Haruki Murakami – Erste Person Singular

Haruki Murakami Erste Person Singular Rezension

Haruki Murakami ist zurück: Sein neuer Kurzgeschichtenband Erste Person Singular erzählt eindrucksvoll von den banalen und besonderen Momenten des Lebens.

Womöglich erscheint einem der Tod eines Traums trauriger als der eigentliche Tod.

Erste Person Singular ist eine Sammlung von acht Erzählungen, die von einfachen und besonderen Momenten im Leben ihrer Ich-Erzähler handeln. Eine Frau schenkt einem der Erzähler einen Gedichtband mit merkwürdigen Tankas, die von Enthauptungen handeln. Ein anderer Protagonist veröffentlicht einen Text über eine fiktive Bossa Nova-Platte Charlie Parkers, um ihn später genau diese Songs spielen zu hören, die es doch gar nicht gibt. Murakamis Kurzgeschichten zeigen uns auf so alltägliche und vertraute, gleichzeitig aber herrlich merkwürdige und spezielle Art verschiedene Facetten ihrer Erzähler – und ihres Autors selbst.

Mir war, als hätte irgendeine subtile Verschiebung stattgefunden. Mein Inneres schien nicht mit meinem Äußeren übereinzustimmen. Es war, als ob der Inhalt nicht in sein Gehäuse passte. Ich fühlte mich nicht im Einklang mit mir. Das Gefühl war mir nicht fremd, es befiel mich hin und wieder.

Wie auch seine anderen Romane und Erzählungen sind die Storys in Erste Person Singular durchzogen von einer feinen Melancholie, wenn sie von verpassten Gelegenheiten, gescheiterten zwischenmenschlichen Beziehungen und lange vergessenen Erinnerungen erzählen. Man spürt die Einsamkeit, das Bedauern und die Nostalgie, die Murakamis Erzähler in ihre Seiten einflechten. Einige der Geschichten sind klar als fiktiv zu erkennen (Ich glaube kaum, dass Murakami mal ein sprechender Affe in einem Onsen begegnet ist, aber so ganz ausschließen möchte ich das natürlich nicht), andere wiederum wirken, als würde sich der Autor seinen Leser*innen wirklich anvertrauen und eine Anekdote aus seinen jüngeren Jahren erzählen. Interessant fand ich auch „Gesammelte Gedichte über die Yakult Swallows“, ein Text, der lyrische Ergüsse über das japanische Baseballteam enthält.

Schwachstellen hatte das Buch für mich keine – mit haben alle Geschichten ziemlich gut bis sehr sehr gut gefallen. Besonders begeistert war ich von „Charlie Parker Plays Bossa Nova“ sowie „Bekenntnis des Affen von Shinagawa“, was bei beiden Erzählungen vermutlich vor allem dem Einfallsreichtum Murakamis geschult ist. Ich habe versucht, mir das Buch so lange wie möglich aufzusparen und nur häppchenweise zu genießen, da ich bis auf drei Werke mittlerweile alles von Murakami gelesen habe und es schrecklich finde, immer so lange auf etwas Neues warten zu müssen. Aber ehrlich gesagt war es sehr schwer, nicht alles am Stück wegzulesen.

„Ich glaube, dass die Liebe der Brennstoff ist, der uns am Leben hält. Vielleicht endet die Liebe eines Tages. Oder sie trägt Früchte. Aber selbst wenn die Liebe verblasst, selbst wenn sie verschwindet, bleibt uns die Erinnerung, jemanden geliebt zu haben. Und diese Erinnerung wird uns zu einer kostbaren Quelle der Wärme. Ohne diese Wärmequelle würden die Herzen der Menschen – und auch die der Affen – sich in eine kalte und unfruchtbare Ödnis verwandeln, auf die kein Sonnenstrahl fällt, wo weder Blumen des Friedens noch Bäume der Hoffnung wachsen.“

Eine verschwundene Frau, die erste große Liebe, Jazz- und Klassikmusik, Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit – Murakami greift auch in seinem neusten Erzählband auf altbewährte Themen und Figuren zurück. Wenn ich jetzt schreibe, dass es ein typischer Murakami ist, klingt das so unspektakulär und lahm. Dabei ist es alles andere als langweilig: Wir treffen zwar auf vertraute Elemente und Strukturen, ja, sogar auf eine vertraute Figur (der Affe aus Shinagawa kam schon in einer älteren Kurzgeschichte in Murakamis Band Blinde Weide, schlafende Frau vor), dennoch fühlt sich jede einzelne Erzählung frisch und neu an.

Und am Ende ist es doch genau das, was Murakamis Fans so an seinen Büchern schätzen – dass trotz der merkwürdigen Ereignisse eine gewisse Vertrautheit beim Lesen entsteht, ein Ankommen. Für mich ist Haruki Murakami einer der Autoren, die nicht immer wieder das Rad neu erfinden müssen. Er hat für sich selbst herausgefunden, was funktioniert, und auch, was bei seinen Leser*innen funktioniert. Nach vier Jahrzehnten als Schriftsteller, 13 Romanen, zahlreichen Erzählungen und mehreren Sachbüchern bleiben seine Werke immer noch faszinierend, spannend und besonders.

Manche behaupten, die glücklichste Zeit im Leben eines Menschen seien die Jahre, in denen Popsongs sich ganz natürlich und unauslöschlich ins Gedächtnis einbrennen. Vielleicht stimmt das. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht ist ein Popsong ja doch nur ein Popsong und unser Leben letztendlich nicht mehr als ein hübscher Wegwerfartikel oder ein farbenfroher Blütenschauer.

Haruki Murakamis neuster Erzählband Erste Person Singular versammelt acht starke Kurzgeschichten über banale und spezielle Momente im Leben verschiedener Ich-Erzähler. Der japanische Kultautor bewegt sich auf gewohnt hohem Niveau, wenn er klug, einfühlsam und wirklich eigensinnig über den Menschen, die Liebe und das Leben selbst schreibt.

1 comment

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  1. Klausbernd

    Hallo,
    auch ich bin ein Literaturwissenschaftler, der u.a. in Bochum studierte und im Ruhrgebiet lebte. Allerdings wohne ich nun schon seit über 30 Jahren im Ausland.
    Euren Literaturblog finde ich nicht nur inhaltlich sehr ansprechend sondern auch anmutig präsentiert.
    Murakamis Literatur finde ich teilweise zu magisch und zugleich realistisch. Das Magische verwirrt mich bisweilen bei ihm.
    Alles Gute und danke fürs Teilen
    Klausbernd
    The Fab Four of Cley
    :-) :-) :-) :-)

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