Kazuaki Takano – 13 Stufen

Rezension Kazuaki Takano 13 Stufen Roman

In seiner Zelle erwartet der Verurteilte Kihara seit sieben Jahren die Todesboten. Immer um neun Uhr morgens holen sie die todgeweihten Kandidaten. Wann er an der Reihe ist, weiß Kihara nicht. In einem Raum ohne natürliches Licht, nur knapp drei Quadratmeter groß, durchlebt er jeden Tag Todesangst: Zittern, Schweißausbrüche und unkontrollierten Harndrang. An die Tat, für die er verurteilt wurde, kann er sich nicht erinnern. Einzig die Erinnerung an eine Treppe kehrt wieder, eine Treppe, die er in Todesangst hinauflief. Kann er dem Urteil doch noch entgehen?

In seinem Roman 13 Stufen beschäftigt sich der Roman- und Drehbuchautor Kazuaki Takano mit der Todesstrafe in Japan, ein bis heute schwieriges Thema in der Gesellschaft. Umstrittenen Umfragen zufolge ist die Mehrheit der Bevölkerung für die Todesstrafe. Takano wirft dagegen die Frage auf: Kann Schuld gesühnt werden, indem man sich selbst schuldig macht?

Die zum Tode Verurteilten müssen oft jahrelang auf die Vollstreckung warten, über die sie teilweise erst Minuten vorher in Kenntnis gesetzt werden. Die titelgebenden dreizehn Stufen stehen für die Schritte zum Galgen, auch wenn es seit der Meji-Zeit keine Podeste mit dreizehn Stufen mehr gibt. Erforderlich bleibt jedoch weiterhin die Zustimmung von genau dreizehn Beamten in fünf Instanzen, bevor das Urteil vollstreckt werden kann. Dreizehn Schritte, und mit jeder Stufe der Zustimmung kommen die Verurteilten näher an den Galgen.

Die Exekutionen haben den Vollzugsbeamten Nangō für sein Leben gezeichnet. Sein psychisches Leid lässt seine Ehe ebenso zerbrechen wie sein Verständnis von Gerechtigkeit. Als er von einem anonymen Auftraggeber damit betraut wird, die Unschuld von Kihara zu beweisen, scheidet er aus dem Justizdienst aus. Als Partner für seine Ermittlungen wählt er den gerade aus der Haft entlassenen Jun’ichi, den er zuvor selbst betreut hat und der nur knapp dem Todesurteil entkommen ist. Die beiden Amateurermittler, Vollzugsbeamter und ehemaliger Häftling, bilden ein Gegensatzpaar innerhalb des Rechtssystems und sind sich am Ende doch ähnlicher, als es zunächst den Anschein haben mag. Außerdem hütet Jun’ichi seine eigenen Geheimnisse, denn zufälligerweise war er vor zehn Jahren mit seiner Freundin ausgerissen und am selben Ort, an dem Kihara den Mord begangen haben soll.

Den Fall um Kihara aufzuklären – es handelt sich um einen Raubmord – erweist sich indes zehn Jahre nach der Tat als schwierig. Alle vorhandenen Beweise und Indizien sprechen eindeutig gegen den Angeklagten. Die Opfer sind der Bewährungshelfer von Kihara sowie dessen Frau, die er brutal ermordet und ausgeraubt haben soll. Doch ist das nicht der einzige Umstand, der Nangō und Jun’ichi beschäftigt. Immer mehr rückt auch der anonyme Auftraggeber in den Fokus der Ermittler. Es bleibt eine Frage der Zeit, ob sie die Unschuld Kiharas beweisen können, bevor das Urteil von allen Instanzen bestätigt wird.

