Jahresrückblick: Unsere besten Bücher 2021

2021 literarische Highlights

Ein frohes neues Jahr allerseits!
Etwas verspätet möchten wir euch nun auch unsere Highlights aus dem Lesejahr 2021 präsentieren. Einige von ihnen haben wir ausführlich auf dem Blog besprochen. Zu ihren Rezensionen gelangt ihr, wenn ihr auf den entsprechenden Titel klickt. Im Folgenden erfahrt ihr, welche Bücher – Romane, Erzählungen und Sachbücher – uns besonders begeistern konnten und warum.

Karosh Taha – Beschreibung einer Krabbenwanderung

Sanaa studiert, hat einen Freund und einen Liebhaber. Ihre depressive Mutter Asija verlässt kaum das Schlafzimmer, außer, um nachts auf dem Balkon zu stehen und den Mond anzustarren. Nasser, ihr Vater, entfernt sich immer mehr von der Familie und ist kaum noch zuhause. Ihre Tante Khalida, die schreckliche Nachbarin und all die anderen „Hochhausfrauen“ haben den ganzen Tag nichts besseres zu tun, als vom Balkon zu starren oder in Sanaas Wohnzimmer zu sitzen, eine Zigarette nach der anderen zu qualmen, über andere Leute zu tratschen und sich in Sanaas Leben einzumischen. Nicht gerade die besten Bedingungen, um herauszufinden, wer man ist und was man vom Leben erwartet. Vor allem, wenn die Vergangenheit stets so schwer auf der eigenen Familie lastet und sie unter sich zu erdrücken droht.

Karosh Tahas Roman Beschreibung einer Krabbenwanderung ist eine dringliche und intensive Leseerfahrung. Er überzeugt nicht nur inhaltlich als Gesellschaftsroman über den Spagat zwischen zwei Kulturen, sondern vor allem auch mit seinen skurrilen Figuren, sowie seiner opulenten und fieberhaften Sprache und der Fülle an Bildern, die fast schon greifbar scheinen. Ich bin extrem beeindruckt von dem Talent der Autorin und freue mich, mehr von ihr zu lesen. Karosh Taha ist eine wichtige neue Stimme in der deutschen Literaturlandschaft, die man im Auge behalten sollte.

Young-ha Kim – Aufzeichnungen eines Serienmörders

Byongsu Kim ist pensionierter Tierarzt – und pensionierter Serienmörder. Seit über 20 Jahren hat er niemanden mehr umgebracht und lebt nun ein ruhiges Leben gemeinsam mit seiner Adoptivtochter Unhi. Doch drei Dinge bereiten Byongsu Unruhe: seine schleichende Alzheimer-Demenz, die ihm den Alltag immer mehr erschwert, die Frauenmorde in seiner Umgebung, sowie der mysteriöse Mann mit dem Geländewagen, der ihm neuerdings ständig begegnet. Ist das etwa Jutae Park, ein Serienmörder-Kollege? Und was hat er im Revier des alten Mannes verloren?

Young-ha Kim hat mit seinem genreübergreifenden Roman Aufzeichnungen eines Serienmörders ein extrem temporeiches, kluges und kurzweiliges Lesevergnügen geschaffen. Mit hypnotischer Sprache, viel Absurditäten und genialen Twists schafft der es koreanische Autor, dass man nur so durch die Seiten hindurch rast. Ein kleines Krimi-Juwel, das definitiv mehr Lust auf die Bücher Kims macht.

Judith Hermann – Daheim

Zu Beginn lebt die namenlose Ich-Erzählerin in einer Existenz zwischen ihrer Arbeit in einer Zigarettenfabrik und dem Blick auf eine Tankstelle von ihrem Balkon aus. Dieser feste Rhythmus wird von einem Mann unterbrochen, der sie als Assistentin für einen Zaubertrick gewinnen will. Sie besucht den Magier und dessen Frau und lässt sich in einer Kiste scheinbar zersägen. Statt jedoch das Angebot anzunehmen und auf einem Kreuzfahrtschiff nach Singapur zu fahren, um unterwegs die Gäste zu unterhalten, bleibt sie lieber auf ihrem Balkon und raucht. Darauf folgt ein Sprung von mehreren Jahrzehnten.

