Remix: Hörbücher der letzten Monate

Lange Zeit habe ich keine Hörbücher gehört. Lesen bedeutete für mich: Papier, Stille, volle Aufmerksamkeit. Als ich vor ein paar Jahren doch damit angefangen habe, fiel mir das Hören überraschend schwer – meine Gedanken schweiften ab, ich verlor den Faden, musste zurückspulen oder konnte mich kaum an das Gehörte Erinnern. Erst nach und nach habe ich gemerkt, dass nicht jedes Buch gleich gut als Hörbuch funktioniert. Manche Texte brauchen das Auge, andere entfalten ihre Stärke erst über die Stimme.

In den letzten Monaten habe ich einige Hörbücher gehört, die mich wirklich begeistert haben – und eines, mit dem ich kaum etwas anfangen konnte. Eine kleine, sehr subjektive Auswahl.

Joana June – Bestie

Bestie ist ein intensiver, körperlicher Roman über weibliche Wut, Begehren und Grenzüberschreitungen. Die Geschichte lebt von der Dynamik zwischen den beiden Protagonistinnen, von Nähe, Abstoßung und Machtverschiebungen. Als Hörbuch funktioniert das außergewöhnlich gut – nicht zuletzt, weil die beiden Sprecherinnen Luisa Wietzorek und Nina Reithmeier perfekt auf ihre Figuren abgestimmt sind. Ihre Stimmen verleihen dem Text eine zusätzliche emotionale Tiefe und machen die Spannungen zwischen den Figuren fast greifbar.

Theresia Enzensberger – Schlafen

In Schlafen verbindet Enzensberger essayistische Passagen über Schlaf mit autobiografischen Beobachtungen und einer erzählerischen Rahmung. Als Hörbuch, eingesprochen von der Autorin selbst, hat mich das allerdings kaum erreicht (hätte es als Printversion aber auch nicht). Für interessante Fakten über Schlaf greife ich lieber zu Formaten wie Quarks, für klug geschriebene Essays oder Autofiktion zu Didion, Levy oder Cusk. Weder inhaltlich noch stilistisch konnte mich das Buch überzeugen – auch die erzählerische Passage am Ende hat für mich nicht funktioniert.

Tahsim Durgun – Mama, bitte lern Deutsch!

Mein erstes echtes Hörbuch-Highlight dieses Jahres. Tahsim Durgun erzählt von seiner Kindheit und Jugend als Sohn einer kurdischen Mutter in Deutschland – klug, empathisch, mit viel Humor und ohne jede Selbstgefälligkeit. Besonders stark ist das Hörbuch, weil der Autor selbst liest: Seine Stimme verleiht dem Text Wärme, Timing und emotionale Präzision. Gegen Ende war ich ehrlich kurz davor, Tränen zu verdrücken – ein Hörbuch, das berührt, ohne jemals kitschig zu werden.

Mascha Unterlehberg – Wenn wir lächeln

Ein Roman über Wut, Unsicherheit und das fragile Gefüge von Freundschaft in einer Phase des Umbruchs. Unterlehberg erzählt aus der Perspektive eines Mädchens, das sich in einer Welt behaupten muss, die Körper, Begehren und Gefühle permanent bewertet. Der Text ist roh und ehrlich, ohne Kitsch oder Beschönigung, und macht Girlhood in all ihrer Ambivalenz spürbar. Ein Buch, das nachhallt, hervorragend eingesprochen von Bineta Hansen.

Ruth-Maria Thomas – Die schönste Version

Die schönste Version ist ein schmerzlich präziser Roman über Körper, Begehren und die Gewalt gesellschaftlicher Erwartungen an Frauen. Ruth-Maria Thomas schreibt schonungslos über Selbstoptimierung, Fremdblicke und die Frage, wie viel Selbstwert übrig bleibt, wenn der eigene Körper ständig bewertet wird. Der Text ist direkt, klar und lässt kaum Raum für Distanz – genau darin liegt seine Stärke. Kein angenehmes Buch, aber ein sehr kluges und notwendiges. Auch als Hörbuch eindringlich umgesetzt von Sprecherin Lili Zahavi.

Maud Ventura – Mein Mann

Dieses Hörbuch hat mir schlicht richtig Spaß gemacht. Ventura erzählt mit ironischer Schärfe von einer Ehe, die nach außen perfekt wirkt, innerlich aber von Obsession, Kontrolle und Selbsttäuschung geprägt ist. Die lakonische, präzise Sprache funktioniert im Hörformat dank Stefanie Wittgenstein hervorragend und verstärkt den schwarzen Humor des Romans. Ein Buch, das man fast atemlos hört – und das mehr Abgründe zeigt, als man zunächst erwartet.

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