Der erste Teil des Romans geht eher gemächlich voran. Dabei bietet er in den Beschreibungen und Dialogen einen tiefen Einblick in das japanische Rechtssystem. Dies erfolgt dabei keineswegs einseitig, auch wenn die ablehnende Position Takanos gegenüber der Todesstrafe klar zum Ausdruck kommt, denn er gibt zu lesen: „Es besteht immer die Gefahr, dass Gesetze von Seiten der Mächtigen willkürlich ausgelegt werden“. Die Diskussion darüber, wie Täter für ihre Verbrechen bestraft werden sollen und was eine ausreichende Strafe ist, werden in jeder Gesellschaft geführt. Takano macht es sich hier nicht einfach und lässt seine beiden Protagonisten verschiedene Positionen beziehen. Dabei wird immer deutlich, wie schwierig es ist, die gesellschaftlichen Ansprüche an die Moral auch in der Realität umzusetzen. Durch die ausführlichen und detaillierten Beschreibungen der formalen Abläufe des Justizsystems ist das Tempo der Handlung zunächst langsam. Dafür wird der Leser aber mit Begriffen wie Sühne und Gerechtigkeit konfrontiert und mehr oder weniger auch dazu gezwungen, selbst innerlich Stellung zu beziehen. Wie lässt sich Schuld bewerten, und kann man sie anhand von Jahren in einer Zelle bemessen? Ist die Schuld mit dem Tod abgegolten? Bei Takano kann auch die Freiheit nach dem Gefängnis wie eine Strafe wirken.

In kurzen Abschnitten werden zudem die Staatsanwälte gezeigt, die um eine genaue Prüfung der Verfahren bemüht sind, aber ebenso moralische Bedenken verspüren. So wandert der Befehl der Hinrichtung von Schreibtisch zu Schreibtisch, und der Tag des Todes rückt für die Häftlinge, die in Isolationshaft leben, immer näher. Takano lässt außerdem die Angehörigen der Opfer zu Wort kommen, die noch Jahre nach der Tat verbittert sind. In der japanischen Gesellschaft ist es normal, dass die Täter die Familie der Opfer aufsuchen und dort um Vergebung bitten, wodurch eine Verarbeitung unter Umständen weiter hinausgezögert wird.

Dem verworrenen Themenkomplex nähert sich Takano in einer analytischen und distanzierten Sprache, die sich durch ihre Klarheit auszeichnet. Dennoch lässt sich dabei durchaus Sympathie für die beiden ungleichen Ermittler herauslesen. Zum Glück verzichtet Takano trotz einer eindeutigen Botschaft und Haltung gegenüber der Todesstrafe auf einen moralischen Zeigefinger. Als Drehbuchautor beweist er ein gutes Gespür für Spannung und erhöht die Schlagzahl ab der Hälfte des Romans kontinuierlich.

Das Buch erschien bereits 2001 im japanischen Original. In seiner Heimat gehört Kazuaki Takano schon länger zu den erfolgreichsten und angesehensten Thriller-Autoren, der 2015 in Deutschland veröffentliche SciFi-Thriller Extinction konnte sich in Japan über Monate auf der Bestsellerliste halten.

Auch in 13 Stufen gelingt es Takano, sich von der Masse abzuheben. Was oberflächlich betrachtet ein klassischer „whodunit“-Krimi sein könnte, ist dank des durchdachten Themas keine gewöhnliche Ermittlungsgeschichte. Takano gelingt es, die Story um den Verurteilten Kihara spannend zu erzählen, indem er nach einer ruhigen ersten Hälfte im zweiten Teil das Tempo deutlich erhöht und die eigentliche Handlung mehr in den Vordergrund rückt. Als Hollywood-Drehbuchautor zeigt er sich als Könner der Inszenierung von Spuren und Hinweisen auf den Täter, die immer neue Wendungen einleiten und durch ein Netz aus Betrug, Halbwahrheiten, Widersprüchen und Bürokratie führen. Mit dem so gezeichnete Komplex von japanischem Rechtssystem, von Moral, Ehre und Schuld sowie dem Individuum innerhalb einer solchen Welt gewährt Takano einen Einblick in die japanische Gesellschaft und bietet dabei einen wahrlich bemerkenswerten Blickwinkel an.

Dieser Beitrag ist erstmals im Japan-Special von literaturkritik.de erschienen.

2 Antworten auf „Kazuaki Takano – 13 Stufen

  1. Das klingt super interessant! In Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ gibt es ja auch die Szene, in der der Protagonist gefühlt ewig auf die Vollstreckung seiner Todesstrafe wartet. Daran erinnert mich deine Beschreibung. Deine Empfehlungen japanischer Literatur sind immer 😚👌!

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  2. Ich wußte nicht einmal, dass es in Japan noch die Todesstrafe gibt…Leider wäre ich auch beinahe in den USA / Missourie in die Death Row gekommen…unschuldig…wie später auch festgestellt wurde…aber alleine die Angst….ist die Hölle… love and peace

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