Daheim von Judith Hermann ist ein kunstvoll konstruierter Roman. Die namenlose Ich-Erzählerin beginnt an der Küste ein neues Leben und setzt sich mit existenziellen Fragen auseinander. Jedes Wort ist sorgsam gewählt und zwischen den Zeilen findet sich das, was die Figuren nicht aussprechen können – Schmerz, Angst und Scham. Dieser Roman voller prägnanter Figuren und Szenen gehört zu den Highlights in diesem Literaturjahr.

Douglas Stuart – Shuggie Bain

Umgeben von der Armut einer Arbeiterfamilie ist Shuggie anders: zart, gefühlvoll und feminin. Er wächst in den 80er Jahren in Glasgow auf, wo die Wirtschaftskrise allgegenwärtig ist. Seine Mutter ist die einzige, die ihn zu verstehen scheint. Sie trotzt der grauen Wirklichkeit durch auffälliges Makeup und glamouröse Kleidung – und sucht immer mehr Zuflucht im Alkohol. Shuggies Ziel ist es, sie zu beschützen, mit unerschütterlicher Liebe und großer Hingabe. Eine Aufgabe, an der letztlich scheitern muss.

Shuggie Bain ist hart, manchmal fast quälend, tragisch und gleichzeitig immer wieder hoffnungsvoll. Bildreich und emotional erzählt Douglas Stuart die toxische Beziehung zwischen Mutter und Sohn, die von verzweifelter Liebe und emotionalem Missbrauch geprägt ist. Ein Roman, der mit seinen Beschreibungen und Thematiken herausfordernd ist und die Augen nicht vor der dargestellten Armut und Hoffnungslosigkeit verschließt. Nur selten kommen schriftstellerisches Können, selbst erlebte Thematiken und solch eine konsequente Umsetzung in einem Debüt zusammen.

die besten Bücher 2021 - Jahresrückblick

Mariana Enriquez – The Dangers of Smoking in Bed

12 verwunschene und verstörende Kurzgeschichten sind in diesem Buch der argentinischen Autorin versammelt: Es geht um ein schicksalhaftes Ouija-Brett, einen belastender Fluch aus der Kindheit, einen verheerenden Herzschlag-Fetisch, zwei unersättlich hungrige Schwestern und um Kinder, die nach ihrem Verschwinden wieder zurückkehren – aber nicht mehr dieselben sind.

Mariana Enriquez‘ Erzählband The Dangers of Smoking in Bed ist düster und beklemmend, die Geschichten bewegen sich gekonnt zwischen Realität, Surrealismus und Horror. Schonungslos, teilweise auch schockierend, porträtiert sie ein modernes Argentinien – zwischen Lust, Verzweiflung, Obsession, Tod, Aberglaube und Gewalt. Ein absolutes Feuerwerk an Ideen! Für Leser*innen von Yoko Ogawas Erzählungen, Kristen Roupenian, Julia Armfield, Carmen Maria Machado und Nana Kwame Adjei-Brenyah.

John Williams –Stoner

William Stoner wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Sohn einfacher Farmer geboren. Seine Eltern beschließen, ihn an die Universität zu schicken, wo er Agrarwissenschaften studieren soll. Schnell entdeckt Stoner an der Universität seine Leidenschaft für die Literatur und wird schließlich Professor. Erzählt wird hier die Geschichte eines eigentlich normalen Mannes, dessen Leben vor allem vom Lernen und der Liebe beeinflusst wird. Der Leser begleitet Stoner bei seiner Entwicklung und hat dabei Teil an seinen Entscheidungen und Gedanken.

Der Entwicklungs- und Eheroman Stoner gehört zu den besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Die Art, wie Williams hier das Leben seines Protagonisten beschreibt, war sehr ergreifend. Das Leben von Stoner ist nicht besonders aufregend, aber trotzdem regt das Buch zum Nachdenken an und die stark ausgearbeiteten Charaktere sind sehr plastisch beschrieben. Obwohl mir Stoner als Person nicht wirklich immer sympathisch war, habe ich ihn sehr gerne durch sein trauriges und anrührendes Leben begleitet.

