç ein Porträt seines Protagonisten Zeko, das sich einer klassischen, linearen Erzählweise konsequent verweigert. Wir begleiten Zeko durch ein fragmentarisches, oft tastendes Erzählen: durch Berlin, durch flüchtige Begegnungen und schmerzhafte Abwesenheiten.

Ich habe mich gefragt, ob Baba deshalb nur von der harten Arbeit sprach, ob seine Zunge deshalb immer nach Maschine roch. Ob Baba deshalb so wenig über seine Gefühle sprach, weil Langenscheidt es ihm nicht beigebracht hat.

Im Zentrum steht die obsessiv-zärtliche Liebe zu Hassan. Während Zeko die Tage zählt, bis er ihn in der Türkei wiedersieht, bewegt er sich durch ein Berlin, das gleichzeitig Heimat und Ort der Ausgrenzung ist. Eine klassische Handlung im engeren Sinne gibt es kaum; stattdessen entsteht ein dichtes Geflecht aus Begegnungen in Parks und Cafés, Grindr-Chats, religiösen Ritualen und tief sitzenden Erinnerungen an den Großvater (Dede). Es ist eine Suche nach Identität, die sich zwischen dem Koran, Kafka-Referenzen und der harten Realität des migrantischen Lebens in der Großstadt aufspannt.

Was diesen Roman so herausragend macht, ist seine Sprache. Keskinkılıç schreibt nicht bloß; er komponiert eine Prosa, die sich mühelos und fließend zwischen Deutsch, Türkisch, Arabisch und Englisch bewegt. Dieses Code-Switching wirkt nie gewollt, sondern ist der natürliche Rhythmus eines Lebens in der Mehrsprachigkeit. Er schreibt nicht nüchtern oder beobachtend, sondern körperlich, sinnlich und oft überbordend – eine Form, die sich eher wie Lyrik anfühlt.

Wenn Nene recht hat und sich die ben vermehren, dann liegt im Zählen eine schöne Magie. Ich habe angefangen, alles, was ich liebe, zu zählen, damit sich die Dinge vermehren. Ich zählte Pistazienkerne und Trauben an den Reben, die Bohnen in Nenes Eintopf und Dedes Barthaare über den schmalen Lippen. Ich zählte, wie oft mir Nene mit den Fingernägeln über den Kopf strich und wie oft Dede die Stirn zum Gebet auf den Teppich senkte, wie oft er sagte: Sei geduldig, mein Sohn, denn wahrlich, Gott ist mit den Geduldigen.

Bilder wiederholen sich, verschieben sich und greifen ineinander, als würde der Text seinen eigenen Atem entwickeln. Viele Leser:innen haben den Roman als eine Art Langgedicht beschrieben, und das trifft den Kern: die Sprache ist hier kein bloßes Werkzeug, sondern ein politisches Statement. Verletzlich, trotzig, sexuell explizit und manchmal von einer fast brutalen Ehrlichkeit.

Inhaltlich verhandelt Hundesohn die Komplexität queerer Identität in einem Spannungsfeld aus Begehren, Scham und Wut. Keskinkılıç thematisiert Alltagsrassismus, Klassismus und die Fragilität von Beziehungen, ohne in Klischees zu verfallen. Besonders spannend: Der Text stellt Glauben und Queerness nicht als unauflösbaren Widerspruch dar, sondern lässt beides nebeneinander existieren, manchmal zärtlich, manchmal konflikthaft, aber nie eindimensional. Der Körper wird hier zum Schauplatz von Politik und Intimität gleichermaßen.

Weißt du, wie es ist, wenn dein Körper alle Erwartungen unterläuft, wenn du aussiehst wie ein Fremder und sprichst wie jeder von dort, und wenn du aussiehst wie einer von hier und sprichst wie ein Fremder? Hassan, weißt du, wie es sich anfühlt, der Grammatik deines Körpers zu misstrauen? Wenigstens führst du keinen Kampf gegen deine Haut, deine Haare, deine Zunge. Das bisschen Türkei in mir reicht für den Karnevalsbesuch, mehr taugt diese Kostümierung nicht. Hassan! Wahrheit, alles, was dein Körper schreit, ist Wahrheit, und ich bin eine wandernde Lüge.

Für mich war Hundesohn ein herausragendes Leseerlebnis und ist definitiv eines meiner absoluten Jahreshighlights. Es ist kein leicht zugänglicher Roman und sicher nicht für jede Lesestimmung geeignet, da er Konzentration und die Bereitschaft fordert, sich in den Sprachströmen zu verlieren. Doch wer sich darauf einlässt, wird mit einem unglaublich kraftvollen, absolut uniquen Debüt belohnt, das lange nachwirkt und die deutsche Gegenwartsliteratur um eine dringend notwendige, radikal poetische Stimme bereichert. Für Fans von Ocean Vuong.

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