Beatrice Salvioni – Malnata

Dieses Debüt hat mich komplett in seinen Bann gezogen. Beatrice Salvioni erzählt in Malnata von zwei Mädchen im Italien der 1930er Jahre – und von einer Freundschaft, die alles bedeutet: Freiheit, Rebellion, Mut.

Die brave Francesca trifft auf Maddalena, die „Malnata“ – die Unglückbringende, das Mädchen, über das alle reden und das sich an keine Regeln hält. Zwischen den beiden entsteht ein starkes Band, das sie durch eine Zeit trägt, in der Konventionen, Faschismus und (patriarchale) Gewalt das Leben bestimmen.

Doch diese Freundschaft wird immer wieder auf die Probe gestellt: durch Gerüchte, männliche Übergriffe, familiären Druck und eine Gesellschaft, die Mädchen früh diszipliniert und bestraft. Je älter die beiden werden, desto deutlicher wird, wie gefährlich es ist, sich nicht anzupassen – und wie hoch der Preis für Loyalität und Widerstand sein kann.

Salvioni schreibt so intensiv und atmosphärisch, dass man die Enge der Kleinstadt, den Druck der Familien, aber auch die Energie dieser Freundschaft fast körperlich spürt. Für mich war das ein starker Roman über Mut und Selbstbehauptung, über weibliche Solidarität. Und darüber, wie sehr ein einziger Mensch dein Leben verändern kann.

Besonders eindrucksvoll fand ich, wie der Roman zeigt, was es bedeutet, als Mädchen in einer zutiefst misogynen Gesellschaft aufzuwachsen. Maddalena wird zur Projektionsfläche für alles, was nicht kontrollierbar ist: weibliche Sexualität, Unangepasstheit, Wut. Der Begriff „Malnata“ ist dabei nicht nur ein Spitzname, sondern ein Stigma, das zeigt, wie schnell ein Mädchen zur Außenseiterin gemacht wird, wenn es sich nicht fügt.

Francescas Entwicklung steht dem stark gegenüber: Aus dem angepassten, stillen Kind wird eine junge Frau, die beginnt, Fragen zu stellen, Grenzen zu überschreiten und sich zu positionieren. Diese innere Bewegung ist leise, aber konsequent erzählt, und gerade deshalb so glaubwürdig. Salvioni urteilt dabei nie, sondern lässt ihre Figuren in all ihrer Ambivalenz stehen.

Auch die politische Dimension des Romans wirkt nie aufgesetzt. Der italienische Faschismus bildet keinen bloßen Hintergrund, sondern durchdringt den Alltag, die Sprache, die Gewaltverhältnisse. Autorität, Gehorsam und Kontrolle finden sich im Großen wie im Kleinen wieder – in den Familien, in der Schule, in den Körpern der Mädchen.

Malnata ist damit nicht nur eine Geschichte über Freundschaft, sondern auch ein Roman über Zuschreibungen, Macht und darüber, wie gefährlich es sein kann, sich als Mädchen der vorgegebenen Ordnung zu entziehen. Dass Salvioni all das in einer so klaren, eindringlichen Sprache erzählt, macht dieses Debüt für mich außergewöhnlich.

Ich habe Malnata verschlungen: es ist packend, bildstark, emotional und hat mich mit seiner Mischung aus Coming-of-Age, Zeitgeschichte und unvergesslichen Figuren absolut mitgerissen. Ein Debüt, das definitiv nachhallt und Lust macht auf mehr von dieser Autorin.

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