Emilia Roig – Why we matter

Rassismus und Feminismus wurden in den letzten Jahren häufiger in Sachbüchern beleuchtet – auch hier in Deutschland. Emilia Roig, Autorin, Aktivistin und Politologin, ist allerdings die erste, die einen ganzheitlichen, intersektionalen Blick darauf wirft: Sie schreibt über Unterdrückung zuhause, in Bildungsstätten, in den Medien, der Justiz, bei der Arbeit, im Krankenhaus, auf der Straße sowie im Körper der Frauen und bezieht dabei Queer- und Transfeindlichkeit genauso ein wie Ableismus und Klassizismus.

Why we matter ist ein unheimlich informatives Buch über die aktuelle Lage unserer Gesellschaft und bringt dabei auf erfrischende und erhellende Weise unterschiedliche Ansätze zusammen. Dabei ist es nicht nur eine Liebeserklärung an das Menschsein und die Vielfalt, sondern auch ein Aufruf, bestehende patriarchalische Strukturen aufzubrechen, um Veränderungen anzustoßen.

Hiromi Kawakami – People from my Neighbourhood

Auf nur 121 Seiten berichtet eine namenlose Erzählerin in Episoden von jeweils 1 bis 5 Seiten aus ihrem Leben in einer unbekannten japanischen Kleinstadt. Kindheitserinnerungen folgen auf aktuelle Begebenheiten sowie Erzählungen und Tratsch der Bewohner. Dabei bewegen sich alle Kurzgeschichten weitgehend im magischen Realismus bzw. im Surrealismus.

Hiromi Kawakami zeichnet in People from my Neighbourhood ein herrlich skurriles Portrait einer phantastischen Stadt und ihrer einzigartigen Einwohner – für mich jetzt schon eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Auf Deutsch wurde es leider nicht übersetzt, aber weitere Werke der Autorin sind im Hanser Verlag erschienen. Mich hat die japanische Autorin mit diesem kleinen Juwel auf jeden Fall neugierig auf ihre anderen Romane gemacht.

Juan S. Guse – Miami Punk

Über Nacht hat sich das Meer vor Miami zurückgezogen und nichts als eine Wüste hinterlassen. Der Verlust legt über Nacht unsichtbare Abhängigkeiten offen – in den Familien, in Institutionen und im Alltag. In den leerstehenden Hotels und dem stillgelegten Hafen breitet sich eine traurige Atmosphäre aus. Mittendrin: Radikale Pilger, ein spiritualistischer Kongress, die Behörde 55, eine Indie-Game-Programmiererin, eine Arbeiterfamilie, eine Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal.

Juan S. Guse hat mit Miami Punk einen der außergewöhnlichsten Romane der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben. Es dauert zwar, bis sich die verschiedenen Puzzleteile, die der Autor im Roman verteilt hat, ein einheitliches Bild ergeben, die Lösung der dabei entstehenden Fragen ist dafür aber umso spannender. Das Buch bedient sich verschiedener Verweise aus Philosophie, Popkultur, Gaming, Theologie sowie Literaturwissenschaft und lässt sich keinem Genre wirklich zuordnen. „op af“, wie Jakob Nolte auf der Umschlagseite schreibt.

Honorable mentions:
Banana Yoshimoto – Kitchen
Lily King – Writers and Lovers
Susanne Kaiser – Politische Männlichkeit
Patrícia Melo – Gestapelte Frauen

1 comment

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  1. Alexander Carmele

    „Daheim“ hätte es auch fast auf meine Jahresrückblickliste geschafft. Ich hätte mir einen etwas längeren Roman gewünscht, mehr in die Breite als in die Tiefe. Dennoch, wunderbar geschrieben, nur ein wenig zu kurz, zu aphorismenhaft die Beziehung mit der Tochter, zu schnell die Beziehung mit dem Bruder ihrer Nachbarin … aber eigentlich ist es schon eines der allerbesten Bücher des letzten (und noch anderer) Jahre.

    Gefällt mir

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